Start News Das Bankgeschäft schrumpft

Das Bankgeschäft schrumpft

42
Dr. Martin Hüfner

Zum ersten Mal seit sechzig Jahren geht das Bankgeschäft absolut zurück. Damit wird die Kreditwirtschaft auf gesün­dere Beine gestellt. Der monetäre Überbau der Realwirtschaft wird auf eine vernünf­ti­gere Basis reduziert. Noch steckt die Entwicklung in den Kinder­schuhen. Damit sie sich fortsetzt, ist es auch wichtig, dass die Notenbanken die Geldver­sorgung knapp halten.

Das hat es in den sechzig Jahren der Nachkriegszeit noch nicht gegeben: Dass die Bilanzsumme der Banken über einen längeren Zeitraum nicht mehr steigt, sondern absolut zurückgeht. In den letzten Monaten wurden im­mer wieder Zweifel geäußert, ob die Banken wirklich et­was aus der Krise gelernt hätten und ob sie ihr Geschäft auf ein stabileres Fundament stellen würden. Ich habe an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass diese Beden­ken nicht ganz ungerechtfertigt sind. Umso wichtiger ist es aber, auch auf die Bereiche hinzuweisen, bei denen sich Änderungen und Verbesserungen ergeben.

Seit Oktober 2008 (also unmittelbar nach der Insolvenz von Lehman Brothers) hat sich die Bilanzsumme der Banken in Euroland nach den Statistiken der Europäi­schen Zentralbank um EUR 730 Mrd. oder 2 % verrin­gert. In Deutschland war der Rückgang relativ gesehen noch größer (-5 %). Hier waren es vor allem die viel ge­scholtenen Großbanken, die ihr Geschäft zurückfuhren (-11 %). Die Deutsche Bank weist in ihrem neuesten Zwischenbericht eine Verringerung der Bilanzsumme binnen Jahresfrist um 23 % aus (von EUR 2.200 auf EUR 1.700 Mrd.).

Diese Entwicklung beruht nicht – das ist angesichts der Diskussion über die Kreditklemme wichtig – auf einer Zurückhaltung im Kreditgeschäft. Die Ausleihungen an Unternehmen und Privatpersonen in Euroland haben zwar konjunkturbedingt nicht mehr so stark zugenom­men. Sie gingen aber auch nicht zurück. Entscheidend für die Rückführung des Geschäfts der Banken waren zwei Faktoren. Zum einen die Zurückhaltung im Inter­bankengeschäft. Das ist wenig überraschend. Die Geld­märkte waren zeitweise zusammengebrochen. Zum anderen spielte eine Rolle, dass die Aktivitäten der Banken außerhalb von Euroland eingeschränkt wurden. Das hängt sicher zum Teil mit dem Rückgang des Ex­portgeschäfts zusammen. Darüber hinaus versuchen die Banken aber auch, ihre Risiken im internationalen Ge­schäft insgesamt zu beschränken. Das traf Asien, aber auch Zentral- und Osteuropa.

Die Schrumpfung des Bankgeschäfts hat erhebliche Aus­wirkungen.

Erstens wird das Geschäft der Kredit­wirtschaft wieder auf eine gesündere Grundlage ge-stellt. Das berüchtigte Leveraging, also die Nutzung von Fremdkapital als Hebel, um die Rendite des Eigen­kapi­tals zu erhöhen, wird zurückgeführt. Die Eigen­ka­pital­quote erhöht sich. Bei der Deutschen Bank hat die Tier 1-Eigenmittelquote binnen Jahresfrist von 10,1 auf 11,1 % zugenommen. Bei der UBS stieg sie sogar von 12 auf 13,2 %. Das sind Sätze, die vor der Krise kaum denkbar gewesen waren.

Der Preis dafür ist freilich – zweitens -, dass die Renta­bilität zurückgeht. Wenn die Banken weniger Geschäfte machen, verdienen sie natürlich auch weniger. Das ist bisher noch nicht in den Ergebnissen erkennbar, weil die Kreditinstitute in diesem Jahr von der guten Entwicklung an den Aktien- und Rentenmärkten profitieren konnten. Es wird sich aber auf Dauer zeigen.

