Anleger sind jetzt ziemlich lange daran gewöhnt, dass Überraschungenimmer nur mit negativen Vorzeichen auftreten. Geplatzte Hypothekenkredite, Pleitebanken und Euro-Anleihen auf Schrott-Niveau hatte kaum einer auf der Rechnung, bis die Folgen offensichtlich wurden. Daher trauen sich diewenigsten, auch einmal auf positive Überraschungen zu reagieren, etwa mit einer Erhöhung der Aktienquote.
Um es gleich zu sagen: Es besteht noch kein Grund, euphorisch zu sein. Ein Hinweis darauf gibt der Bull-and-Bear-Wise-Index, der aus 33 Markt- und Börsenindikatoren besteht. Er ist sogar zuletzt zurückgefallen. Betrachtet man die Einzelkomponenten, werden zum Beispiel Häusermarkt und Einzelhandel noch negativ gesehen, dagegen stehen Industrieproduktion und Arbeitsmarkt schon relativ gut da.Die Schlussfolgerung lautet, dass die meisten Anleger die Lage an den Kapitalmärkten kritisch sehen. Denn all diese Indikatoren mit überwiegend negativem Einschlag werden täglich in den Medien und Nachrichtenagenturen zitiert.
Das ist aber genau das Umfeld, in dem positive Überraschungen eine erstaunliche Wirkung erzielen. Denn viele Investoren werden sprichwörtlich auf dem falschen Fuß erwischt. Denn entweder sind die Anhänger der Pessimisten-Fraktion gar nicht im Aktienmarkt investiert, oder sie halten sogar Anlagen, die auf fallende Kursesetzen, so genannte Short-Produkte. In beiden Fällen sorgen die an den Märkten reichlich vertretenen Skeptiker dafür, dass bei positiven Nachrichten die Nachfrage nach Aktien sprunghaft steigt. Ist das gehandelte Volumen insgesamt eher gering, wie meist in den Sommermonaten, kann diese zusätzliche Nachfrage für deutliche Kurssteigerungen sorgen. So verwundert es nicht, dass beispielsweise der DAX-Index sich Stück für Stück bis nahe an sein altes Jahreshoch von 6.300 Punkten vorarbeiten konnte.
Ähnlich sieht es auch beim US-Aktienindex Dow Jones Industrial Average aus. Betrachtet man die Sektoren, so fällt auf, dass gerade die Aktienkurse klassischer Industrieunternehmen deutlich zugelegt haben, wie die Entwicklung eines entsprechenden Indexfonds zeigt. Im Gegensatz zu früheren Rezessionen haben sich produzierende Unternehmen nicht „kaputt gespart", also Mitarbeiter entlassen und Fabriken geschlossen. Sie haben überwiegend die Krise intelligent abgefedert und können jetzt wieder zügig die Produktion hochfahren.
Die Aufgabe einer Vermögensverwaltung für das laufende Quartal besteht darin, die aktuelle - und vielleicht noch andauernde - Zwischenrallye auszunutzen, ohne zu große Risiken einzugehen. Liquide Anlagen, die bei Bedarf rasch umgeschichtet werden können, stehen weiterhin im Fokus.