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ETFs: Verschnupfte Anleger

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ETFs: Wachsende Zuversicht
Der ETF-Marktbericht bietet einen Überblick über die Entwicklungen der verschiedenen Sektoren des ETF-Marktes

Statt Jahresendrallye ist – zumindest bislang – Jahresendkorrektur angesagt. Die Kauffreude der ETF-Anleger hat einen Dämpfer bekommen, eine Ausverkaufswelle gibt es aber nicht.

FRANKFURT (Börse Frankfurt). An den Märkten bleibt die Nervosität hoch. „Von vorweihnachtlicher Ruhe kann man weiterhin nicht sprechen“, kommentiert Frank Mohr von der Commerzbank ( Zum Testbericht). Die am morgigen Mittwoch anstehende Notenbanksitzung in den USA, der rapide Verfall des Ölpreises und der wieder erstarkte Euro sorgen für Unsicherheit.

Am heutigen Dienstag hat der DAX mit Rückenwind von der Wall Street zu einem Erholungsversuch angesetzt, der Index liegt am Mittag bei 10.338 Punkten. Dennoch ist durch den Kursrutsch im Dezember ein Grossteil der Gewinne aus dem laufenden Jahr dahin. Gegenüber dem Hoch Ende November hat das Börsenbarometer rund 1.000 Punkte verloren, gegenüber dem Allzeithoch vom April dieses Jahres sind es sogar 2.000 Zähler.

ETF-Händler haben unverändert viel zu tun, die Umsätze sind, eher ungewöhnlich für die Jahreszeit, hoch. Die Commerzbank ( Zum Testbericht) meldet 33.000 Transaktionen für die Vorwoche, mit einem Käuferüberhang von 57 Prozent. Auch in dieser Woche setze sich der Trend fort. Gregor Hamme von der Unicredit Group spricht ebenfalls von „guten Umsätzen“.

Aktien-ETFs: Verkäufe, aber auch Käufe

Bei der Unicredit standen Industrieländeraktien auf den Verkaufslisten. „Mit dem fallenden Markt trennten sich Anleger von Euro Stoxx 50-, DAX, MSCI Japan- und MSCI World-ETFs.“ Auch US-Aktien seien abgegeben worden, allerdings auf niedrigerem Niveau.

Die Commerzbank berichtet unterdessen von Zu- und Abflüssen und einem insgesamt gemischten Bild. „In manchen DAX-ETFs wie den von der Deka DAX (WKN ETFL01) oder ComStage (WKN ETF001) überwiegen die Käufe, der aussschüttende ETF der Deka DAX wird verkauft (WKN ETFL06).“ US-Aktien würden in beide Richtungen gehandelt.

Bei der ICF Bank dominierten hingegen noch die Zuflüsse in DAX-Tracker, vor allem bei Anteilen am DekaDAX (WKN ETFL01). „Dass ist angesichts des Rücksetzers am Aktienmarkt schon auffällig“, findet Marcel Sattler. Es ist anzunehmen, dass im Spezialistenhandel vor allem private Anleger aktiv sind.

Zu den meist gehandelten Produkten bei der ICF Bank gehören außerdem unverändert DAX-ETNs wie der ETFS 3x Daily Long DAX 30 (WKN A1YKTG) und der ETFS 3x Daily Short DAX 30 (WKN A1YKTK). „Die werden vor allem intraday gehandelt, auch von vielen Privatanlegern.“

Hammes Kollege Stefano Valenti berichtet von ausschließlich Abflüssen aus japanischen Aktien, etwa über MSCI Japan- oder Topix-ETFs. Der japanische Markt hat, ähnlich wie der europäische, im Dezember deutlich nachgegeben.

Öl- und Gasbranche mit Einstiegskursen?

Was Branchen-ETFs angeht, ist der Ölpreisverfall und dessen Auswirkungen auf die Öl- und Gasunternehmen das grosse Thema. Am Montag waren der Brent-Preis mit 36,33 US-Dollar und der WTI-Preis mit 34,53 US-Dollar auf mehrjährige Tiefstände gefallen. Allerdings wird bei Öl- und Gas-ETFs eher zugegriffen, wie die Händler einhellig berichten. Gemeldet werden Käufe im iShares Stoxx Europe 600 Oil & Gas (WKN A0H08M) – und zwar im großen Stil. Bei der Commerzbank machte das Handelsaufkommen in Öl- und Gas-Indexfonds rund 30 Prozent der gesamten Umsätze aus. „Offenbar wird auf die schlechten Nachrichten hin gekauft.“ Der ETF hat in diesem Monat rund 8 Prozent an Wert verloren.

Abgestoßen werden bei der Unicredit hingegen Banken-ETFs. „Einige Bankaktien, etwa die Deutsche Bank oder Unicredit, haben Jahrestiefs erreicht“, bemerkt Hamme. Zum Jahresende werde „window dressing“ betrieben: Die Titel, die 2015 nicht gut gelaufen seien, flögen aus den Portfolios. Bei den ETFs verabschiedeten sich Investoren vor allem vom iShares Euro Stoxx Banks (WKN 628930).

Schwellenländeraktien haben zuletzt zwar ebenfalls verloren, aber nicht so stark wie Industrieländeraktien. „Brasilien ist allerdings eine andere Geschichte, aufgrund der unsicheren politischen Lage und der Korruptionsaffären bleibt der Markt angeschlagen“, erklärt Valenti. Doch selbst da positionierten sich Anleger. „Sie glauben offenbar, dass es nicht noch schlimmer werden kann“, mutmaßt der Market Maker.

Turbulenzen im High Yield-Segment

Dass High Yield-Bonds zuletzt deutliche Abschläge hinnehmen mussten und am Markt zum Teil schon Parallelen zu der Zeit vor der Finanzkrise gezogen werden, macht sich auch im Handel mit Anleihen-ETFs bemerkbar. „Wir sehen Verkaufsdruck in High Yield-ETFs“, bemerkt Mohr. „Ein aktiv gemanagter US-Investmentfonds musste wegen hoher Abflüsse vorrübergehend geschlossen werden.“ Die US-Investmentfirma Third Avenue Management hatte Kunden informiert, dass wegen mangelnder Liquidität an den Anleihemärkten vorerst keine Einlagen aus einem Fonds mit riskanten Hochzinsanleihen abgezogen werden könnten. Daraufhin kam es zu einer Ausverkaufswelle im Segment für hochverzinsliche Anleihen, nicht aber bei den entsprechenden ETFs.

„Ein Vorfall wie dieser kann bei ETFs nicht passieren“, bemerkt Mohr. „Wenn viele Anleger auf einmal bestimmte ETFs verkaufen würden, würde ein Market Maker diese aufs Buch nehmen.“ Auch das Problem der abnehmenden Qualität der im Fonds enthaltenen Papiere – liquide Papiere werden verkauft, der Fond bleibt auf den illiquiden sitzen – könne bei ETFs nicht auftauchen.

von Anna-Maria Borse, Deutsche Börse AG
© 15. Dezember 2015

 

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