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Angst vor der Konjunktur in Amerika?

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Dr Huefner Wochenkommentar

Keiner traut dem Frieden mit der Konjunktur. Das zwei-te Quartal war in puncto Wachstum in Europa zwar gut (+ 4 % Jahresrate), aber die meisten haben Angst, dass sich dies nicht so fortsetzt. Sie schauen auf die USA, wo die Wirtschaft eher dahindümpelt. Sie beobachten die Befürchtungen einer neuen Rezession. Und sie sehen die schwächere Wall Street und die Deflationssorgen an den US-Bond-Märkten. Wird der Euroraum nicht früher oder später doch von der größten Volkswirtschaft der Welt nach unten gezogen?

Natürlich gibt es negative Effekte. Aber sie sind bei Wei­tem nicht so groß wie oft gesagt wird. Zum einen ist die Konjunktur in den Vereinigten Staaten gar nicht so schlecht wie allgemein behauptet. Der private Konsum erhöhte sich in den letzten drei Monaten preisbereinigt um 2 %, die Investitionen sogar um 25 %. Der Export stieg um 9 %. Eine drohende Rezession sieht anders aus. Das Problem ist, dass diese Nachfrage nicht bei den amerikanischen Unternehmen ankommt und damit nicht der Beschäftigung hilft. Stattdessen steigen die Im­porte (+ 32 %). Das aber ist kein Kon­junktur- sondern ein Strukturproblem. Es ist der seit langem bekann­te Man­gel an Wettbewerbsfähigkeit vieler US-Unterneh­men.

Zum anderen ist der Zusammenhang zwischen den nationalen Konjunkturen nicht mehr so stark. Die alte The­se, dass Europa eine Lungenentzündung bekommt, wenn die USA einen Schnupfen haben, stimmt nicht mehr.

Erstens sind die bilateralen Handelsbeziehungen nicht mehr so eng. Machte der deutsche Export nach Amerika vor zehn Jahren noch 10,3 % der Gesamtausfuhren aus, so sind es inzwischen nur noch 6,7 %. Demgegenüber ist der Anteil der Chinesen an den deutschen Ausfuhren in dieser Zeit von 1,6 % auf 5,5 % gestiegen. Es wird nicht mehr lange dauern, bis China die USA in der Rangliste der deutschen Exportkunden überholt. Im bis­herigen Verlauf dieses Jahres nahmen die Lieferungen in die USA um 14 % zu, die nach China um 55 %.

Zweitens sind auch die indirekten Zusammenhänge über Drittmärkte nicht mehr so eng. Die USA haben zwar nach wie vor einen Anteil von 24 % an der Welt­wirt­schaft. Im Welthandel mit Industriegütern, der für die Übertragung von Konjunkturimpulsen so wichtig ist, spielen sie jedoch eine immer geringere Rolle. Das ist eine Folge der abnehmenden Bedeutung der Industrie. Die USA werden mehr und mehr zu einem „Service-Ko­loss“. Der gesamte Dienstleistungssektor (inkl. Staat) macht in den USA inzwischen über 80 % aus, vergli-chen mit 75 % Mitte der 90er Jahre.

Drittens funktioniert der Wechselkurs nicht mehr so lehr­buchmäßig. An sich müsste sich der Dollar abschwä­chen, wenn die USA konjunkturell ins Hintertreffen gera­ten. Das würde sich dann negativ auf die Entwicklung in Europa auswirken und zu einem Gleichlauf der Zyklen führen. In diesem Jahr ist der Dollar ausgerechnet zu dem Zeitpunkt stärker geworden, als die US-Wirtschaft.

Viertens schließlich: Eben weil die direkten Handelsbe­ziehungen nicht mehr so stark sind, ist auch die Übertra­gung von Stimmungen nicht mehr so intensiv. Früher fuhren europäische Geschäftsleute in die USA, um zu sehen, wie sich die Stimmung in der Welt entwickeln wird. Jetzt hat Europa eine eigene Stimmungskonjunk­tur. So kommt es, dass das Geschäftsklima in den USA derzeit so gedrückt ist wie noch selten, das Klima in Eu­ropa dagegen – abgesehen von den Mittelmeerländern – ausgesprochen gut ist.

Aber freuen Sie sich nicht zu früh über die neue Unab­hängigkeit Europas. Im Bereich der Kapitalmärkte sind die USA so dominant wie eh und je. Der amerikanische Aktienmarkt ist zweieinhalbmal so groß wie der aller Märk­te im Euroraum. Wenn die Wall Street schwach wird, kann sich dem niemand entziehen.

Das ist auch für die Konjunktur relevant. Der bekannte Rückkoppe­lungseffekt zwischen Konjunktur und Kapitalmärkten funktioniert nicht mehr. Der Effekt besagt, dass der Aufschwung den Kapitalmärkten hilft, dass sich das bele­bend auf Investi­tionen und Einkommen auswirkt und dass das dann wie­derum die Konjunktur stärkt. Irgend­wann wird sich auch der europäische Kapital-markt emanzipieren. Aber das dauert noch sehr, sehr lange. Immerhin war interes­sant, dass die europäischen Märkte in der letzten Wo­che stär­ker auf die Ver­öffentlichung des Einkauf-Mana­ger-Index in China rea­gierten als auf den der USA. Das war eine Premiere.

Insgesamt brauchen wir keine Angst zu haben, dass die Entwicklung in den Vereinigten Staaten die europäische Konjunktur kaputt macht. Das heißt aber nicht, dass es so weiter geht wie im zweiten Quartal. Es gibt andere Faktoren, die dazu führen, dass die konjunkturellen Bäu­me nicht in den Himmel wachsen. Die Bauindustrie wird nicht so stark wachsen. Die Verlangsamung in China wird sich auch auf die europäischen Exporte auswirken. Die Staatsschuldenprobleme in Südeuropa bleiben nicht ohne Wirkung. Es war daher nicht überraschend, dass in dieser Woche die Zahlen für die Auftragseingänge und – etwas weniger – die Produktion in der deutschen Indus­trie schwächer ausfielen. Es würde mich wundern, wenn nicht auch der ifo-Index bald eine Pause einlegen wür­de. Das ist aber keine wirkliche Abkühlung. Es ist eher eine wünschenswerte Normalisierung. Denn wenn es mit der wirtschaftlichen Expansion im Tempo des letzten Vierteljahres weiterginge, könnte sich Deutschland vor Inflation bald nicht mehr retten.

Für den Anleger

Für die europäische Wirtschaft wird 2010 ein gutes Jahr, auch wenn sich das Expansionstempo des zwei-ten Quartals so nicht fortsetzt. Die Anleger werden frei­lich nicht den vollen Bonus für das höhere Wachstum kas­sieren können. Die europäischen, vor allem die deut­schen Aktien werden nicht so stark steigen, wie es auf­grund der steigenden Gewinne der Unternehmen eigent­lich angemessen wäre. Allerdings werden sie sich – wie im bisherigen Verlauf des Jahres – voraussichtlich etwas besser entwickeln als die amerikanischen.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.

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