Start ETF-News Auf dem Pulverfass?

Auf dem Pulverfass?

26
Dr Huefner Wochenkommentar

So viel Unsicherheit gab es selten. Wer jetzt aus dem Urlaub kommt, findet, dass sich in seinem Portfolio viel­leicht nicht allzu viel getan hat. Wenn er sich aber die gesamtwirtschaftliche Lage anschaut, stößt er auf eine Welt voller Widersprüche. Es ist schwer, sich eine Mei­nung über die weitere Entwicklung zu bilden. Hier ein paar Beispiele:

Die Wirtschaft in Europa boomt, die in den USA liegt darnieder. Ich kann mich nicht erinnern, dass es das in diesem Ausmaß je gegeben hat. Es widerspricht aller Erfahrung (nach der die Amerikaner bei der Bewältigung von Krisen viel pragmatischer und flexibler sind). Haben die Vereinigten Staaten ihre Kraft verloren? Funktionie­ren die ausgleichenden Effekte einer globalen Wirtschaft über Welthandel und internationalen Kapitalverkehr nicht mehr?

Der US-Dollar hat sich seit Jahresbeginn von USD 1,46 auf zeitweise USD 1,19 je Euro aufgewertet. Das sind fast 20 %. Haben die Devisenmärkte nicht gemerkt, wie es um die USA steht? Eine Zeit lang konnte man die Entwicklung mit den hohen Staatsschulden in Südeuro­pa erklären. Inzwischen hat sich die Lage aber zumin­dest in einigen Ländern (vor allem Spanien) gebessert.

Griechenland hat in den letzten sechs Monaten einen hervorragenden Job gemacht, sein Staatsdefizit zu redu­zieren und die Vorgaben einzuhalten, die der IWF, die EU und die EZB gemacht hatten. Die Risikoaufschläge auf die Zinsen, die Athen an den Kapitalmärkten zu be­zahlen hat, sind aber nicht gesunken, sondern im Ge­genteil gestiegen. Selbst für kurze Laufzeiten wie ein Jahr. Signalisiert das, dass hier – trotz aller offiziellen Dementis – eine Umschuldung vorbereitet wird, die so­gar recht schnell stattfinden könnte?

Der japanische Yen kann sich vor Stärke fast nicht mehr einkriegen. Seit Jahresbeginn wertete er sich gegenüber dem US-Dollar noch einmal von JPY 91 auf zeitweise JPY 83 je Dollar auf. Dabei bewegt sich die japanische Wirt­schaft schon wieder nahe an der Rezession. In frü­heren Jahren hat die japanische Notenbank in solchen Zeiten massiv und mit schönem Erfolg an den Devisen­märkten interveniert. Jetzt zögert sie, versucht sich mit ein paar geldpolitischen Spritzen und klagt im Übrigen, dass sich die anderen Industrieländer nicht zu konzer­tierten Yen-Verkäufen bereitfinden (was bei den USA sicher nicht zu erwarten ist).

Auch der Schweizer Franken strotzt vor Stärke. Er no­tiert nur noch bei CHF 1,28 gegen Euro. Bei CHF 1,35 hatte die Schweizer Notenbank im ersten Halbjahr noch interveniert, um eine zu starke Aufwertung zu verhin­dern. Jetzt hält sie still. Was führt sie im Schilde?

Die Zinsen in den USA und in Europa sind auf ein All­zeit-Tief gefallen, obwohl Staaten, Unternehmen und Banken den Kapitalmarkt in einem kaum je gekannten Maße zur Refinanzierung in Anspruch nehmen. Wo kommen die Mittel her? Sind das alles Liquiditätsmaß­nahmen der Notenbanken?

Die amerikanischen Unternehmen haben für das zweite Quartal wieder über insgesamt gute Gewinne berichtet. Das passt nicht zu den schwachen gesamtwirtschaftli­chen Daten in dem Land. Irgendjemand muss weniger verdient haben. Waren das die kleineren und mittleren Unternehmen (was die schlechte Stimmung im Land erklären würde)? Werden sie auf Dauer hinnehmen, dass sie so auf der Schattenseite stehen?

China hat unter den großen Schwellenländern das höch­ste Wirtschaftswachstum. Dort werden wirklich Werte geschaffen. Warum ist dort aber die Aktienkursentwick­lung so mager? Seit Jahresbeginn sind chinesische Ak­tien um 18 % in den Keller gegangen. Amerikanische sind nur um 4 % gefallen. Wie passt das zusammen?

Etwas ganz anderes: Jeder sagt, dass es derzeit ange­sichts der unterausgelasteten Kapazitäten in der Welt zunächst keine Inflation gäbe. Tatsächlich sind die Preissteigerungsraten in den Industrieländern auch sehr niedrig. In den Schwellenländern gibt es jedoch vielfach erhebliche Geldentwertung. Wir haben eine zweigeteilte Welt der Inflation.

In den letzten 20 Jahren waren es die Schwellenländer, die mit ihren niedrigen Lohnkosten der Welt sinkende Preissteigerungen gebracht hatten. Dreht sich der Spieß jetzt um und wir be­kommen in Zukunft steigende Preise aus der Dritten Welt?

Das passt alles nicht richtig zusammen. Natürlich gibt es immer Widersprüche und Ungereimtheiten im gesamt­wirtschaftlichen Umfeld. Vieles kann man auch erklären
(der Markt findet ohnehin für alles eine Erklärung, ob richtig oder nicht). Aber eine solche Häufung von Fragen ist ungewöhnlich.

Das spricht dafür, dass etwas „im Busch“ ist. Die Welt ist nicht in Ordnung. Es muss sich etwas ändern. Das kann in der realen Welt passieren, an den Devisenmärkten oder an den Kapitalmärkten. Aus meiner Sicht am wahr­scheinlichsten in allen drei Bereichen. Es wird etwas sein, mit dem die wenigsten rechnen. Es kann sich ab­rupt vollziehen oder allmählich. Wir sitzen auf einem Pul­verfass.

Für den Anleger

Ich möchte jetzt nicht argumentieren, in welche Richtung sich die Widersprüche aus meiner Sicht auflösen wer­den. Ich möchte Sie hier vielmehr sensibilisieren, dass etwas passieren wird. Seien Sie kritisch gegenüber allen Prognosen. Zudem: Die mit dieser Situation verbundene Unsicherheit ist etwas, was die Märkte überhaupt nicht schätzen. Investoren halten sich mit Positionierungen zurück. Die Aktienkurse werden unter diesen Umstän­den zunächst einmal schwächer sein. Vielleicht profitie­ren die Rentenmärkte ein weiteres Mal.

 

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.

TEILEN
Vorheriger ArtikelIndex im Fokus: Stoxx Europe 600
Nächster ArtikelAnleihen-ETFs auf Sektoren fehlen
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.
Child comments 1