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Die Krise nach der Krise

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Dr. Martin Hüfner

Dr. Martin Hüfner berichtet im EXtra-Magazin über seine Eindrücke von der Tagung des Internationalen Währungsfonds in Istan­bul. 2010 könnte konjunkturell ein gutes Jahr werden, 2011 ein schlechtes. Formtief für den Dollar: Die US-Währung verliert Unterstützung. Viele wollen sie nicht mehr als Reservewährung. Es gibt aber kei­ne Alternative. Gute Nachricht für die Schwellenländer: Es fließt wieder mehr Kapital in die Dritte Welt.

Die Krise nach der Krise

So könnte man die Stimmung bei den Gesprächen rund um die Tagung des Interna­tio­nalen Währungsfonds in Istanbul am letzten Wochenen­de beschreiben. Die meisten waren sich einig, dass das Schlimmste der Finanz- und Wirtschaftskrise vorbei ist. Aber keiner freute sich so richtig. Es gibt zu viele Fehl­entwicklungen, die sich aufgebaut haben. Fast könnte man schon wieder von einer neuen Krise sprechen. Hier ein paar Meinungen und Eindrücke meines Aufenthalts in der türkischen Hauptstadt:

Die Konjunktur wird, so die Meinung des Institute of In­ternational Finance, auch in den kommenden Monaten zum Positiven überraschen. Treibende Kräfte sind ne­ben den staatlichen Konjunkturprogrammen, der expan­siven Geldpolitik und dem Lagerzyklus auch das dyna­mische Zusammenwirken dieser Faktoren. Sie schau­keln sich gegenseitig hoch. Das wird oft zu wenig be­rücksichtig. Folglich könnte das Wachstum im nächsten Jahr deutlich höher sein als von den meisten der­zeit er­wartet. Damit ist die Geschichte aber nicht zu Ende. Die Schwierigkeiten beim Übergang vom staatlich getrie­be­nen zum sich selbst tragenden Aufschwung sind nicht vergessen. Sie kommen nur etwas später. Sie schlagen sich daher nicht in den Wachstumsraten von 2010 nie­der, sondern erst im Jahr darauf. 2011 wird daher ver­mutlich wieder ein schlechtes Konjunkturjahr. Die Ex­pansionsraten werden niedriger sein als 2010. Das scheint mir nicht unplausibel.

US-Dollar im Formtief

Viel gesprochen wurde natürlich über den Dollar. Er be­findet sich in einem Formtief. Niemand findet ein gu­tes Wort über ihn. Niemand will ihn als Reserve­wäh­rung haben, vor allem nicht die Schwellenländer. Mit dem Ende der G 7 und der Machtverschiebung zur G 20 hat der Dollar eine wichtige Unterstützung verlo­ren. Aber jeder weiß auch, dass es derzeit keine Alter­native gibt. Die Sonderziehungsrechte sind es jedenfalls nicht. Die Amerikaner könnten die Unsicherheit beseiti­gen, wenn sie sich glaubwürdig für einen starken Dollar einsetzen würden. Das tun sie aber nicht. Es waren ernst zu nehmende Stimmen zu hören, die eine größere Dollarkrise in den nächsten Monaten nicht ausschließen. Ein positiver Aspekt der Weltwirtschaft ist die Aussicht, dass wieder mehr privates Kapital in die Schwellenlän­der fließen wird. 2009 waren die Importe privaten Kapi­tals nach Schätzungen des Institute of International Fi­nance drastisch gesunken (von USD 650 auf USD 350 Mrd.). 2010 werden sie wieder auf USD 670 Mrd. stei­gen. Es handelt sich dabei in erster Linie um Direkt­in­vestitionen und Anlagen in Wertpapieren, nicht dagegen um Bankkredite.

