| EXtra Wochenkommentar | Dienstag, 06. Oktober 2009 |
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| Die Krise nach der Krise |
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Dr. Martin Hüfner berichtet im EXtra-Magazin über seine Eindrücke von der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Istanbul. 2010 könnte konjunkturell ein gutes Jahr werden, 2011 ein schlechtes. Formtief für den Dollar: Die US-Währung verliert Unterstützung. Viele wollen sie nicht mehr als Reservewährung. Es gibt aber keine Alternative. Gute Nachricht für die Schwellenländer: Es fließt wieder mehr Kapital in die Dritte Welt. Die Krise nach der KriseSo könnte man die Stimmung bei den Gesprächen rund um die Tagung des Internationalen Währungsfonds in Istanbul am letzten Wochenende beschreiben. Die meisten waren sich einig, dass das Schlimmste der Finanz- und Wirtschaftskrise vorbei ist. Aber keiner freute sich so richtig. Es gibt zu viele Fehlentwicklungen, die sich aufgebaut haben. Fast könnte man schon wieder von einer neuen Krise sprechen. Hier ein paar Meinungen und Eindrücke meines Aufenthalts in der türkischen Hauptstadt: Die Konjunktur wird, so die Meinung des Institute of International Finance, auch in den kommenden Monaten zum Positiven überraschen. Treibende Kräfte sind neben den staatlichen Konjunkturprogrammen, der expansiven Geldpolitik und dem Lagerzyklus auch das dynamische Zusammenwirken dieser Faktoren. Sie schaukeln sich gegenseitig hoch. Das wird oft zu wenig berücksichtig. Folglich könnte das Wachstum im nächsten Jahr deutlich höher sein als von den meisten derzeit erwartet. Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende. Die Schwierigkeiten beim Übergang vom staatlich getriebenen zum sich selbst tragenden Aufschwung sind nicht vergessen. Sie kommen nur etwas später. Sie schlagen sich daher nicht in den Wachstumsraten von 2010 nieder, sondern erst im Jahr darauf. 2011 wird daher vermutlich wieder ein schlechtes Konjunkturjahr. Die Expansionsraten werden niedriger sein als 2010. Das scheint mir nicht unplausibel. US-Dollar im FormtiefViel gesprochen wurde natürlich über den Dollar. Er befindet sich in einem Formtief. Niemand findet ein gutes Wort über ihn. Niemand will ihn als Reservewährung haben, vor allem nicht die Schwellenländer. Mit dem Ende der G 7 und der Machtverschiebung zur G 20 hat der Dollar eine wichtige Unterstützung verloren. Aber jeder weiß auch, dass es derzeit keine Alternative gibt. Die Sonderziehungsrechte sind es jedenfalls nicht. Die Amerikaner könnten die Unsicherheit beseitigen, wenn sie sich glaubwürdig für einen starken Dollar einsetzen würden. Das tun sie aber nicht. Es waren ernst zu nehmende Stimmen zu hören, die eine größere Dollarkrise in den nächsten Monaten nicht ausschließen. Ein positiver Aspekt der Weltwirtschaft ist die Aussicht, dass wieder mehr privates Kapital in die Schwellenländer fließen wird. 2009 waren die Importe privaten Kapitals nach Schätzungen des Institute of International Finance drastisch gesunken (von USD 650 auf USD 350 Mrd.). 2010 werden sie wieder auf USD 670 Mrd. steigen. Es handelt sich dabei in erster Linie um Direktinvestitionen und Anlagen in Wertpapieren, nicht dagegen um Bankkredite. Gute Nachricht für die SchwellenländerSie können ihre Investitionen leichter finanzieren. Allerdings werden sich ihre Währungen aufwerten. Es ist auch positiv für Anleger in Aktien von Schwellenländern. Sie befinden sich in guter Gesellschaft. Andererseits können Wertpapierbewegungen sehr volatil sein. Man sollte sich seiner Sache also nicht zu sicher sein. Dies umso mehr als ein großer Teil der Kapitalflüsse auf "Carry Trades" beruht, also der Aufnahme