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Aktien und die Eurokrise

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Huefner Wochenkommentar

Was verbindet Deutschland mit Ländern wie der Türkei, Pakistan, Venezuela oder Ägypten? Eigentlich nicht viel, würde man auf den ersten Blick sagen. Was aber die Wenigsten wissen: Diese Länder gehören zusammen mit Deutschland (und einigen anderen Plätzen in der Welt) zu den Aktienmärkten mit den größten Kurssteigerungen der Welt in diesem Jahr.

In Deutschland sind die Aktienkurse seit Anfang Januar per Saldo um insgesamt 19 % gestiegen. In der Türkei waren es 29 %, in Ägypten 42,5 %, in Pakistan 32,2 % und in Venezuela sogar 150 %. Die Entwicklung in diesen Ländern ist aber nicht unmittelbar vergleichbar mit der in Deutschland. Es handelt sich zumeist um enge Märkte, bei denen schon geringe Bewegungen zu großen Kursausschlägen führen. In der Vergangenheit waren die besten Aktienperformer in der Regel Länder mit relativ kleinen Märkten (die daher auch schwer prognostizierbar sind).

Deutsche Aktien im Spitzenfeld

Huefner KW 35Wichtiger ist, dass die deutsche Aktienmarktentwicklung unter den Industrieländern als einsame Spitze herausragt (siehe Grafik). In den meisten Staaten erhöhten sich die Kurse der Dividendenpapiere seit Jahresbeginn bestenfalls nur halb so stark: USA 7,8 %, Japan 8 %, Großbritannien 3,6 %, Schweiz 9,1 %. In China haben sich die Kurse in den ersten acht Monaten dieses Jahres sogar um 4,2 % verringert.

Die gute Aktienmarktentwicklung in Deutschland ist ungewöhnlich. Die Bundesrepublik gilt normalerweise nicht als Aktienland. Ihre Stärke sind eher Rentenpapiere. Weshalb ist das diesmal anders?

Zwei Gründe: Der eine ist, dass sich die deutsche Wirtschaft in einer guten Verfassung befindet. Die Unternehmen haben ihre Produktpalette gestrafft und sich regional auf Wachstumsmärkte ausgerichtet. Die Verbesserungen durch die Hartz-Reformen auf dem Arbeitsmarkt wirken weiter. Die Finanzpolitik hat zwar nicht verhindern können, dass die Staatsverschuldung stark angestiegen ist. Deutschland steht hier aber wesentlich besser da, als viele andere Industriestaaten.

Der zweite Grund ist paradoxerweise die Eurokrise. Sie schadet dem Aktienmarkt nicht, sondern nutzt ihm im Gegenteil. Wir klagen zwar über die hohen Transfers in die Schuldnerstaaten in Südeuropa. Die Unsicherheit über das weitere Schicksal des Euro belastet den Export und die Investitionsentscheidungen der Unternehmen.

Aber es gibt auch eine andere Seite, die oft übersehen wird. Als Folge der Eurokrise sucht unendlich viel Geld aus Südeuropa, Anlagen im Norden. Zuerst ging es vornehmlich in Bundesanleihen. Nachdem die Zinsen aber so tief gefallen sind, fließt es jetzt auch in Immobilien und Aktien. Von Januar bis Mai 2012 haben Ausländer deutsche Aktien in Höhe von EUR 9,8 Mrd. gekauft (unter großen Schwankungen von Monat zu Monat). Das ist mehr als in den letzten zwei Jahren zusammen (EUR 7,6 Mrd.). Es wäre aber merkwürdig, wenn dabei nicht auch Fluchtgelder gewesen wären. Hinzu kommt, dass auch deutsche Anleger aus Mangel an Anlagealternativen bei den niedrigen Zinsen, Aktien erwerben. Die Zahl der deutschen Aktionäre (direkte Aktienanleger plus Fondsbesitzer) ist im ersten Halbjahr 2012 nach Berechnungen des Deutschen Aktieninstituts um 1,5 Mio. gestiegen.

Wie könnte es weiter gehen?

Das kann noch eine Weile so weitergehen. Deutsche Aktien können trotz der schlechter werdenden Konjunktur weiter steigen. Aber eines Tages ist das zu Ende. Manches spricht dafür, dass sich die Eurokrise dem Finale nähert. Es wird den Beteiligten immer klarer, dass das Durchwursteln der vergangenen Jahre nicht hilft. Es muss etwas Grundlegendes geschehen.

Zwei Alternativen sind denkbar. Einmal kann der Euro endgültig auseinanderbrechen. Das wäre ein schwerer Schlag, auch für den Aktienmarkt. Deutschland würde in die Rezession fallen. Die Unternehmen würden unter einer Aufwertung der neuen Währung leiden. Es würden Kapitalverkehrskontrollen eingeführt. Es würde erhebliche Zeit dauern, bis sich die Wirtschaft davon wieder erholt.

Es kann aber auch dazu führen, dass die Eurokrise dadurch überwunden wird, dass die politischen Bedingungen für eine stabile Währungsunion geschaffen werden. Also eine Fiskalunion, eine Bankenunion und letztlich eine politische Union. Das kommt heute vielen unwahrscheinlich vor, weil die Regierungen dazu zu schwach sind. Aber Krisen mobilisieren manchmal ungeahnte Kräfte. Ich gebe sowohl dem Zerfall des Euros, als auch dem stabilen Überleben der Gemeinschaftswährung jeweils eine Wahrscheinlichkeit von 50 %.

Wenn der Euro gerettet wird, dann wäre das ein unglaublicher Schub für den Aktienmarkt. Freilich weniger für die deutschen Kurse, weil es dann weniger Kapitalzuflüsse aus dem Ausland gäbe. Profitieren würden aber Märkte wie Italien, Spanien, auch Griechenland. Ihnen würde helfen, dass das Wachstum wieder auf die Beine käme. Die wirtschaftlichen und finanziellen Strukturreformen würden sich auszahlen. Der Euroraum würde für Investoren zu einer der attraktivsten Regionen der Welt werden.

Für den Anleger

Ziehen Sie sich für den Herbst warm an. Es kann eine Zuspitzung der Eurokrise geben. Sie spült zwar weiter Geld nach Deutschland, verschlechtert aber die Stimmung der Investoren. Denken Sie aber auch an die Zeit nach der Krise. Das könnte – freilich nur mit einer Wahrscheinlichkeit von 50 % – eine gute Zeit werden. Ich schaue mir derzeit auch an, was man in einem solchen Fall tun sollte.

© 30. August 2012 /Martin Hüfner

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