Gute Nachricht für die Schwellenländer

Sie können ihre Investitionen leichter finanzieren. Allerdings werden sich ihre Währungen aufwerten. Es ist auch po­sitiv für Anleger in Aktien von Schwellenländern. Sie be­finden sich in guter Gesellschaft. Andererseits können Wertpapierbewegungen sehr volatil sein. Man sollte sich seiner Sache also nicht zu sicher sein. Dies umso mehr als ein großer Teil der Kapitalflüsse auf „Carry Trades“ beruht, also der Aufnahme von Geldern in den USA zu niedrigen Zinsen und der Anlage dieser Gelder in den Schwellenländern. Das ist keine stabile Basis, vor allem dann nicht, wenn man davon ausgeht, dass die US-Zin­sen im nächsten Jahr wieder steigen.In Osteuropa ist das Schlimmste überstanden. Das Wachstum wird sich von -6,8 % in 2009 auf +2,8 % er­höhen. Polen gehört schon in diesem Jahr zu den weni­gen Ländern der Welt, in denen das reale Bruttoinlands­produkt nicht zurückgegangen ist. Schwachpunkte blei­ben allerdings die baltischen Staaten sowie die Ukraine und Russland.

Rettungspakete haben Zusammenbruch verhindert

Die Finanzmärkte stehen insgesamt noch nicht so gut da wie die Realwirtschaft. Die staatlichen Rettungspake­te haben den Zusammenbruch des Systems verhindert. Sie haben die Banken aber nicht gesund gemacht. Von den gesamten Abschreibungen und Wertberichtigungen (laut IWF ca. USD 3,4 Mrd.) sind bisher erst etwa die Hälfte in den Bilanzen verarbeitet. Es ist also noch ein langer Weg. Das wird auch die Realwirtschaft bremsen.

Staatliche Regulierung war Hauptthema

Ein großes Thema waren natürlich die Regulierungen, mit denen künftige Finanzkrisen verhindert werden kön­nen. Die Diskussion in Istanbul ging dabei über die An­sätze von Pittsburgh zur Stärkung des Eigenkapitals und zur Verringerung der Boni hinaus. Die Chefin der ameri­kanischen Einlagensicherung Sheila Bair warb leiden­schaft­lich dafür, dass auch die so genannten „syste­mi­schen Banken“ (die so groß sind, dass sie angeblich nicht pleitegehen können) in die Marktdisziplin einge­bunden werden. Man muss Regelungen finden, dass auch sie insolvent werden können. Zum Beispiel könn­ten Gläubiger von gesicherten Papieren dieser Banken im Falle einer Insolvenz auf 20 % ihrer Forderungen ver­zichten müssen. Mario Draghi, der Vorsitzende des ein­flussreichen Financial Stability Board brachte unter an­derem höhere Kapitalanforderungen für systemische Banken ins Gespräch. Von der Logik des Marktme­cha­nismus sind solche Ideen vernünftig. In der Realität wer­den sie aber große Auseinandersetzungen auslösen. Ich vermute, dass das auf der Tagesordnung bleiben wird. Für die Aktien dieser Banken keine so gute Aus­sicht.

Neue Blasenbildung wird gesehen

Worauf ich Sie schon länger hingewiesen habe: Jetzt wurde auch in Istanbul über eine neue Blasenbildung auf den Finanzmärkten gesprochen. Banken nutzen die reichliche Liquidität nicht nur zur Gewährung von Kre­di­ten. Sie finanzieren damit auch spekulative Geschäfte. Die Zentralbanken sehen das natürlich nicht gerne. Ei­gentlich müssten sie die Liquidität schnell einsammeln. Sie tun es nur deshalb nicht, weil sie die Konjunktur nicht kaputt machen und weil sie die Banken nicht in größere Schwierigkeiten bringen wollen. Zentralbanker bestätigen, dass es in dieser Frage in ihren Institutionen erhebliche Auseinandersetzungen gibt. Wann daraus konkrete „Exit“-Schritte folgen, ist schwer zu sa­gen. Natürlich wurde in Istanbul auch viel über die Türkei selbst gesprochen. Es gibt Indizien, dass das Land zu­nehmend spürt, dass die EU einen Beitritt des Landes zur Gemeinschaft eigentlich nicht will. Wenn das der Fall ist, dann muss sich das Land Gedanken machen, wel­che Alternativen es langfristig gibt. Das Bündnis mit den USA und der Nato reicht auf Dauer nicht. Aber mit wem könnte die Türkei zusammengehen? Mit den Länder der Gemeinschaft unabhängiger Staaten, also Russland und den ehemaligen Sowjetrepubliken? Mit dem Mittleren Osten? Mit dem Iran? In den offiziellen Statements der Politiker war davon freilich nichts zu hören.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management.