von Geldern in den USA zu niedrigen Zinsen und der Anlage dieser Gelder in den Schwellenländern. Das ist keine stabile Basis, vor allem dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass die US-Zinsen im nächsten Jahr wieder steigen.In Osteuropa ist das Schlimmste überstanden. Das Wachstum wird sich von -6,8 % in 2009 auf +2,8 % erhöhen. Polen gehört schon in diesem Jahr zu den wenigen Ländern der Welt, in denen das reale Bruttoinlandsprodukt nicht zurückgegangen ist. Schwachpunkte bleiben allerdings die baltischen Staaten sowie die Ukraine und Russland. Rettungspakete haben Zusammenbruch verhindertDie Finanzmärkte stehen insgesamt noch nicht so gut da wie die Realwirtschaft. Die staatlichen Rettungspakete haben den Zusammenbruch des Systems verhindert. Sie haben die Banken aber nicht gesund gemacht. Von den gesamten Abschreibungen und Wertberichtigungen (laut IWF ca. USD 3,4 Mrd.) sind bisher erst etwa die Hälfte in den Bilanzen verarbeitet. Es ist also noch ein langer Weg. Das wird auch die Realwirtschaft bremsen. Staatliche Regulierung war HauptthemaEin großes Thema waren natürlich die Regulierungen, mit denen künftige Finanzkrisen verhindert werden können. Die Diskussion in Istanbul ging dabei über die Ansätze von Pittsburgh zur Stärkung des Eigenkapitals und zur Verringerung der Boni hinaus. Die Chefin der amerikanischen Einlagensicherung Sheila Bair warb leidenschaftlich dafür, dass auch die so genannten "systemischen Banken" (die so groß sind, dass sie angeblich nicht pleitegehen können) in die Marktdisziplin eingebunden werden. Man muss Regelungen finden, dass auch sie insolvent werden können. Zum Beispiel könnten Gläubiger von gesicherten Papieren dieser Banken im Falle einer Insolvenz auf 20 % ihrer Forderungen verzichten müssen. Mario Draghi, der Vorsitzende des einflussreichen Financial Stability Board brachte unter anderem höhere Kapitalanforderungen für systemische Banken ins Gespräch. Von der Logik des Marktmechanismus sind solche Ideen vernünftig. In der Realität werden sie aber große Auseinandersetzungen auslösen. Ich vermute, dass das auf der Tagesordnung bleiben wird. Für die Aktien dieser Banken keine so gute Aussicht. Neue Blasenbildung wird gesehenWorauf ich Sie schon länger hingewiesen habe: Jetzt wurde auch in Istanbul über eine neue Blasenbildung auf den Finanzmärkten gesprochen. Banken nutzen die reichliche Liquidität nicht nur zur Gewährung von Krediten. Sie finanzieren damit auch spekulative Geschäfte. Die Zentralbanken sehen das natürlich nicht gerne. Eigentlich müssten sie die Liquidität schnell einsammeln. Sie tun es nur deshalb nicht, weil sie die Konjunktur nicht kaputt machen und weil sie die Banken nicht in größere Schwierigkeiten bringen wollen. Zentralbanker bestätigen, dass es in dieser Frage in ihren Institutionen erhebliche Auseinandersetzungen gibt. Wann daraus konkrete "Exit"-Schritte folgen, ist schwer zu sagen. Natürlich wurde in Istanbul auch viel über die Türkei selbst gesprochen. Es gibt Indizien, dass das Land zunehmend spürt, dass die EU einen Beitritt des Landes zur Gemeinschaft eigentlich nicht will. Wenn das der Fall ist, dann muss sich das Land Gedanken machen, welche Alternativen es langfristig gibt. Das Bündnis mit den USA und der Nato reicht auf Dauer nicht. Aber mit wem könnte die Türkei zusammengehen? Mit den Länder der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, also Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken? Mit dem Mittleren Osten? Mit dem Iran? In den offiziellen Statements der Politiker war davon freilich nichts zu hören. Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management. EXtra-Magazin iPad App Jetzt downloaden! |