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Die Erfindung der sanften Rezession

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Dr. Martin Hüfner

Der schwerste Konjunktureinbruch seit 80 Jahren ist am deutschen Arbeitsmarkt bisher fast unbemerkt vorbeigegangen. Das ist ein Segen für viele Menschen. Deutschland hat mitten in der schweren Krise die „sanfte Rezession“ erfunden. Der Erfolg ist aber nicht kostenlos. Langfristig werden dadurch die Chancen des Aufschwungs beeinträchtigt und Wachstumspotenziale verringert.

Noch nie zuvor war die Reaktion des Arbeitsmarktes auf einen konjunkturellen Einbruch so unterschiedlich wie in diesem Zyklus. Auf der einen Seite gibt es Länder, in de­nen die Arbeitslosigkeit stark angestiegen ist. In den USA hat sie sich binnen Jahresfrist von 5,8 % auf fast 10 % knapp verdoppelt. In Spanien erhöhte sie sich von 11 % auf fast 19 %. In den baltischen Staaten und in Ir­land ist sie noch stärker gewachsen. Das ist an sich das normale Muster in einer so schweren Rezession. Auf der anderen Seite wurden Länder wie Frankreich und Öster­reich von größeren Verwerfungen weitgehend verschont. In Deutschland sieht es sogar so aus, als sei die Rezession fast ohne Folgen am Arbeitsmarkt vorbei­gegangen. Die Arbeitslosenquote stieg hier nur von 7,2 %­ auf 7,7 %. Natürlich kann und wird da in den kom­menden Monaten noch einiges dazukommen. Der Ar­beitsmarkt ist bekanntlich ein konjunktureller Spätindi­kator. Es ist auch richtig, dass die Regierung die Zah­len durch ein paar Veränderungen in der Definition der Ar­beits­losen etwas „geschönt“ hat. Aber das erklärt nicht alles.

Es ist, als ob es in dieser Wirtschaftskrise zwei Arten von Rezession gegeben hat, eine mit Arbeitslosigkeit und eine ohne. Wie kommt das? Und was bedeutet es für Wirtschaft und Kapitalmärkte?

Kurzarbeit sorgt für geringe Arbeitslosigkeit

Schauen wir uns den Fall Deutschland etwas näher an. Der Grund, dass das Land so stark aus dem Rahmen fällt, liegt nicht darin, dass das Land besonders günstige Strukturparameter hätte. In früheren Rezessionen, die weit weniger einschneidend waren, hat sich die Arbeits­losigkeit auch in der Bundesrepublik zum Teil mehr als verdoppelt. Das Besondere diesmal ist zum einen die starke Anwendung des Instruments der Kurzarbeit. Die Zahl der Kurzarbeiter ist seit dem zweiten Quartal 2008 um über eine Million gestiegen. Entsprechend ist die Zahl der Arbeitslosen geringer geblieben. Ohne die Kurz­arbeit wäre sie sicher deutlich über fünf Millionen ge­stiegen. Die Arbeitslosenquote hätte sich auf mehr als 10 % erhöht. Die Kurzarbeit wurde von der Regierung noch dadurch gefördert, dass die Voraussetzungen für die Inanspruchnahme des Kurzarbeitergeldes gelockert und die Bezugsdauer von sechs auf vierundzwanzig Mo­nate verlängert wurde.

Daneben spielte eine Rolle, dass die Unternehmen, an­ders als in früheren Zyklen, selbst daran interessiert wa­ren, Arbeitskräfte nicht zu entlassen. Sie wollten, wo im­mer möglich, die Stammbelegschaft an die Firma bin­den. Der Grund liegt in der demographischen Alterung. Es wird zunehmend schwerer, Fachkräfte wieder zu ge­winnen, wenn man sich einmal von ihnen getrennt hat.

