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China: Besonders interessant ist der IT-Sektor

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Eric Wiegand, Leiter Xtrackers ETF Strategie Europa & Asien, Deutsche Asset Management

Das Research-Team der Deutschen Asset Management untersuchte vor kurzer Zeit den Finanzmarkt in China. Das EXtra-Magazin sprach über Chancen und Risiken im Reich der Mitte mit Eric Wiegand, Leiter Xtrackers ETF Strategie Europa & Asien, Deutsche Asset Management.

Die Deutsche AM analysierte vor kurzer Zeit den chinesischen Markt. Was macht China aus Ihrer Sicht nach wie vor für Anleger besonders interessant?

Der Aktienmarkt Chinas gehört zu den Überraschungen des Börsenjahres 2017. Während die Aktienmärkte der meisten Industrienationen – in Euro gerechnet – bereits im März ihren Höhepunkt erreicht hatten, haben Aktien aus Schwellenländern, speziell aus China, weiter zugelegt. Per Ende August weist der MSCI China eine Wertentwicklung von 41,69 Prozent auf, deutlich besser als andere Aktienmärkte aus Industrie- aber auch Schwellenländern. Auch langfristig kann den MSCI China eine imponierende Wertentwicklung aufweisen, von 188 Prozent seit August 2006 – wenn auch mit einer sehr hohen Volatilität.

Auf dem zurückliegenden 19. KP-Parteitag wurde beschlossen, verstärkt auf die Binnenwirtschaft zu setzen. Gehört die Konsumgüterwirtschaft zu den künftigen Gewinnern? Und welche anderen Sektoren dürften zudem besonders für Anleger interessant sein?

Die stabilen Konjunkturaussichten lösten bei den chinesischen Konsumenten einen schon lange nicht mehr beobachteten Optimismus aus: Chinas Index für das Verbrauchervertrauen erreichte im Sommer mit 114,6 Punkten den höchsten Stand seit 20 Jahren.  Schon in den vergangenen Jahren ist der private Konsum in China kräftig gestiegen, weil das Lohnwachstum das allgemeine Wirtschaftswachstum übertroffen hat. Dieser Boom beim Konsum konzentriert sich überwiegend auf Luxusgüter und auf Importe. Die Konsumdynamik scheint dabei von einem Wohlstandseffekt getrieben zu sein, der sich aus der jüngsten, sehr starken Steigerungen der Immobilienpreise ergibt. Da der Boom der Häuserpreise mittlerweile Städte aus der zweiten Reihe und in Satellitenstädte mit zusammen 63,4 Prozent der Stadtbevölkerung erreicht hat, profitiert jetzt ein größerer Anteil der chinesischen Bevölkerung davon.

Besonders interessant erscheint der IT-Sektor, der mit einem Gewicht von rund 40 Prozent den größten Teil des MSCI China-Index darstellt. Allein in den ersten acht Monaten des laufenden Jahres verzeichnete der Sektor 71,93 Prozent Zuwachs, verglichen mit 41,69 Prozent für den breiten China-Index. Zu den Top-Zehn-Unternehmen im MSCI China Index zählen aktuell die Internet-Konzerne wie Tencent Holdings, Alibaba Group, Baidu.com, Netease.com sowie der Mobilfunk-Gigant China Mobile.

In den vergangenen Monaten legten chinesische Aktien kräftig zu. Lohnt es sich überhaupt jetzt noch, in den Markt einzusteigen, sind chinesische Aktien nicht schon zu teuer?

Zwar ist die Bewertung chinesischer Aktien aufgrund der starken Wertentwicklung zuletzt gestiegen und das erwartete Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei aktuell 14,6, doch liegen die Bewertungen in den USA und Europa zum Teil deutlich darüber. Zudem können chinesische an der Börse notierte Unternehmen ein starkes Ertragswachstum vorweisen. Nach Analystenschätzungen steigen die Gewinne pro Aktie im laufenden Jahr um 14 Prozent, 2018 sogar um 15 Prozent. Dagegen erwarten die Märkte für die USA, Japan und die Eurozone im kommenden Jahr eine rückläufige Ertragskraft der gelisteten Unternehmen. Auch langfristig  ist der chinesische Aktienmarkt aussichtsreich: Die Stabilisierung des Yuan gegenüber dem US-Dollar hat dazu geführt, dass der Kapitalabfluss von China in den Dollar-Raum gesunken ist und dadurch die Angst vor einer „harten“ Landung der chinesischen Wirtschaft zurückgegangen ist.

