Start ETF-Marktbericht Schuldner spielen Räuber und Gendarm mit Gläubigern

Schuldner spielen Räuber und Gendarm mit Gläubigern

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Anleiheinvestoren müssen sich zunehmend auf ein Räuber-und-Gendarm-Spiel einlassen. Während manche Schuldner versuchen, Verbindlichkeiten loszuwerden,

ohne sie zu tilgen, müssen Investoren immer mehr auf der Hut sein, um ihr Erspartes vor Enteignung zu bewahren. Besonders pikant wird es, wenn der Staat den Räubern unter die Arme greift. Doch es gibt noch weitere Risiken am Rentenmarkt.

Bestes Beispiel für diese Art der „Unterstützung“ sind die nachrangigen Rentenpapiere des österreichischen Finanzinstitutes Hypo Alpe Adria. Diese sind mit einer Landesgarantie des Bundeslandes Kärnten ausgestattet, die aber von der österreichischen Politik nicht mehr anerkannt wird. Nach den Vorstellungen der Politiker sollen diese einstmals mündelsicheren Wertpapiere ersatzlos aus den Kundendepots ausgebucht werden.

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Dr. Tobias Spies 

Chuzpe beweist der österreichische Finanzminister, der jüngst behauptete, jeder Anleger hätte wissen müssen, dass ein Bundesland mit einem jährlichen Bruttosozialprodukt von ca. zwei Milliarden Euro im Ernstfall keine Garantien im Gegenwert von etwa 20 Milliarden Euro bedienen könne. Mit solchen Wortbrüchen und Verstößen gegen EU-Recht wird sich unser Nachbarland im In- und Ausland keine Freunde machen. Doch auch wenn es zu der erwarteten Klagewelle kommen sollte, werden die Investoren selbst bei einem juristischen Erfolg wohl viele Jahre auf die Kapitalrückzahlung warten müssen.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) profiliert sich ebenfalls zunehmend auf der Seite der Räuber. In einem aktuellen Thesenpapier fordert der von der Französin Christine Lagarde geleitete Fonds eine frühzeitige Beteiligung privater Gläubiger an staatlichen Rettungs- und Umstrukturierungsmaßnahmen überschuldeter Länder. Die Vorschläge reichen von einer zwangsweisen Verlängerung der Laufzeit problembehafteter Papiere bis hin zu einem etwaigen Zinsausfall – das ist ein Frontalangriff auf Sparer und Anleihegläubiger. Übrigens: Vor einem halben Jahr tat sich der IWF bereits mit dem Gedanken hervor, auf die Vermögen aller europäischen Haushalte eine Schuldensteuer von einmalig zehn Prozent zu erheben!

Abseits dieser politischen Eingriffe tauchen am Markt für sogenannte High-Yield-Anleihen erste dunkle Wolken auf: Renditeaufschläge von lediglich 200 bis 230 Basispunkten gegenüber Staatsanleihen signalisieren einen neuen historischen Tiefstand; angeblich soll nur jedes 40. festverzinsliche Papier nicht mehr prospektgemäß bedient werden. Anleger auf der Suche nach höher verzinslichen Anlagen sorgen mit ihren Käufen dafür, dass die Risiken nicht mehr adäquat bepreist werden. Spätestens bei der nächsten Rezession wird sich die Spreu vom Weizen trennen; dann könnte die Ausfallquote der Anleiheemittenten wieder auf zehn bis 15 Prozent ansteigen.

Besorgniserregend ist auch, dass der Markt für festverzinsliche Schuldverschreibungen von Neuemissionen regelrecht überschwemmt wird. Viele Unternehmen möchten sich das niedrige Zinsniveau sichern und bieten Bonds nicht selten mit Laufzeiten von sieben Jahren und länger an. Sollte es zu einem nachhaltigen Zinsanstieg kommen bzw. das Kreditrisiko stärkere Beachtung finden, sind Kursverluste programmiert. Dann kann ein Jahreskupon innerhalb von ein paar Tagen durch Kursverluste aufgefressen werden. Anleger, die das Gesamtrisiko ihres Rentenportfolios durch eine wahllose Aneinanderreihung von Papieren mit langen Laufzeiten nicht im Griff haben, könnten dann ihr blaues Wunder erleben.

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