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Das gute und das schlechte Europa

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Europa ist tot – investieren Sie in Europa. Das ist keine Empfehlung für antizyklische Anleger. Es ist vielmehr eine etwas pointierte Beschreibung der Widersprüchlichkeit des alten Kontinents.

Dr. Martin W. Hüfner
Chefvolkswirt
Assenagon Asset
Management S.A.

Auf der einen Seite ist er zurückgefallen und hat vor allem in den letzten Monaten viel von seiner Attraktivität eingebüßt. Auf der anderen Seite ist dies aber kein Grund, sich als Anleger zurückzuziehen. Im Gegenteil, es ist eine Chance für kluges Investieren in Europa.

Wer heute auf die weltwirtschaftliche Landkarte blickt, stößt nicht zuerst auf Europa. Alle reden von China und den anderen asiatischen Schwellenländern, die den Aufschwung der Weltwirtschaft anführen. Oder von den USA mit einem Präsidenten, der die Strukturprobleme des Landes energisch anpackt. Über Europa lässt sich dagegen derzeit nicht viel Positives berichten. Es ist zu vermuten, dass Europa in den nächsten Monaten weitere Schwierigkeiten bevorstehen werden. Die Zahlungsschwierigkeiten Islands und Ungarns wurden zwar gut gemanagt. Auch die Spannungen innerhalb der Eurozone haben sich nicht entladen. Es ist aber zu vermuten, dass hier noch einiges kommen wird, denn die Probleme Irlands, Spaniens, Portugals, Griechenlands und auch Österreichs sind ebenfalls noch nicht gelöst.

Das ist das Negative an Europa. Es gibt aber glücklicherweise auch noch eine andere Seite der Medaille. Hier die zwei wichtigsten Punkte: Der erste ist, dass die Probleme Europas weniger aus der Wirtschaft resultieren, als vielmehr aus der Politik. Europa fällt in der öffentlichen Wahrnehmung zurück, weil es im internationalen Konzert nicht mit einer Stimme spricht. Die Gemeinschaft kann sich nicht oder nur wenig überzeugend auf gemeinsame Positionen einigen und diese dann auch gemeinsam vertreten. Es gibt keinen starken europäischen Politiker, der die Gemeinschaft weiterbringen kann und will. Wirtschaftlich steht Europa dagegen gar nicht so schlecht da. So wie es jetzt aussieht, wird sich die europäische Wirtschaft 2010 nicht wesentlich ungünstiger entwickeln als etwa die der Vereinigten Staaten. Auf währungspolitischem Gebiet steht die Gemeinschaft sogar ausgesprochen gut da. Der Euro hat sich in der Krise gut behauptet. Sein Wechselkurs steigt. Er hat die Mitglieder der Währungsunion vor größeren Währungsturbulenzen bewahrt und die EZB hat sich im Konzert der Zentralbanken als fachkundige, überlegte und strategisch orientierte Institution erwiesen. Nicht zu vergessen: Europa ist für Unternehmen, die an Direktinvestitionen denken und daher einen viel langfristigeren Horizont haben als normale Wertpapieranleger, nach wie vor sehr interessant. 2008 wurden USD 250 Mrd. in Europa investiert. Das ist doppelt so viel Geld wie in dieser Zeit nach China floss.

Der zweite Punkt ist, dass die Probleme Europas nicht die Union als Ganzes betreffen, sondern nur einzelne Staaten. Europa ist – leider, sage ich – noch nicht so weit integriert, dass man es als eine Einheit sehen muss wie etwa die USA.

Es teilt sich derzeit in ein wirtschaftlich gutes und ein wirtschaftlich schlechtes Europa. Das gute Europa, das sind innerhalb der Eurozone Frankreich, Deutschland, die Benelux-Staaten (wobei man bei Belgien einen Abstrich machen muss) und Finnland. Sie werden als erste den Weg aus der Rezession finden. Das schlechte Europa, das sind die genannten südlichen Staaten Griechenland, Spanien, Portugal und Italien sowie Irland. Das gute Europa wird dem schlechten Europa im Zweifel in seinen Problemen helfen.

Die Folgen für den Anleger

Die Streuung des Portfolios nach den großen Regionen Europa, Amerika, Japan und den Schwellenländern Asiens passt zumindest für Europa nicht mehr. Europa hat zwar eine eigene Währung und einen eigenen Binnenmarkt. Seine Aktienmärkte sind aber sehr unterschiedlich. Interessant ist, dass sich die Märkte der „Problemfälle“ in den letzten Monaten wesentlich besser entwickelt haben. So stiegen die Aktienkurse in Griechenland um 21 %, in Österreich um 14 %, in Ungarn sogar um 25 % verglichen mit Stagnation in Deutschland, +2 % in Frankreich und -4 % in der Schweiz. Das muss sich freilich nicht so fortsetzen. In jedem Fall sollte man Europa nicht aus den Anlageüberlegungen ausschließen.

 

Der Wochenkommentar ist ein Gastbeitrag von Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assénagon Asset Management. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assénagon Chefvolkswirt bei der HypoVereinbank in München und gilt als ausgewiesener Konjunktur-Experten.

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