Im Frühjahr nahm der Index-Provider MSCI erstmals chinesische Festlandaktien (A-Shares) in den MSCI Emerging Markets-Index auf. Wie bewerten Sie diesen Schritt, in welchem Zeitraum dürften weitere Aktien aufgenommen werden und inwieweit dürfte dieser Schritt die Kurse in die Höhe treiben?

Durch die Entscheidung des amerikanischen Indexanbieters MSCI in diesem Juni, künftig lokal gelistete chinesische Aktien (sogenannte A-Aktien) mit in den MSCI Emerging Markets Index aufzunehmen, werden bis zu 450 chinesische Large- oder Mid-Cap A-Aktien Bestandteil des Index. Investoren, die sich am MSCI EM Index orientieren, würden bis zu 340 Milliarden US-Dollar in diese Aktien investieren. Dies könnte zu einer verbesserten Markteffizienz, geringerer Volatilität und einer höheren Beteiligung institutioneller Investoren am chinesischen Aktienmarkt führen.

Wie sieht es mit den Strukturreformen und der Öffnung der Wirtschaft und des Aktienmarktes für ausländische Investoren aus?

Insgesamt ist unverkennbar, dass die meisten Wirtschaftsindikatoren in China die Erwartungen zuletzt übertroffen haben, so dass die Deutsche Asset Management ihre Wachstumsprognose für 2017 von 6,5 auf 6,7 Prozent und für 2018 von 6,3 auf 6,5 Prozent anheben konnte. Diese positive Entwicklung spiegelt ein starkes globales Umfeld sowie strukturelle Verbesserungen im Inland wider. Der bisherige Jahresverlauf wurde von soliden Fundamentaldaten, kürzlich angekündigten Reformen staatlicher Unternehmen und Plänen zur Umstrukturierung der Wirtschaft getragen, die alle die langfristigen Wachstumsaussichten der Wirtschaft stützen dürften.

China hat bereits einiges unternommen, den Aktienmarkt für ausländische Anleger zu öffnen. Lange waren die in der chinesischen Währung Renminbi gelisteten A-Aktien nur chinesischen Investoren vorbehalten. Aber spätestens mit dem Ende 2011 eingeführten Renminbi Qualified Foreign Institutional Investor (RQFII)-Programm konnten physische ETFs aufgelegt werden, die ausländischen Investoren direkten Zugang zu chinesischen Aktien bieten. Die Deutsche Asset Management mit ihrem chinesischen Partnerunternehmen Harvest Global Investments, hatte 2014 den ersten physischen „A-Aktien“-ETF in Europa an der Deutschen Börse notiert.

Lange Zeit korrelierten der Rohstoffmarkt und der chinesische Aktienmarkt stark miteinander. Zuletzt entkoppelten sich die Märkte. Was ist der Grund dafür und wie bewerten sie die künftige Entwicklung?

Es ist offensichtlich, dass die Rohstoffpreise weiterhin ein entscheidender Faktor für die relative Gesamtperformance von Aktien in Schwellenländern bleiben werden. In der Entkopplung spiegelt sich der Erfolg chinesischer Reformen. So haben sich die Behörden darauf konzentriert, Überkapazitäten in rohstofflastigen Industrien wie Stahl und Aluminium abzubauen – und das in signifikantem Umfang: Etwa ein Viertel der Kapazität in der Kohleförderung wurde gekappt sowie mehrere große Stahl- und Aluminiumhütten geschlossen. Das hat nicht nur zu einer besseren Kapazitätsauslastung und zu einer besseren Rentabilität in diesen Sektoren geführt, sondern auch zu weniger Umweltbelastung. Ganz nebenbei hat diese Politik der Angebots-Konsolidierung dazu beigetragen, die Rohstoffpreise insgesamt zu stabilisieren, denn die Schließung der überschüssigen Kapazitäten in der Stahl- und Aluminiumproduktion hat in jüngerer Zeit auch zu einer deutlichen Erholung der Preise für Nichteisen-Metalle geführt.

