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Der relative Vorteil der Deutschen

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Könnte es sein, dass die Märkte etwas übersehen ha­ben? Alle Welt schimpft derzeit über die Deutschen. Sie haben die Griechenland-Krise schlecht gemanagt. Sie haben sich in Europa wenig kooperativ gezeigt. Sie ha­ben einen großen Leistungsbilanzüberschuss. Trotzdem sparen sie in den öffentlichen Haushalten und regen nicht – wie überall gefordert – die Binnennachfrage an. Im Innern verblasst die Strahlkraft der Kanzlerin. Ihre Partei hat bei den Wahlen im Bundesland Nordrhein-Westfalen verloren und sie verfügt jetzt nicht mehr über eine Mehrheit in der zweiten Kammer des Parlaments. Zuletzt ist sogar noch der deutsche Bundespräsident überraschend zurückgetreten.

Trotzdem entwickeln sich die deutschen Kapitalmärkte besser als die anderer Länder. Der DAX ist im Mai deut­lich weniger gefallen als der amerikanische Dow Jones und der japanische Nikkei-Index (siehe Grafik). Auch der schweizer SMI war schlechter. Das ist überra­schend, weil die deutschen Aktien in Schwächephasen erfah­rungsgemäß stärker fallen. Die Kurse der Bundesanlei­hen sind gestiegen. Zehnjährige Papiere rentieren der­zeit lediglich noch mit 2,65 %. Nur der Euro ist schwach. Er hat sich im Mai von USD 1,33 auf USD 1,23 abgewer­tet. Das dürfte aber weniger am Einfluss der Bundesre­publik liegen.

Wie ist diese gegenläufige Entwicklung zu erklären? Soll man jetzt deutsche Papiere kaufen oder angesichts der Krise doch lieber in die sicheren Häfen der Schweiz oder Amerikas (USA und Kanada) gehen?

Fundamental ist die Entwicklung der deutschen Wirt­schaft in der Tat besser als ihr Image. Die Konjunktur läuft zunehmend besser. Das Wachstum dürfte im zwei­ten Quartal etwa 4 % annualisiert betragen. Das wird vermutlich deutlich mehr sein als das in den USA oder Japan. Freilich ist es zum Teil nur die Reaktion auf das schwache erste Quartal (0,8 % annualisiert). Im Gesamt­jahr wird Deutschland mit voraussichtlich 2 % hinter den USA (gut 3 %) und Japan (knapp 3 %) zurückbleiben.

Die deutsche Wirtschaft profitiert vor allem von der star­ken Expansion des Exports (+ 11 % annualisiert im er­sten Quartal). Hier spielt natürlich China eine wichtige Rolle. Die deutschen Lieferungen nach Asien liegen der­zeit fast ein Drittel über denen vor einem Jahr. Darüber hinaus springt in der Bundesrepublik die Investitionsnei­gung an. Die Inlandsaufträge an Maschinen und Anla­gen waren zuletzt 36 % höher als im entsprechenden Vorjahreszeitraum. Der private Verbrauch – stets eine Schwachstelle der deutschen Wirtschaft – hält sich über­raschend stabil.

Die Inflation ist in Deutschland mit 1,2 % niedrig. Die Arbeitslosigkeit hat sich in der Krise weit weniger ver­schlechtert als in anderen Ländern. Sie ist seit Jahres­beginn um 160.000 gefallen. Die Zahl der Arbeitsplätze hat sich um 50.000 erhöht.

Wichtig ist vor allem die öffentliche Neuverschuldung. Sie ist in der Bundesrepublik mit 5,5 % des Bruttoin­landspro­dukts nur etwa halb so hoch wie die in den Vereinigten Staaten. Auch der Gesamtbestand der Schulden liegt mit rund 75 % in Deutschland deutlich niedriger als in den USA. Beide befinden sich Meilen unter den Werten, die Japan aufweist. Die Schweiz ist hier freilich nicht zu schlagen.

Ein Malus der Deutschen im globalen Vergleich ist, dass die Deutschen durch ihre Verpflichtungen für die schwä­cheren Länder in der Euro-Zone nach unten gezogen werden. Sie mussten sich mit bis zu EUR 22 Mrd. an dem Paket für Griechenland und mit bis zu EUR 148 Mrd. an dem allgemeinen Rettungspaket der Europäi­schen Union beteiligen. Dafür haben sie aber den Vorteil einer schwächeren Währung.

Für den Anleger

Die Märkte haben schon ein richtiges Gespür. Politik und öffentliche Meinung sind bei Investitionsentschei­dungen kein guter Ratgeber. Die deutsche Wirtschaft steht fundamental besser da als viele andere. Das spricht eigentlich für Anlagen auf den deutschen Märk­ten. Aber Vorsicht: Auch die deutschen Aktien mussten im Mai Federn lassen. Investoren haben hier nicht verdient. Sie haben nur weniger verloren. Da die Krise andauert, ist mit einer schnellen Besserung auf den Kapitalmärk­ten nicht zu rechnen.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank ( Zum Testbericht).

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