Ende der Jamaika-Sondierungsgespräche - Amundi-Volkswirte sehen keine größeren Auswirkungen auf die europäischen Finanzmärkte.

Neun Wochen nach den Bundestagswahlen hat Deutschland noch keine handlungsfähige Regierung, nach dem Abbruch der Sondierungsgespräche der angestrebten Jamaika-Koalition wird der Ruf nach Neuwahlen immer lauter. Wie sollten dabei Investoren reagieren, welche Auswirkungen an den Finanzmärkten sind zu erwarten? Die Amundi-Volkswirte Tristan Perrier, Bastien Drut und Francesco Sandrini in einem Interview zu Ihrer Einschätzung.

Es scheint, dass eine neue Regierungskoalition in Deutschland jetzt außer Reichweite ist. Was sind die möglichen Optionen für Deutschland in dieser Phase?

Tristan Perrier: Es besteht immer noch die Möglichkeit, dass eine Koalition gebildet wird, auch wenn es Zeit braucht. Eine Koalition aus Jamaika (CDU / CSU, FDP und Grüne) würde eine Rückkehr der FDP zu den Gesprächen verlangen, während eine Große Koalition (CDU / CSU und SPD) die SPD auffordern würde, ihre gegenwärtige Ablehnung einzustellen. Eine Kombination aus öffentlichem Meinungsdruck, zusätzlichen Zugeständnissen der CDU / CSU und dem Willen, Neuwahlen zu vermeiden (oder sogar, obwohl zum jetzigen Zeitpunkt unwahrscheinlich, dass A. Merkel den Rücktritt als Bundeskanzlerin akzeptiert) kann zu solchen Entwicklungen führen. Eine CDU / CSU-Minderheitsregierung ist ebenfalls eine Option, die in der jüngeren deutschen Geschichte beispiellos ist, aber ihre Stabilität wäre sehr ungewiss. Schließlich können auch Wiederholungswahlen (ebenfalls beispiellos) nicht ausgeschlossen werden. Aktuelle Umfragen deuten jedoch darauf hin, dass sie möglicherweise keine sehr unterschiedlichen Ergebnisse im Vergleich zu den September-Umfragen ergeben, während Mainstream-Parteien wahrscheinlich nicht bereit sind, sie zuzulassen, da sie zu weiteren Gewinnen der AfD führen könnten. In der Zwischenzeit bleibt der Verwalter der CDU / CSU-SPD ohne zeitliche Begrenzung präsent.

Was sind die Risiken für Deutschland und die möglichen Folgen dieses politischen Pattes für Europa?

Tristan Perrier, Strategy and Economic Research

Tristan Perrier: Vor dem Hintergrund einer starken wirtschaftlichen Erholung (die deutschen BIP-Wachstumszahlen für das 3. Quartal haben positiv überrascht) sehen wir den politischen Stillstand nicht als großes Risiko für die Konjunkturaussichten. Denken Sie daran, dass vor kurzem lange Zeiträume ohne Regierung in Belgien und Spanien nicht zu einer Verlangsamung geführt haben. Auch die europäische tagtägliche Zusammenarbeit wird nicht beeinträchtigt. Das Hauptproblem ist vielmehr, dass Deutschland, solange es nur eine Übergangsregierung hat, keine großen neuen Schritte im europäischen Aufbauwerk einleiten kann (wie etwa einigen der jüngsten französischen Vorschläge zuzustimmen oder Alternativen vorzuschlagen). Derzeit können jedoch keine wirtschaftlichen Verzögerungen auftreten. Natürlich würden die wiederholten deutschen Wahlen (vor allem, wenn sie in der Nähe der italienischen Wahlen stattfinden) den politischen Lärm und die Wahrnehmung von Risiken durch die Märkte verstärken, obwohl dies nicht ausreichen würde, um unsere positive Sicht auf die Eurozone für 2018 zu untergraben. 2019.

Wie könnte sich die politische Instabilität in Deutschland auf die Euro-Währung auswirken?