Wie sieht es aktuell mit geplanten Neuen Seidenstraße aus. Welche Chancen und Risiken bietet dieses Projekt für Investoren?

Inspiriert von den uralten Handelsrouten der Seidenstraße hofft China mit seiner „One Belt One Road -Initiative“ (OBOR) mehr als 65 Länder miteinander zu verbinden, die bis zu 40 Prozent der globalen Wirtschaftsleistung auf sich vereinen. Diese Seidenstraßeninitiative könnte in den kommenden Jahren für weiteres Wachstum bei Handel und Erträge sorgen – schon heute zeichnet sich ab, dass sich der internationale Handel immer mehr nach Asien und China verlagert.

Chinas Gesamtverschuldung zum Bruttoinlandsprodukt beträgt insgesamt 258 Prozent. Immer wieder spricht man von den faulen Krediten der Schattenbanken: Wie groß ist die Gefahr, dass die Blase bald platzt?

Angesichts der wirtschaftlichen Entwicklung Chinas sind die Gesamtschulden zweifellos auf einem hohen Niveau. Auf der Ebene der Zentralregierung allerdings liegt die Verschuldung bei nur 37,6 Prozent des BIP und stellt damit kein wirkliches Problem dar. Bemerkenswert dagegen ist das Tempo, mit dem die Verschuldung der Staatsunternehmen und lokalen Regierungen steigt. Eine baldige Schuldenkrise ist dennoch eher unwahrscheinlich, und das aus drei Gründen:

  • Chinas Kapitalkonto ist nicht offen und die meisten Schulden werden von einheimischen Investoren gehalten.
  • Auch wenn es hochverschuldete und ineffiziente Staatsunternehmen gibt, weist der Großteil des Unternehmenssektors eine niedrige Verschuldung auf. Das eigentliche Schuldenproblem beschränkt sich auf bestimmte Sektoren, insbesondere China Railway, die Kohle- und Stahlindustrie, den Baustoff-, Schiffbau- und Immobiliensektor. Alle diese Sektoren befinden sich gerade in der Umstrukturierung.
  • Die Verschuldung der Kommunalverwaltungen hat zwar stark zugenommen, doch dieser Anstieg dürfte im kommenden Jahrzehnt geringer ausfallen. Zudem reformiert China sein Steuersystem, um den Kommunalverwaltungen mehr Einnahmequellen zu ermöglichen.

Seit Anfang dieses Jahres hat die People’s Bank of China (PBoC) begonnen, ihre Geldpolitik zu straffen. Dieser Aspekt sollte die Verschuldung künftig weiterhin dämpfen. Vor diesem Hintergrund und im Zuge einer strengeren Bankenregulierung hat sich das Wachstum der Bankkredite deutlich abgeschwächt und Chinesische Staatsanleihen entwickeln sich relativ stabil, wie beispielsweise der Harvest CSI China Sovereign Bond UCITS ETF zeigt.

ETF-Anleger standen zuletzt eher an der Außenlinie und profitierten nur geringfügig an den steigenden Aktienkursen. Worauf beruht dieser Pessimismus und sehen Sie inzwischen eine Kehrtwende?

Es ist interessant, dass ETF-Investoren diese Gelegenheit bisher weitgehend verpasst haben: Im vergangenen Jahr stiegen die Vermögenswerte der in Europa gelisteten chinesischen ETFs nur um 78 Mio. Euro, und in den vergangenen fünf Jahren sind die in chinesischen Aktien-ETFs investierten Vermögenswerte sogar um 2,1 Mrd. Euro zurückgegangen. Dieses Bild dürfte damit zu erklären sein, dass Investoren aktiv verwaltete Fonds und Direktinvestitionen, insbesondere in Aktien der bekannten chinesischen Technologiekonzerne, bevorzugen. Zudem geht die hohe Rendite mit einer sehr großen Volatilität der Aktienkurse einher.  Maßnahmen zur Öffnung der chinesischen Aktienmärkte werden voraussichtlich eine große Bedeutung für die Bereitschaft internationaler Investoren haben, das Investitionsrisiko für chinesische Aktien zu tragen.

Informationen zu ETFs auf chinesische Aktien erhalten Sie in unserem Anlageleitfaden.

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.