Die Differenz zahlt der Staat

Die relativ geringe Zunahme der Arbeitslosigkeit wird in der Bundesrepublik als große soziale Errungenschaft ge­­­feiert. Erstmals seit dem zweiten Weltkrieg ist es ge­lungen, den Arbeitsmarkt von der Konjunktur abzu­schir­men. Vielen Arbeitnehmern ist die Arbeitslosigkeit er­spart geblieben. Sie arbeiten zwar nicht mehr so lang wie vorher, bekommen aber nur unwesentlich weniger Lohn und Gehalt. Die Differenz zahlt der Staat. Das hat den zusätzlichen Vorteil, dass die Einkommen rezes­si­ons­bedingt nicht so stark sinken und dass sich da­durch der private Konsum besser hält. Natürlich hat das Kurz­arbeitergeld die öffentlichen Defizite aufgebläht. Das ist aber Teil des Deficit Spending zur Bekämpfung der Re­zession. Es sollte nicht kritisiert werden. Eigent­lich eine perfekte Sache. Die Deutschen haben die sanf­te Re­zession erfunden. Es kann in Zukunft Konjunk­tur­schwankungen geben, von denen der Arbeitnehmer nichts oder fast nichts merkt.

Was kostet die sanfte Rezession

Das ist freilich nur die eine Seite der Medaille. Die sanfte Rezession ist nämlich nicht umsonst zu haben. Sie wird durch gravierende Fehlentwicklungen erkauft, die sich in den nächsten Quartalen zeigen werden.

Ers­tens erhö­hen sich die Kosten der Unternehmen. Sie ha­ben die Ar­beitnehmer ja nicht entlassen, sondern müs­sen immer noch einen Teil des Gehalts zahlen. Die Lohnstückkos­ten stiegen in den letzten zwölf Monaten in Deutschland um 8 %. In den USA sind sie in dieser Zeit gesunken. Dadurch verschlechtert sich die Wettbe­werbs­fähigkeit. Das ist im kommenden Aufschwung ge­rade für ein so stark auf den Export angewiesenes Land wie die Bun­desrepublik ein Handicap.

Zweitens fehlt es in der Erholung an der entsprechenden Zunahme der Einkommen. Normalerweise kommt ein Auf­schwung dadurch in Fahrt, dass die Unternehmen dank der höheren Nachfrage auf den Märkten neue Leu­te einstellen, diese Einkommen erhalten, daraus Ver­brauchs­ausgaben tätigen und damit die gesamtwirt­schaftliche Nachfrage steigt. Das wird diesmal in Deutsch­­land nicht so funktionieren. Es mangelt an den zusätzlichen Einkommen. Damit wird der Übergang von einem durch staatliche Ankurbelungsmaßnahmen getrie­benen Aufschwung zu einer sich selbst tragenden Er­holung unsicherer. Zudem wird die Aufwärtsentwicklung insgesamt gebremst.

Drittens – ein wichtiger Punkt für die langfristigen Pers­pektiven – werden Wirtschaftsstrukturen konserviert und Innovationen behindert. Üblicherweise sind kon­junkturel­le Zyklen immer auch mit strukturellen Um­schichtungen verbunden. Sie sind in gewisser Weise ein Reinigungs­prozess für die Volkswirtschaft. Arbeitsplätze gehen in alternden Branchen verloren. Dafür entstehen neue in zukunftsträchtigeren Sektoren. Dies wird dies­mal nicht geschehen. Dadurch verschlechtert sich die gesamtwirtschaftliche Produktivität und das langfristige Wachstum wird gerin­ger. Deutschland verfällt wieder in den alten Fehler, zu­gunsten der Erhaltung bestehender Strukturen notwen­dige Veränderungen zu verzögern.

Viertens fallen schließlich auch die Gewinne der Un­ter­nehmen niedriger aus. Nach einer Untersuchung der belgischen Bank ING waren die Gewinne der euro­päi­schen Firmen im zweiten Quartal dieses Jahres insge­samt schlechter als die entsprechenden Ergeb­nisse der amerikanischen Unternehmen. Dabei hatte sich die Ge­samtwirtschaft in Europa besser entwickelt als in den USA.

Für den Anleger

Lassen Sie sich nicht von den guten Zahlen über das Wachstum in Deutschland im zweiten Quartal täuschen. Insgesamt sind die Aussichten, dass der Aufschwung eine größere Dynamik entfaltet, und dass er insbeson­dere kräftiger als in den USA verläuft, nicht gut. Auch die Gewinne werden nicht so stark steigen. Das sind ne­gative Vorgaben für den Aktienmarkt. Bisher sind die amerikanischen Aktienkurse weniger als viele euro­päische gestiegen. Es könnte sein, dass sich das in Zukunft ändert.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunkturelle Entwicklungen. Er ist Chefvolkswirt der Assenagon Asset Management und gilt als ausgewiesener Experte auf seinem Gebiet.

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