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Comeback für Deutschland?

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Wochenkommentar Dr. Huefner

Selten war die Stimmung in Industrie und in den Banken so unterschiedlich wie heute. Der Pessimismus, der noch bis vor kurzem im verarbeitenden Gewerbe vor­herrschte, scheint wie weggeblasen. Optimismus, Zukunftsorientierung sind angesagt. Es geht wieder auf­wärts. Nachdem ich in den letzten Wochen viel über die Sorgen und Ängste auf den Finanzmärkten geschrieben habe, hier ein paar Bemerkungen zu den positiven As­pekten in der Realwirtschaft. Wie kam es zu dem Um­schwung? Ist das nur eine Laune, oder steckt mehr da­hinter?

Die Industrieproduktion boomt

Auslöser der besseren Stimmung ist, dass die Geschäf­te gut laufen. Von Januar bis Mai ist die Industrieproduk­tion mit einer Jahresrate von 15 % gestiegen. Die Auf­tragseingänge nahmen preisbereinigt sogar um 30 % zu. Wenn das so weitergeht, ist in einem Jahr wieder das Produktionsniveau von vor der Krise erreicht (natürlich nur in der Industrie, nicht in der Gesamtwirtschaft). Das Geschäft brummt über die ganze Breite, vom Stahl und der Chemie über den Anlagenbau bis hin zur Autoindus­trie. Nur in den konsumnahen Bereichen läuft es verhal­tener. Im Maschinenbau gibt es Zweifel, ob die Bele­bung der inländischen Investitionsnachfrage wirklich nachhaltig ist. Auf dem Arbeitsmarkt gibt es schon wie­der Facharbeitermangel.

Als Folge gehen die Gewinne nach oben. Sie profitieren von der steigenden Kapazitätsauslastung, den weitrei­chenden Rationalisierungsmaßnahmen während der Krise, den nicht mehr so stark steigenden Rohstoffkos­ten und selbstverständlich auch von der Abwertung des Euro. Die Lohnerhöhungen waren bisher sehr moderat. Das wird freilich nicht so bleiben. Es würde mich wun­dern, wenn die Gewerkschaften auf die guten Gewinne nicht mit neuen Forderungen reagie­ren. In jedem Fall steigen die Effektivlöhne.

Der Umschwung in der Industrie kam für viele recht plötzlich und überraschend. Natürlich weiß niemand, ob sich das so fortsetzt. Es gibt auch in der Industrie vor­sichtige Stimmen. Andererseits steht dahinter eine Reihe von sehr grundlegenden Entwicklungen, die sich nicht so schnell drehen.

Da sind erstens die Veränderungen in den Schwellen­ländern, und zwar nicht nur in China und den anderen BRIC’s (Brasilien, Russland, Indien), sondern auch in den vielen kleineren Ländern in Asien oder auch in den Staaten Südamerikas. Ihr Gewicht im Welthandel wird immer größer. Sie werden daher für Exportnationen wie Deutschland immer wichtiger. Gleichzeitig verlieren viele ihren Vorteil niedriger Löhne. Sie müssen daher mehr importieren.

Zweitens hat sich die Wettbewerbsfähigkeit der deut­schen Industrie verbessert. Gemessen an den Preisen hat sie sich in den letzten 15 Jahren um 15 % erhöht. Dazu kommen die vielen weichen Faktoren. Qualität und Lie­ferzuverlässigkeit sind hierzulande traditionell besser und werden im Wettbewerb immer wichtiger. Es gibt in Deutschland weniger Gefahren der Industriespionage. Viele Unternehmen holen Produktion, die sie vorher ins Ausland verlagert hatten, wieder in die Bundesrepub­lik zurück. Es gibt Autohersteller, die die PKWs für den chi­nesischen Markt vollständig in Deutschland produzie­ren, sie dann für die Verschiffung in Einzelteile zerlegen und sie in China nur noch zusammenschrauben.

Drittens haben sich die Unternehmen von der Kreditwirt­schaft emanzipiert. Sie haben erhebliche Liquiditätspuf­fer aufgebaut. Sie müssen daher keine Kreditklemme mehr befürchten. Sie müssen keine Angst haben, von einer neuen Finanzkrise nach unten gezogen zu wer­den. Siemens gründet für seine EUR 9 Mrd. Cash-Re­serven eine eigene Bank. Die Geschäftsbanken werden das genau beobachten. Hier geht ihnen durch den Ver­trauensverlust in der Krise dauerhaft Geschäft verloren.

Viertens schließlich profitiert die Industrie auch direkt von der Finanzkrise. Wenn die Risiken der Kapitalanlage steigen, die Zinsen aber durch die Zentralbank niedrig gehalten werden, geht das zu Lasten der Ersparnis. Bei den mickrigen Renditen wird weniger auf die hohe Kante gelegt und mehr verbraucht. In ähnlicher Richtung wirkt die Erhöhung der Risiken auf den internationalen Finanzmärkten. Sie führt dazu, dass weniger Kapital ins Ausland exportiert und mehr im In­land angelegt wird. Das kommt den deutschen Firmen zugute.

Gründe für einen Paradigmenwechsel

Das sind gute Gründe für einen „Paradigmenwechsel“, wie es der Chef des Münchner Ifo Instituts, Hans-Werner Sinn, vorige Woche auf der Jahresversammlung seines Instituts formulierte. „Es wird ein Kippschalter umgelegt“: In den nächsten 10 bis 15 Jahren wird es in Deutsch­land wieder mehr Wachstum geben. Der Bau wird boo­men. Die außenwirtschaftlichen Überschüsse gehen zu­rück. Die Konjunkturprognosen werden nach oben revi­diert werden müssen. Löhne und Preise werden in Deutschland nicht mehr weniger steigen als in der Peri­pherie Europas, sondern eher mehr. Das wäre ein „Comeback für Deutschland“, dessen Grundlagen ich schon einmal beschrieben habe.

Natürlich ist vieles davon Zukunftsmusik und mit erheb­lichen Risiken verbunden. So ganz ausblenden darf man die Unsicherheiten auf den Kapitalmärkten nicht. Sie be­lasten die Investitionsneigung. Es kann auch schlechter kommen. Es muss aber nicht. Das ist das Neue.

In diesem Stimmungsumschwung könnte auch ein Grund liegen, weshalb sich die deutschen Aktienkurse in letzter Zeit deutlich besser entwickelt haben als die in anderen Ländern. Seit Anfang März gehörte der DAX zu den wenigen Indizes, bei denen es ein Plus gab (4,1 %). Der amerikanische Dow Jones verringerte sich um 5,1 %, der japanische Nikkei um 5,9 %, der Schwei­zer SMI um 9,5 % und der österreichische ATX um 5,7 %.

Für den Anleger

Glauben Sie nicht denen, die die Zukunft, vor allem die Zukunft Deutschlands nur schwarz sehen. Der deutsche Aktienindex könnte sich auch längerfristig besser als an­dere Indizes entwickeln. Wenn die Prognose richtig ist, werden dann freilich auch die Löhne, die Inflation und dann auch die Zinsen wieder ansteigen. Der Euro dürfte von einer solchen Entwicklung per Saldo profitieren. Ei­nerseits zieht ihn eine bessere Wirtschaft in Deutsch­land nach oben. Andererseits verringern sich die innereuro­päischen Spannungen. Das ist freilich ein sehr langer Prozess, der auch mit viel Unruhe, auch in sozialer Hin­sicht verbunden sein kann.

Dr. Hüfner ist Chefvolkswirt der Assenagon Asset Management S.A.

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