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Angst vor der eigenen Courage

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Dr_Alexander_Seibold

Anleger schwanken stets zwischen den Extremen Angst und Gier. Dies ist die eine Konstante im Verhalten an den Börsen. Die andere ist, dass die jüngsten Ereignisse immer wesentlich stärker beachtet werden als weiter zurück liegende. Die Kombination beider Effekte könnte eine Erklärung dafür liefern, dass es an den Aktienbörsen derzeit sehr nervös zugeht.

Denn zum einen gibt es kurzfristige, Angst einflößende Ereignisse: die politische Lage in Nordafrika und im Nahen Osten ist brisant, der Atom-Unfall in Japan noch immer nicht unter Kontrolle, die Schuldenkrise schwelt an vielen Enden. Vor lauter Starren auf den minütlichen Schreckensnachrichten- Ticker bleibt gar keine Zeit, den Blick zu öffnen für langfristige Betrachtungen. Denn weltweit betrachtet ist die Wirtschaft in einem viel besseren Zustand als viele Anleger glauben. Daher gibt es gar keinen Grund, Angst vor der eigenen Courage zu haben.

Angst vor der eigenen Courage

Der Internationale Währungsfonds (IWF) spricht in seinem aktuellen Ausblick von April 2011 eine Warnung aus. Allerdings ist es eine andere Warnung, als die Beobachter Europas sich das vorstellen. Der IWF warnt tatsächlich vor einer möglichen Überhitzung – nicht Einbruch, wohlgemerkt – der Weltwirtschaft in den nächsten Jahren. Das Szenario der IWF-Analysten hat für 2010 ein reales, inflationsbereinigtes Wachstum der weltweiten Wirtschaftsleistung von 4,7 Prozent errechnet, und geht 2011 und 2012 von Wachstumsraten in derselben Größenordnung aus. Die Analyse wurde veröffentlicht, auch das bitte ich zu beachten, nachdem Japan von dem verheerenden Erdbeben heimgesucht und der Nahe Osten von Unruhen durchgeschüttelt wurde und der Ölpreis auf deutlich über 100 US-Dollar gestiegen ist, bei der Nordsee-Sorte Brent sogar auf 120 US-Dollar.

Man mag nun berechtigte Zweifel haben an der Prognose-Fähigkeit der IWFÖkonomen, die schon häufig daneben gelegen haben. Doch die Botschaft ist klar. Die Weltwirtschaft ist gut in Schwung. Und sie läuft sogar, obwohl vier von acht Zylindern nur langsam ins Laufen kommen. Die ganze Kraft kommt bisher fast ausschließlich von den BRIC-Zylindern, sprich den großen Schwellenländern Brasilien, Russland, Indien und China. Die entwickelten Staaten kommen erst jetzt langsam aus der Talsohle. Selbst in den USA ist am Arbeitsmarkt ein Hoffnungsschimmer am Arbeitsmarkt zu sehen. Im März 2011 (siehe Chart unten) wurden mehr als 200 000 Stellen neu geschaffen, der sechste Monatszuwachs in Folge. Das ist noch keine Jubelmeldung, geht aber in die richtige Richtung. Wenn auch die Industrienationen zum weltweiten Wachstum beitragen, steht die Konjunktur auf noch breiterem Fundament.

Neu geschaffene Stellen: USA kommt aus der Talsohle

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Stellenzuwachs in den USA, Quelle: Bureau of Labor Statistics

Krisen-Dauerfeuer

  1. Ereignisse, die erst kurz zurückliegen, werden von Anlegern typischerweise systematisch überschätzt
  2. In wenigen Wochen gab es mehrere gravierende Vorfälle: Unruhen in Nahost, Erdbeben in Japan, EUHilfen für Portugal und Irland
  3. Daher fiel die Reaktion an den Börsen vor allem in Europa extrem stark aus.

Postives wird verdrängt

  1. Die Weltwirtschaft wächst 2010, 2011 und 2012 mit mehr als 4,5 Prozent
  2. Der Internationale Währungsfonds (IWF) warnt sogar schon vor Überhitzung der Konjunktur in einigen Schwellenländern
  3. Die Unternehmen in USA und Europa sind sehr profitabel und planen Investitionen, das könnte die Aktienmärkte befeuern.

Angst vor der eigenen Courage (Forts.)

Um keinen falschen Eindruck zu erwecken, ich sehe hier keinen neuen Bullenmarkt aufziehen. Wohl gibt es aber eine Möglichkeit für folgendes Szenario: Wenn sich die zahlreichen Nebengeräusche beruhigen, dann könnten sich die positiven Langfristtrends wieder durchsetzen. Als Beispiel wären gesunde Unternehmensbilanzen mit hohen Bargeld-Reserven zu nennen. In vielen Branchen wurden Investitionen lange zurückgehalten, die dringend durchgeführt werden müssen. Gerade in den USA besteht als Folge des herben Wirtschaftseinbruchs 2008/2009 ein regelrechter Investitions- Stau. Das wäre gleich bedeutend mit einem Konjunkturprogramm für viele Branchen. Der US-Aktienmarkt (unten im Chart in blauer Farbe der breit gefasste S&P-500) Index hat sich im letzten halben Jahr ohnehin wesentlich viel stabiler gehalten als der stark schwankende DAX (schwarze Farbe).

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Vergleich S&P 500 (blau) und DAX (schwarz); Zeitraum sechs Monate; Quelle: finanzen.net

In der Vermögensanlage wird es in den kommenden Monaten mehr denn je darauf ankommen, flexibel zu bleiben. Wie lange die tagesaktuellen Nachrichten den positiven Grundtrend überlagern, ist schwer zu sagen. So lange sollten liquide, nicht mit zusätzlichen Risiken versehene Anlageziele im Vordergrund stehen.

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