Start News Ein bisschen Inflation…

Ein bisschen Inflation…

38
martin_huefner

Wenn sich die besseren Konjunkturdaten verfestigen, rückt die Inflation mehr in den Fokus. Warum sind wir eigentlich so sehr gegen Preis­steigerungen? Wäre nicht ein bisschen Geldentwertung ganz gut? Wir könnten dann die Staatsschulden leich­ter abtragen und das Risiko wäre geringer, dass wir in puncto Wachstum in japanische Verhältnisse verfallen. Wäre etwas weniger Stabilitätspolitik tatsächlich die bes­sere Lösung?

Dr. Martin W. Hüfner
Chefvolkswirt
Assenagon Asset Management S.A.

In der Tat hat Inflation nicht nur negative Wirkungen. Ei­ne leichte Geldentwertung ist ein Schmiermittel der Wirt­schaft. Sie fördert die gesamtwirtschaftliche Nachfrage. Sie schafft Anreize, Geld lieber heute als morgen auszu­geben. Sie begünstigt die Schuldner und benachteiligt den Gläubiger, was ebenfalls die Ausgabebereitschaft belebt. Sie erleichtert den bei Wachstum unvermeid­li­chen Strukturwandel. Schrumpfende Branchen müssen ihre Preise nicht senken. Auch die Einkommen der Be­schäftigten und die Gewinne der Unternehmen in diesen Industrien müssen nicht zurückgehen. Sie müssen nur weniger wachsen als die in den expandierenden Sekto­ren.

Profitieren von der Inflation tut vor allem der Staat. Ihm fließen bei einem progressiven Steuersystem mehr Ein­nahmen zu. Seine Schulden entwerten sich. Sie müssen nur noch mit einem geringeren Realwert zurückgezahlt werden. Insofern haben die Befürworter von ein biss­chen Inflation einen einflussreichen Verbündeten in der Wirtschaftspolitik.

Im Zielkonflikt zwischen Inflation und Arbeitslosigkeit gilt eine leichte Preissteigerung als das geringere Übel. In Deutschland gab es in den 70er Jahren den Slogan „Lieber 5 % Inflation als 5 % Arbeitslosigkeit“ (am Ende hatte das Land allerdings beides).

Die Zentralbanken in den meisten Ländern streben nicht „Null-Inflation“ an, sondern eine leichte Geldentwertung (in Europa „nahe aber unter 2 %“). Das hängt offiziell damit zusammen, dass Qualitätsverbesserungen trotz inzwischen raffinierter Messverfahren schwer aus der Preisstatistik herausgerechnet werden können. Eine Null-Inflation ist daher de facto vermutlich schon eine Deflation. Es spielt aber sicher auch eine Rolle, dass die Zentralbanken mehr Angst haben vor einem Rück­gang des Preisniveaus als vor leichter Inflation.

Es gibt also Gründe, das Stabilitätsziel nicht zu verab­solutieren. Das wird den Zentralbanken bei einer künfti­gen Restriktionspolitik sicher entgegengehalten werden. Es führt dazu, dass sie bei der Inflationsbekämpfung nicht zu hart zugreifen.

Das ist aber nur die eine Seite der Medaille.

Dagegen stehen drei ganz schwerwiegende Argumente gegen Inflation:

1. Die Verschlechterung der Ressourcen­allokation und damit der Verlust von Wachstum, Wohl­stand und Beschäftigung. Gegenwartsausgaben werden gegenüber Zukunftsausgaben relativ bevorzugt. Damit gibt es – wenn Zinsen und Renditen nicht entsprechend angepasst werden – weniger Ersparnis. Auch die intra­temporale Allokation der Ressourcen wird erschwert. Was den Strukturwandel psychologisch erleichtert (weil man nicht jede Veränderung so schmerzhaft empfindet) macht die unternehmerischen Entscheidungen natürlich umso schwerer. Der fehlende Maßstab eines stabilen Geldes führt leicht zu Fehlallokationen in der Wirtschaft. Das fällt besonders ins Gewicht in einer Zeit, in der das Wachstum der Kapazitäten der Wirtschaft (Potenzial­wachstum) wegen rückläufiger Investitionen in der Krise ohnehin zurückgeht.

