Start News Die große Unsicherheit

Die große Unsicherheit

32
huefner-wok

Zwei Mal im Jahr treffen sich die Mitglieder des Wa­shingtoner Institute of International Finance zu einer großen Konferenz. Das ist immer ein gutes Barometer für die Stimmungen und Meinungen auf den interna­tionalen Finanzmärkten. Ich nehme seit vielen Jahren daran teil, um meine Ansichten zu testen, sie eventuell zu korrigie­ren oder sie zu ergänzen. Diesmal fand die Tagung in Wien statt. Hier ein paar Eindrücke.

Generell: So viel Unsicherheit wie diesmal habe ich auf den Tagungen noch nicht erlebt. Bemerkenswert ist vor allem die große Divergenz zwischen dem realen und dem monetären Sektor. In der Realwirtschaft entwickeln sich die Dinge insgesamt ordentlich. Der Aufschwung ist in Gang gekommen. Die Investitionen ziehen an. Die staatlichen Ankurbelungsprogramme werden nicht mehr gebraucht. 2010 wird für die Weltwirtschaft ein gutes Jahr, 2011 wird etwas schwächer.

Im monetären Sektor dagegen gibt es einfach zu viele Probleme. Die Staaten haben hohe Budget-Defizite und eine hohe Verschuldung. Der Privatsektor hat eben­falls erheblichen Refinanzierungsbedarf. Das gesamt­wirtschaftliche Wachstum ist so niedrig, dass sich trotz Sparmaßnahmen die Relationsverschuldung zum Brut­toinlandsprodukt verschlechtert. Es gibt immer mehr Problemfälle: Von Griechenland, Spanien, Irland und Portugal geht es zu Belgien, Frankreich, Großbritannien, Ungarn und vielleicht auch den USA.

Aus dem Staatsschuldenproblem droht ein Bankenprob­lem zu werden. Der Wertberichtigungsbedarf steigt, zu­mal die alten Abschreibungen aus der Subprime-Krise vielfach noch nicht verdaut sind. Banken brauchen mehr Kapital, auch zur Erfüllung der verschärften regulatori­schen Regeln. Der Kapitalmarktexperte des Institutes of International Finance, Hung Tran: „Wir sind noch weit entfernt von den Verhältnissen unmittelbar nach der Lehman-Krise, aber wir bewegen uns in die Richtung.“ George Soros: „Die Krise ist noch lange nicht vorbei, wir befinden uns gerade im zweiten Akt.“

Wie soll man sich in einer so gespaltenen Welt verhal­ten? Die übliche Reaktion heißt Vorsicht und Risikoaver­sion. Das ist verständlich. Andererseits: In einer Zeit, in der es überall „krachen“ kann, sollte man nicht nur nach defensiven Anlagen Ausschau halten. Man sollte Investi­tionen vielmehr in erster Linie breit streuen. Dann profi­tiert man von höheren Erträgen, wird trotzdem bei Krisen aber nicht voll getroffen. Interessant ist, dass sich Aktien gemessen an der unsicheren Stimmung und den Belas­tungen der vergangenen Monate relativ gut gehalten haben. Das könnte darauf hindeuten, dass dies keine Ak­­­tienkrise ist. Freilich haben wir auch 2008 lange ge­dacht, dass die Finanzkrise die Aktien verschonen kön­nte. Dann kam das dicke Ende aber doch.

Ein Grund für die Unsicherheit der Financial Community: Die steigenden Interventionen des Staates in der Wirt­schaft. Hier treffen unterschiedliche Welten aufeinander. Was am Markt geschieht, können Banker einschätzen. Die Aktionen der öffentlichen Hand sind dagegen schwer zu beurteilen. Da muss man zurückhaltend sein. Das erklärt die negativen Wachstumseffekte einer zu­nehmenden Staatstätigkeit.

