Start News Das Ende der Rezession – Was nun?

Das Ende der Rezession – Was nun?

61
martin_huefner

Es ist an der Zeit, die weltweite Rezession als zu Ende zu erklären. Das zweite Quartal ist besser gelaufen als erwartet. Eine Reihe von Firmen in den USA und in Eu­ropa hat positive Zahlen vorgelegt, angefangen von Al­coa bis hin zu Intel, Philips, BMW und „natürlich“ die In­vestmentbanken Goldman Sachs und JPMorgan.

Dr. Martin W. Hüfner

Chefvolkswirt
Assenagon Asset
Management S.A.

In Chi­na, dem weltgrößten Automobilmarkt, wurden im Juni 48 % mehr PKW verkauft als im Jahr davor. Das reale Brut­toinlandsprodukt lag um 7,1 % über dem Vorjahr. In Deutsch­land ist die Wirtschaftsleistung nach einer ersten Schätzung des Bundeswirtschaftsministeriums nicht mehr gefallen, sondern leicht gestiegen. In den USA wird spekuliert, dass die Rezession im August oder September offiziell als beendet erklärt werden könnte. Der Aktienmarkt hatte einen guten Riecher, in Erwartung dieser Entwicklung schon frühzeitig einen Aufschwung zu proben.

Die Frage ist, wie es jetzt weitergeht. Nach dem Lehr­buch folgt auf die Rezession der Aufschwung. Können wir uns darauf jetzt einstellen? Nach meiner Meinung ist das zu früh. So modellgerecht geht es in der realen Ent­wicklung selten zu. Was wir jetzt sehen, ist zunächst ein­mal der erste Teil des konjunkturellen „W“. Nach dem starken Rückgang des realen Bruttoinlandsprodukts in den letzten Quartalen folgt der kleine Aufstrich nach oben. Es könnte sein, dass sich das auch noch im drit­ten Quartal so fortsetzt.

Es gibt aber schon einen ersten Hinweis, dass es damit genug sein könnte. Der Geschäftsklimaindex des ZEW in Mannheim, der den meisten anderen Geschäftsklima­indizes zeitlich voraus läuft, zeigte im Juli für Deutsch­land nach acht Monaten Aufwärtsbewegung eine erste Verschlechterung. Das ist ein vager Hinweis darauf, dass das reale Bruttoinlandsprodukt im vierten Quartal leicht sinken könnte. Dafür spricht auch, dass dann der Lagerzyklus, der derzeit so wichtig für die Konjunktur­ent­wicklung ist, ausgelaufen sein dürfte. Auch die Kon­soli­dierung am Aktienmarkt in den letzten vier Wochen könn­te ein Indiz sein, dass sich die Konjunktur zum Jah­res­ende wieder abschwächt.

Danach ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende. Vielmehr kommt dann die vielleicht schwierigste Phase des konjunkturellen Umschwungs. Dann setzen nämlich vor allem in Europa die Spätfolgen der Rezession bei Arbeitslosigkeit und Insolvenzen ein. Sie belasten so­wohl den privaten Konsum als auch die Investitions­nei­gung. Gleichzeitig verringern sich die Wirkungen der staatlichen Stützungsprogramme und der geldpoliti­schen Lockerung. Das wird der Lackmustest, ob die Kon­junktur sich selbst tragen kann oder ob sie weitere Hilfen braucht. Es ist zu vermuten, dass sich die Wirt­schaft in dieser Zeit mal nach oben, mal nach unten bewegt. Wir hätten dann eine Art Waschbrett-Formation. Das kann das Jahr 2010 prägen.

Abgeschlossen werden müsste das Ganze mit dem end­gültigen Aufschwung. Wir befinden uns dann vermutlich im Jahr 2011. Das reale Bruttoinlandsprodukt müsste zum Beispiel im Fall von Deutschland um rund 7 % stei­gen. Nur dann würde das Ausgangsniveau vor dem Kon­­junktureinbruch in diesem Jahr wieder erreicht. Ich fürchte, das Warten auf eine solche Erholung könnte zu dem berühmten „Warten auf Godot“ werden, das so nicht in Erfüllung gehen wird. Oder um es anders auszu­drücken: Die Rezession ist zwar vorbei, die Krise aber noch nicht.