Drittens geben die Banken dem Inlands- und dem Kundengeschäft eine höhere Priorität. Die Deutsche Bank etwa stärkt das Geschäft mit privaten Kunden in Deutschland, indem sie die Postbank kauft und sich an Sal. Oppenheim beteiligt. Insgesamt werden sich die Leistungen der Finanzwirtschaft für Unternehmen und Verbraucher verbessern. Das erhöht die Reputation der Banken in der Öffentlichkeit, die in den letzten Jahren so stark in den Keller gegangen ist.

Viertens, die andere Seite der Medaille, verschlechtert sich die Effizienz auf den Finanzmärkten. Es fließt we­ni­ger Liquidität auf diese Märkte und die Zahl der Markt­teilnehmer verringert sich. Damit wird der Wettbewerb schwächer. Geld- und Briefspannen werden größer. Strukturierte Produkte etwa zur Absicherung von Zins- und Währungsrisiken werden für die Nutzer teurer.

Fünftens müssen Private Equity- und Hedge-Fonds ihr Geschäft auf risikoärmere und nicht so renditeträchtige Modelle umstellen. Sie bekommen weniger Leverage-Kredite. In der Vergangenheit arbeiteten sie zum großen Teil mit solchen Krediten, um mit ihrem Eigenkapital eine entsprechende Rendite zu erzielen. Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist dies zu begrüßen, weil es die Risiken verringert. Gerade im konjunkturellen Abschwung geriet eine Reihe von Firmen der Private Equity-Gesellschaften in Schwierigkeiten, weil sie zu wenig Eigenkapital hatten und ihnen damit das notwen­dige Polster zur Überbrückung der Krise fehlte.

Sechstens verringert sich der monetäre Überbau der Wirtschaft, der während der Krise so stark kritisiert worden war. In den letzten Jahren war das Finanz­geschäft stets schneller als die Realwirtschaft gewach­sen. Die Banken haben sich von ihren Kunden immer mehr emanzipiert. Damit ist es jetzt vorbei. Das Finanz­ge­schäft wird wieder auf das zurückgestutzt, was für Unternehmen und Haushalte wirklich notwendig ist.

Siebtens verschlechtert sich natürlich auch die Per­so­nalsituation in der Kreditwirtschaft. Wenn die Bilanz­summen zurückgehen, werden auch weniger Mitarbeiter gebraucht.

Achtens schließlich hat das Ganze auch internationale Auswirkungen. Der Finanzplatz London, der in den letzten Jahren einen außerordentlichen Aufschwung genommen hatte, verliert an Bedeutung. Das ist einer der Gründe, weshalb Großbritannien stärker als andere von der Rezession betroffen ist und das Pfund Sterling schwächelt. In Deutschland wird Frankfurt relativ stärker getroffen, wenn das Bankgeschäft zurückgeht.

Natürlich befinden wir uns erst am Anfang der Entwick­lung. Noch ist die Schrumpfung des Bankgeschäfts rela­tiv gering. Noch ist auch nicht sicher, wie weit sie geht und ob sie nachhaltig ist. Nur wenn die Entwicklung an­hält, werden sich die genannten Auswirkungen voll ein­stellen. Wichtig ist dafür nicht nur die Einsicht der Ban­ken. Auch die Notenbanken müssen rechtzeitig damit anfangen, die Liquidität knappzuhalten und die Zinsen an­zuheben. Denn die hohe Liquidität und die niedrigen Zin­sen waren mit ein Grund dafür, dass es auf den Märkten so viel Zockerei gab.

Für den Anleger

Die Verringerung des Bankgeschäfts per Saldo eine gute Botschaft. Die Kreditwirtschaft wird in Zukunft zwar nicht mehr so viel verdienen. Sie steht aber auf solideren Füßen. Bankwerte sind auch nach den starken Kursgewinnen der letzten Monate noch rela­tiv billig und kaufenswert. Titel der Realwirtschaft profi­tieren, wenn nicht mehr so viel Geld in die Finanzwerte fließt.

Dr. Martin Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunkturelle Entwicklungen. Er gilt als ausgewiesener Experten und ist derzeit als Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management S.A. tätig.

TEILEN
Vorheriger ArtikelETFs: Nachzügler gesucht
Nächster Artikeldb x-trackers bringt vier neue Short-ETFs
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.