2. Die Verschlechterung in der Einkommens- und Vermögensverteilung und damit der Gerechtigkeit in der Gesellschaft. Grundsätzlich werden durch Inflation alle die benachteiligt, die sich nicht so gut an die Inflation an­passen können. Am schlechtesten geht es Älteren und Rentnern. Sie sind nicht mehr so mobil für die „Schnäpp­chenjagd“ im Einzelhandel. Sowohl den Sozialversiche­rungen als auch den privaten Altersversorgungs­syste­men fällt es schwer, eine Dynamisierung der Renten zum Ausgleich der Inflation zu erreichen. Dieses Argu­ment ist vor allem in Gesellschaften wichtig, die zunehmend älter werden. Europa ist hier schlech­­ter dran als die USA. Innerhalb Europas haben die Mittel­meer­länder größere Probleme als etwa Frank­reich oder Schweden. Deutschland, Österreich und die Schweiz stehen in der Mitte. Benachteiligt werden auch die Bezieher von Löhnen und Gehältern. Gewerkschaften sind erfahrungsgemäß nicht in der Lage, die künftige Inflation voll in ihre Tarifforde­rungen einzukalkulieren.

3. Die Gefahr, dass sich Inflation nur schwer in Grenzen halten lässt. Wenn sie einmal in Gang kommt, ist sie kaum mehr zu bremsen. Alle großen Inflationen haben einmal klein angefangen. Wenn man sich die Ent­wicklung in Ländern mit Hyperinflation anschaut, zeigt sich, dass sich der Übergang von einer schleichenden Inflation zu einer galoppierenden Geldentwertung in ganz kurzer Zeit (ein bis zwei Jahren) vollzieht. Ehe man sich versieht, ist die Inflation schon wieder schnel­ler. 2 oder 4 % Geldentwertung pro Jahr sind noch trag­bar. Aber wenn es über die 6 oder 8 % geht, entwickelt sich aus dem Verhalten der Menschen leicht eine Eigen­dy­namik.

Im Übrigen ist auch schleichende Inflation nicht unge­fährlich. Bei 2 % Inflation pro Jahr (das ist in etwa das, was wir seit Einführung des Euro im Durchschnitt hatten) nimmt der Geldwert in 10 Jahren um 20 % ab. Der Euro, der 1999 eingeführt wurde, ist heute nur noch 83 Cent wert. In 40 Jahren – ein Zeitrahmen, den junge Leute bei der Ersparnis für die Altersvorsorge im Kopf haben müs­sen – ist ein Euro nur noch 45 Cent wert. Anders ausge­drückt: Um in 40 Jahren die heutige Kaufkraft von 100 Euro zu haben, müssen bei 2 % Inflation pro Jahr nicht 100 Euro angespart werden, sondern 216. Das macht schon einen Unterschied.

Die Folgen für den Anleger

Bauen Sie nicht darauf, dass die Zentralbanken aus Rücksicht auf die Staatsverschuldung die Zinsen nicht erhöhen. Die Argumente für die Aufrechterhaltung der Stabilität des Geldwertes sind stark. Kein Zentralbanker möchte den Makel haben, an einer Inflation schuld ge­wesen zu sein. Es wird freilich so sein, dass einzelne Länder bei der Stabilitätspolitik rigoroser vorgehen als andere (Europa beispielsweise mehr als die USA). Ge­hen Sie auch davon aus, dass die Inflationsbekämpfung ein langwieriger Prozess sein wird und dass die Zinsen und die Preissteigerung eine ganze Reihe von Jahren höher als eigentlich vertretbar sein werden.


Der Wochenkommentar ist ein Gastbeitrag von Dr. Martin Hüfner, Chefvolkswirt der Assénagon Asset Management. Herr Dr. Hüfner war vor seiner Zeit bei Assénagon Chefvolkswirt bei der HypoVereinbank in München und gilt als ausgewiesener Konjunktur-Experten.

TEILEN
Vorheriger ArtikelVon Schwellenländer-Engagements und Neupositionierungen
Nächster ArtikelNeuer Rohstoff-ETF von ComStage
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.
Child comments 1