Zur wirtschaftspolitischen Koordinierung in der Welt: Jeder weiß, dass sie bei globalen Märkten unabdingbar ist. Die Aussichten dazu sind aber schlechter denn je. Zwar gibt es ein neues Gremium (die G20), das die Machtver­hältnisse der Welt besser widerspiegelt. Es ist aber ver­gleichsweise groß, damit schwer arbeitsfähig und die Mitglieder sind noch nicht aufeinander einge­spielt. Zu­dem gibt es immer mehr nationalistische Ten­denzen in der Welt. Die Makrobedingungen in den Län­dern sind sehr unterschiedlich. Die Emerging Markets sind nahe an der Überhitzung, die USA und Japan wachsen or­dentlich, Europa kommt schwer vom Fleck. Die Banken­regulierung ist primär ein „nordatlantisches Problem“. Die Emerging Markets sind kaum betroffen. Wie soll man sich da auf eine gemeinsame Linie eini­gen?

Die Schwäche des Euro ist – anders als frühere Dollar­schwächen – kein größeres Problem für die internatio­nalen Finanzmärkte. Der Euro werde sich, so hieß es, noch bis zur Parität abwerten, dann aber wieder stärker werden. Die USA sind über den Euro nicht wirklich be­sorgt.

Osteuropa hat sich in der Krise vergleichsweise gut ge­halten, allerdings mit großen Unterschieden von Land zu Land. In Polen gab es keine Rezession, in der Ukraine und in Lettland ging das reale Bruttoinlandsprodukt um 14 % bis 17 % zurück. Die Region braucht eine neue Wachstumsagenda: Förderung der Human Ressources, Energieeinsparung, regionale Kooperation, Aufbau eines Kapitalmarktes (Thomas Mirow, Präsident der Osteuro­pa-Bank).

Eine Stimme aus Lateinamerika: Dort waren Budget- und Leistungsbilanzdefizite in den 80er Jahren anhal­tend hoch. In den 90er Jahren konnte die Situation mit einem Mal zum Besseren gedreht werden. Die Verschul­dung liegt inzwischen im Durchschnitt unter 50 % des Bruttoinlandsprodukts. Die Banken sind gut kapitalisiert. Der Vergleich sollte den Europäern Mut machen, dass nichts unumkehrbar ist. Freilich möchten die Europäer nicht unbedingt mit dem Lateinamerika der 80er Jahre verglichen werden.

Die Ölkatastrophe im Golf von Mexiko ist nicht nur unter Umweltgesichtspunkten zu sehen. Sie wird erhebliche Auswirkungen auf das Ölangebot der Welt haben, da die meisten Ölfunde der letzten Zeit tief unter dem Meeres­spiegel liegen. Folge: Längerfristig höhere Ölpreise.

Griechenland: Premierminister Papandreou machte sei­ne Entschlossenheit deutlich, die Verhältnisse in seinem Land grundlegend zu verändern, auch wenn er deshalb am Ende nicht mehr wiedergewählt werden sollte. In den ersten fünf Monaten dieses Jahres lag das öffentliche Defizit genau im Plan: 8,1 % nach 13,6 % vor einem Jahr. Eine Umschuldung werde es nicht geben. Papan­dreou verfügt über eine komfortable Mehrheit im Parla­ment. Seine Politik wird von 55 % der Bevölkerung un­terstützt. Der Premierminister bekam von den versam­melten Bankern „Standing Ovations“. Dagegen stieß der neue Premierminister von Ungarn, Victor Orban, vielfach auf Kritik. Das Programm, das er den Bankern zur Sanierung seines Landes vorstellte, war zu vage. E-Mail eines Investment Bankers: „Sell Hungary, buy Greece“. Von Analysten war zu hören, dass Griechenland eine „Turnaround-Story“ werden könne.

Dr. Martin W. Hüfner beleuchtet und kommentiert im EXtra-Magazin die konjunkturelle Entwicklung. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assenagon Chefvolkswirt der HypoVereinsbank ( Zum Testbericht).

TEILEN
Vorheriger ArtikelTrendfolgekonzept – aktives Risikomanagement bei ETFs
Nächster ArtikelING-DiBa bietet ETF-Sparpläne an
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.