Start ETF-Marktbericht Irrtümer zur Deflation

Irrtümer zur Deflation

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Es gibt zwei Thesen zur Deflation, die man in diesen Tagen immer wieder hört. Die eine ist, dass sinkende Preise in einer Volkswirtschaft relativ selten vorkommen.

Man muss sie also nicht so ernst nehmen. Die andere ist, dass Deflationen wenn sie denn kommen, gesamtwirtschaftlich eine Katastrophe bedeuten, die unbedingt verhindert werden muss. Die EZB gibt derzeit über EUR 1.000 Mrd. aus, damit es im Euro keine Deflation gibt.

  • Zwei populäre Thesen zur Deflation: Sie kommt relativ selten vor. Wenn sie aber auftritt, ist sie eine Katastrophe.
  • Beides ist falsch. In Zukunft wird es häufiger sinkende Preise geben. Sie sind aber gesamtwirtschaftlich nicht so schlimm.
  • Für Anleger können es sogar gute Nachrichten sein. Deflationen beflügeln Aktien- und Rentenmärkte.

Beide Thesen sind typische Fallstricke ökonomischen Denkens. Sie klingen plausibel, sind aber falsch.

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Dr. Martin W. Hüfner 

Zur ersten These. Tatsächlich war Deflation in der Vergangenheit selten. In den letzten sechzig Jahren war die Preissteigerung in Deutschland in gerade mal 2 % aller Fälle negativ (siehe Grafik). Das heißt aber nicht, dass das auch so bleiben wird. Es gibt nämlich eine Reihe von Gründen, dass die Preissteigerung in Zukunft häufiger unter Null fällt.

Ein Argument ist das langsamere Wachstum in der Welt. Wenn die Wirtschaftsleistung nur noch um 1 % bis 2 % pro Jahr zunimmt, ist es wahrscheinlicher, dass die Preissteigerung „an der Null kratzt“ als wenn sie um 3 % und mehr expandiert.

Das gleiche gilt für die Geldentwertung. Die Zentralbanken haben heute weltweit niedrigere Stabilitätsziele. Je näher die Preissteigerung aber an Null kommt, umso größer die Wahrscheinlichkeit, dass sie vorübergehend negativ wird.

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Währungsunionen verstärken diesen Trend. Weil es dort keine Wechselkursveränderungen gibt, können Defizitländer ihre Wettbewerbsfähigkeit nur durch unterdurchschnittliche Lohn- und Preissteigerungen wieder zurückgewinnen. Das ist die „interne Anpassung“. Wenn dann die Inflation der Union insgesamt bei 2 % liegt (oder darunter), dann sind Preissteigerungen von unter Null in Defizitländern kaum zu vermeiden. Das ist das, was wir derzeit in Südeuropa beobachten. Die Deflation dort ist kein Zeichen der Krise (und wird von der Bevölkerung auch nicht so empfunden). Es signalisiert eher Fortschritte auf dem Weg der Gesundung.

Schließlich: Viele Menschen sind unzufrieden mit der gegenwärtigen Geldverfassung, weil sie zu Unsicherheit und Krisen führt. Manche wünschen sich deshalb eine Goldwährung zurück. Dabei übersehen sie, dass es in einer Goldwährung zwangsläufig häufiger zu Deflationen kommt. Immer dann, wenn die gesamtwirtschaftliche Nachfrage zunimmt, das Angebot an Gold aber nicht vergrößert werden kann, müssen die Preise sinken. In den USA, wo die Goldwährung noch bis 1970 herrschte, gab es Jahrzehnte, in denen es genauso oft zu Deflation wie zu Inflation kam.

Die zweite These beruht ebenfalls auf der Historie. Deflation, so sagt man, führte in Japan zu zwei „verlorenen Jahrzehnten“. In der Welt löste sie vor achtzig Jahren die größte Wirtschaftskrise aus, die es je gab. Auch das darf man freilich nicht so einfach in die Zukunft projizieren. Das, was in Japan und in der Weltwirtschaftskrise geschah, war zwar von sinkenden Preisen begleitet. Es hatte aber ursächlich mehr mit wirtschaftspolitischen Fehlern zu tun als mit Deflation.

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