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Contrarian Views zur Konjunktur

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Dr Huefner Wochenkommentar

Kürzlich schrieb mir ein Kollege: Ihr Volkswirte seid sooo zuversichtlich, dass der Aufschwung weiter geht. Der IWF habe seine Prognosen zuletzt nach oben revidiert. In Amerika sei die Möglichkeit eines „Double Dip“, also einer Rezession mit zwei Tälern, seit Jahresanfang fast wie vom Erdboden verschwunden.

Dort wird jetzt mit 3 % bis 4 % Wachstum gerechnet. Die Arbeitslosigkeit ist auf 9 % zurückgegangen. In Europa wird leicht höhe­res Wachstum erwartet. Auch in den Emerging Markets ist keine Verlangsamung aufgrund der höheren Zinsen er­kennbar. Seid ihr euch wirklich so sicher, dass wir die Konjunktur 2011 schon im Kasten haben? Schreiben Sie doch mal, was anders kommen könnte. Hier ist meine Antwort.

Natürlich kann niemand ganz sicher sein, dass sich die Erholung der Weltwirtschaft fortsetzen wird. Die Wahr­scheinlichkeit ist jedoch hoch. Daher gibt es derzeit kaum „Contrarian Views“. Eine solche Situation ist ge­fährlich. Was könnte anders kommen?

Fangen wir mit den Konjunkturindikatoren an. Was be­unruhigt, ist dass der bekannte Baltic Dry-Index seit Mai letzten Jahres beinahe ununterbrochen nach unten geht (siehe Grafik). Der Index war in der Vergangenheit im­mer ein recht zuverlässiger Indikator für die künftige Ent­wicklung des Welthandels. Wenn er sich so nachhaltig abschwächt, bedeutet das nichts Gutes.

Andererseits gibt es einige Sondereffekte, die hier eine Rolle spielen. Der Index misst die Frachtraten im inter­nationalen Schiffsverkehr. Sie sind zum Teil dadurch verzerrt, dass in den letzten Jahren neue Frachter in Be­trieb genommen worden sind, die die Frachtraten sinken lassen. Hinzu kommt, dass Missernten in vielen Teilen der Welt, auch die Überschwemmungen in Australien, das Volumen der zu transportierenden Güter verringern. Aber reicht das zur Erklärung für einen so starken Rück­gang des Indexes aus? Einige Zweifel bleiben.

Ein Ende des Aufschwungs?
Entwicklung des Baltic Dry-Index in den letzten zwölf Monaten

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Ein anderes Indiz für eine eventuelle konjunkturelle Schwäche: Auf den Aktienmärkten verkaufen im Au­genblick institutionelle Anleger Papiere in größerem Stil. Privatanleger sind dagegen nach wie vor auf der Käu­ferseite. Eine so große Divergenz zwischen dem Han­deln der Institutionellen und dem der Privaten hat es nach Aussagen der amerikanischen Investmentbank Morgan Stanley, die das seit Jahren beobachtet, schon lange nicht mehr gegeben. Wissen die Institutionellen mehr, beziehungsweise haben sie ein besseres Gefühl? Oder ist es vielleicht einfach nur eine technische Reak­tion, also Vorsicht nach dem starken Anstieg der letzten Monate?

Was könnte hinter der Skepsis stehen? Einmal belastet die Erhöhung der Ölpreise natürlich die Konjunktur. In den letzten sechs Monaten haben sie noch einmal um 20 % angezogen. Das verringert nach den üblichen Daumenregeln der Ökonomie das Wachstum der Welt­wirtschaft um 0,2 bis 0,3 Prozentpunkte. Das ist für sich genommen noch nicht schrecklich viel. Andererseits könnte der Ölpreisanstieg noch weitergehen.

In den Schwellenländern wird zur Bekämpfung der Infla­tion eine restriktive Geldpolitik betrieben. Gerade in die­ser Woche haben die Chinesen den Zinssatz noch ein­mal um einen Viertel Prozentpunkt angehoben. Bisher hielt sich die Restriktion noch in vernünftigen Grenzen.

So etwas kann sich aber schnell ändern. Probleme kann es insbesondere dann geben, wenn die kurzfristigen Gelder, die in letzter Zeit massiv in die Schwellen- und Entwicklungsländer geflossen sind, zurückgeholt wür­den. Das passiert, wenn das hohe Vertrauen, das die Finanzmärkte in die Schwellenländer setzen, schwindet. Bemerkenswert ist, dass die Aktienmärkte der Schwel­lenländer zuletzt schlechter laufen. Es ist das Szenario der Asienkrise von vor etwas mehr als zehn Jahren. Er­gebnis war damals eine schwere Rezession in der Re­gion.

Weitere Wachstumsbremse wäre ein Ende des China-Booms, weil die Ungleichgewichte in dem Land eskalie­ren. In den Industrieländern könnte die Staatsverschul­dung zu Problemen führen. Ich denke hier weniger an Europa (da liegt schon vieles hinter uns) als vielmehr an die USA. Wenn das Vertrauen in die AAA-Qualität der Amerikaner wackeln würde, wäre es auch mit dem ame­rikanischen Wachstum nicht mehr so weit her. Die Ver­einigten Staaten müssten dann schneller als gewünscht ihre öffentlichen Defizite zurückführen mit entsprechen­den negativen Wirkungen auch auf die Beschäftigung.

Eine ganz andere Wachstumsbremse: Die konjunktu­relle Erholung führt zu Friktionen, weil es an entspre­chenden Kapazitäten fehlt. In der Automobilindustrie müssen Hersteller bereits jetzt zum Teil die Produktion unterbrechen, weil Zulieferer nicht rechtzeitig die benö­tigten Teile liefern können.

Möglichkeiten für ein Ende des Aufschwungs gibt es al­so eine Reihe. Sind sie aber auch wahrscheinlich? Jeder einzelne Fall kann natürlich eintreten. Es reicht – viel­leicht abgesehen von dem Fall der Schwellen- und Ent­wicklungsländer – für sich genommen aber nicht aus, dass die Weltkonjunktur insgesamt kippt. Dafür müsste schon mehreres zusammenkommen. Aus heutiger Sicht sehe ich für 2011 noch keine unmittelbaren Gefahren. Was ich mir aber vorstellen kann, ist dass sich die Stim­mung als Folge des einen oder anderen Faktors ver­schlechtert. Das würde die Konjunktur von der psycho­logischen Seite beeinträchtigen. In den realen Zahlen wäre es vermutlich erst 2012 spürbar.

Für den Anleger

Ich möchte mit diesen Bemerkungen den Konjunktur­optimismus nicht kaputt machen. Ich möchte jedoch et­was Wasser in den Wein gießen. Es ist immer gut, sich seiner Sache nicht so sicher zu sein und die Risiken im Kopf zu behalten. Im Augenblick setzen meines Erach­tens zu viele, vor allem Private, unkritisch auf Aktien.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.

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