Start ETF-Marktbericht Marktkommentar: Kostenfaktor Unsicherheit

Marktkommentar: Kostenfaktor Unsicherheit

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Dr_Alexander_Seibold

Alexander Seibold,
Dr. Seibold Capital GmbH

Als die Griechenlandkrise im Frühjahr 2010 die Märkte durchschüttelte, war eine Reaktion ziemlich eindeutig: Die Kurse der Bundesanleihen, ausgedrückt durch den maßgeblichen Terminkontrakt, den so genannten Bund-Future, stiegen in ungekannte Höhen. Die Rendite, die sich spiegelbildlich zum Anleihenkurs entwickelt, sank immer weiter. Zeitweise standen für 10jährige Bundesanleihen nur noch zwei Prozent Rendite zu Buche.

Deutsche Staatsanleihen waren der sichere Hafen für alle, die sich um die Solidität von Festverzinslichen Papieren sorgten. Dagegen zeigt sich aktuell ein ganz anderes Bild. Passend zum Wintereinbruch mit Schnee und Eis ist auch das Klima für deutsche Staatsanleihen frostiger geworden. Seitdem Irland unter den Rettungsschirm der Europäischen Union geschlüpft ist und mit Portugal und Spanien über weitere Kandidaten spekuliert wird, sinken die Kurse von deutschen Staatsanleihen deutlich. Der Bund-Future ist von 132 auf nur noch etwas über 125 Punkte gefallen, die Tendenz ist weiter fallend. Die Einschätzung der Marktteilnehmer ist klar: Während eine Schuldenkrise Griechenlands von den großen EU-Staaten, allen voran Deutschland, geschultert werden kann, ist die Situation nun viel dramatischer: Hilfen für die Staatshaushalte von Irland, Portugal und erst recht Spanien würden den deutschen Steuerzahler massiv belasten. Damit fällt Deutschland als Anleihenschuldner in der Gunst der Investoren.

Auf den ersten Blick ist dies nur eine neue Begründung für das sattsam bekannte Auf und Ab von Anleihenkursen und Renditen. Weit gefehlt! Bisher waren Konjunkturaussichten und Zinsveränderungen die Triebfeder für den Anleihenmarkt, nie Zweifel an der Solvenz Deutschlands als Gläubiger.

Rentenkurse: Abschied vom sicheren Hafen

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Kursverluste stehen seit Herbst auch für den Bund-Future zu Buche, der richtungsweisend für die Bewertung deutscher Staatsanleihen ist. Quelle: finanzen.net

Um dies zu verdeutlichen, sei ein Blick auf Zinsen und Inflationserwartungen gestattet. Der Geldpolitische Rat der Europäischen Zentralbank beschloss auf seiner gestrigen turnusmäßigen Sitzung, die Zinsen für den zentralen Refinanzierungssatz bei einem Prozent zu lassen. Auf dem Rekord-Tief verharrt der Zins seit eineinhalb Jahren. Da mit Ausnahme Deutschlands die Euro-Länder kaum wachsen, werden die Zinsen noch einige Zeit so tief bleiben. Nicht nur die Zentralbank, auch die Inflation fällt als Zinstreiber bis auf weiteres aus. Das Statistische Bundesamt gibt die Preissteigerung mit gerade einmal 1,3 Prozent zum Vorjahresmonat im Oktober an. Zwar steigen in Asien die Material- und Lohnkosten, doch bisher kommt in Deutschland kaum etwas davon an. Im Gegenteil: Die fast ausschließlich in Asien hergestellten Elektronikartikel sind in einem Jahr um bis zu 20 Prozent billiger geworden (siehe Chart).

Fazit

Nicht Zinsen oder Inflation, sondern die grassierende Unsicherheit lassen die Kurse von Bundesanleihen fallen. Wir werden die Entwicklung genau verfolgen und gegebenenfalls in den Depots auf den Vertrauensverlust für Euro-Anleihen reagieren.

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