In der jüngeren Vergangenheit hat es in Deutschland noch nie einen Aufschwung um 7 % im Verlauf eines Jahres gegeben. So etwas gab es nur nach der Welt­wirtschaftskrise, als die Nationalsozialisten die Wirt­schaft mit dem Bau von Autobahnen und dem Aufbau einer Rüstungsindustrie „dopten“. Die stärkste Erholung seit der Wiedervereinigung – Ende der 90er Jahre –brachte einen Zuwachs von 7 % nicht in einem, sondern in zwei Jahren. Wenn sich diese Entwicklung so wieder­holen würde, dann hätte Deutschland Ende des Jahres 2012 wieder das Niveau von 2008 erreicht.

Das wäre der bestmögliche Fall. Er ist aber unwahr­scheinlich. Unter den heutigen Bedingungen ist mit einer so starken Expansion nicht zu rechnen. Denn die Wachs­tumsbedingungen haben sich weltweit ver­schlechtert. Durch die Rezession sind Produktions­kapa­zitäten und Arbeitsplätze weggefallen. Wo Men­schen in den Vorruhestand geschickt wurden, werden sie nach der Krise nicht wieder für ihre alte Arbeit mobi­lisiert wer­den können. Überall werden derzeit die Schät­zungen über die Produktionskapazität beziehungs­weise das Potenzialwachstum nach unten revidiert.

Hinzu kommt, dass sich der Einfluss des Staates auf die Wirtschaft erhöht hat. Das ist per se nicht unbedingt wachstumsförderlich. Die Leistungskultur leidet unter dem Wegfall, zumindest der Kürzung von leistungs­orien­tierten Gehaltsbestandteilen. Die Globalisierung hat eine Pause eingelegt. Zum Teil gibt es auch neue protektio­nistische Maßnahmen. Die Staatsverschuldung drückt auf den Kapitalmarkt und macht Kapitalbeschaf­fungs­maß­nahmen schwieriger. Banken geben nicht mehr so be­reitwillig Kredit, weil sie verstärkt auf die Risiken schau­­en. Firmen – nicht nur Banken – müssen ihre Eigenkapi­talbasis stärken, um weiter zu expan­dieren.

Die Notenbanken werden, sobald die Konjunktur wieder anzieht, die Zinsen erhöhen und Liquidität einsammeln, um inflationären Gefahren vorzubeugen. All das bremst das Wachstum. Es führt zwar nicht dazu, dass es gar keinen Aufschwung gibt. Es wird auch keine japanischen Verhältnisse mit Deflation und Depression hervorrufen. Zu vermuten ist aber, dass der große Aufschwung sehr viel flacher verläuft. Das Produktions­niveau des Jahres 2008 wird vermutlich erst im Jahre 2013 oder 2014 erreicht. Das Horrorszenario, das vor kurzem für die Automobilindustrie gemalt wurde, dass sie nämlich erst 2014 wieder auf den Level vor der Krise zurückkommen werde, gilt auch für die Gesamtwirt­schaft. Wir haben zwar kein verlorenes Jahrzehnt wie seinerzeit Japan. Wir haben aber fünf verlorene Jahre.

Für den Anleger

 

Für den Anleger sind das gute und schlechte Nach­richten zugleich. Einerseits geht es über einen längeren Zeitraum nach oben. Das bedeutet, dass die Phantasie für die Aktienkurse länger halten könnte. Andererseits wird es nicht einen so starken und so schnellen Auf­schwung geben wie nach früheren Einbrüchen. Nach der „New-Economy-Krise“ Anfang dieses Jahrzehnts sind die Aktienkurse von 2003 bis 2007 – also über fünf Jahre – im Schnitt per anno um 25 % gestiegen (ge­messen am deutschen Aktienindex DAX). Solche „gol­denen Zeiten“ wird es jetzt nicht geben.

Der Wochenkommentar ist ein Gastbeitrag von Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assénagon Asset Management. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assénagon Chefvolkswirt bei der HypoVereinbank in München und gilt als ausgewiesener Konjunktur-Experten.

TEILEN
Vorheriger Artikeldb x-trackers bringt Öko-ETF auf SP 500 Index
Nächster ArtikelETFs: Stürmische Umsätze
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.