Bastien Drut, Fixed Income and Forex Strategist

Bastien Drut: Am Montag, den 20. November, verlor der Euro bei der Marktöffnung an Wert, bevor er Verluste einbüßte. Unserer Ansicht nach sollte der derzeitige Stillstand den Euro nicht destabilisieren. In diesem Jahr wurde die EUR / USD-Parität vor allem durch die Entwicklung der langfristigen Zinsdifferenz zwischen den USA und Deutschland bestimmt, und wir glauben, dass dies auch in den kommenden Monaten der Fall sein wird. Die Stärke der Wirtschaft in der Eurozone wird verhindern, dass Unsicherheiten in der deutschen Politik einen signifikanten Einfluss auf die Währung haben. Es trifft zu, dass eine schwächere Position von Angela Merkel auf der deutschen politischen Bühne die vom französischen Präsidenten Emmanuel Macron geförderten europäischen Reformen verlangsamen und folglich den Prozess der Euro-Aufwertung verlangsamen würde.

Glauben Sie aus Multi-Asset-Sicht, dass der Abbruch der Sondierungsgespräche zu einem vorsichtigeren Agieren an den Aktienmärkten führt?

Francesco SANDRINI, Head of Multi-Asset Balanced, Income & Real Return

Francesco Sandrini: In Deutschland haben die politischen Parteien darum gekämpft, in wichtigen Fragen wie dem Klimawandel eine gemeinsame Basis zu finden. Die Grünen fordern eine Reduzierung der Kohleproduktion und Migration. In der Tat haben die Parteien eine polarisierte Sicht auf die Migration. Die Migration ist in Deutschland nach der Flüchtlingskrise als umstrittenes politisches Thema entstanden, als 2015-2016 1,2 Millionen Migranten ins Land kamen. In diesem Sinne glauben wir, dass diese widersprüchlichen Ansichten zur Migration auf den Finanzmärkten eingepreist zu sein scheinen. Die Einhaltung einer solchen Einwanderungspolitik kann langfristige Wachstumsaussichten für ein Land wie Deutschland beeinträchtigen, das von den schwierigen demografischen Trends betroffen ist, aber es scheint ein unwahrscheinlicher Risikofaktor für die Finanzmärkte zu sein, die heute mehr auf geldpolitische Anreize zu reagieren scheinen. Wir glauben daher, dass, obwohl die Volatilität an den europäischen Aktienmärkten in den kommenden Monaten aufgrund des schrittweisen Abbaus der geldpolitischen Anreize weltweit zunehmen wird, die tatsächliche politische Sackgasse eine bescheidene Rolle als Risikoabschaltungskatalysator für Europa spielen wird.

Wie sollten Anleger mit dieser Unsicherheit umgehen?

Francesco Sandrini: Der Appetit ausländischer Investoren auf Europa scheint derzeit mit einer Erholung und Normalisierung zusammenzuhängen. Wir glauben, dass die gegenwärtige politische Sackgasse in Deutschland sicherlich einige Sektoren wie Energie und Versorger treffen kann, die wir beide vorsichtig betrachten, da die langfristige Rentabilität irgendwie an das endgültige Ergebnis der Koalitionsverhandlungen geknüpft sein kann. Wir behalten eine vorsichtig positive Haltung gegenüber Europa bei, indem wir eine robuste zyklische Erholung anerkennen, aber wir sind uns der Abhängigkeit einer pro-europäischen globalen Positionierung von steigenden Zinsen bewusst, was von Draghis jüngster Rede heruntergespielt zu werden scheint. Die Sackgasse der deutschen Koalition kann den Trend der abnehmenden geopolitischen Risikowahrnehmung von globalen Investoren (nach der Macron-Wahl) im Jahr 2017 nur moderat in Frage stellen und kann nicht allein als Risikoabschaltungskatalysator gesehen werden. Ein wahrgenommenes Risiko einer weltweiten Verlangsamung oder einer unter den Erwartungen liegenden Inflation könnte stattdessen angesichts der Aufmerksamkeit von Anlegern auf europäische Finanzwerte möglicherweise eine Risikoabschwächung auslösen

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.