Hüfners Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Seit Jahren wird geklagt, dass die Sparer in Deutschland zu viel Geld auf dem Konto halten und zu wenig in Aktien anlegen. Jetzt sind die Zinsen so niedrig, dass Aktien tatsächlich die einzig sinnvolle Option für den Anleger sind. Werden die Menschen nun endlich vernünftiger und kaufen Aktien?

Auf den ersten Blick sieht es so aus. Der Anteil der Aktien am Geldvermögen ist in den letzten Jahren deutlich gestiegen ist. Am Ende der Finanzkrise, als die Aktienkurse tief am Boden waren, lag er in Deutschland bei 3,7 %. Heute ist er fast doppelt so hoch, nämlich 6,5 %. Die Zahl der Aktionäre hat sich nach den Statistiken des Deutschen Aktieninstituts in dieser Zeit von 3,5 auf 4,4 Millionen erhöht. Es handelt sich hierbei nur um Direktanlagen, also ohne Aktienfonds.

Freilich sollte man sich nicht zu früh freuen. Wenn man genau hinschaut, dann ist das Bild nicht mehr so gut. Historisch gesehen ist der Anteil der Aktien am Geldvermögen auch jetzt noch relativ niedrig. In früheren Spitzenjahren lag er wesentlich höher. Im Jahr 2000 beispielsweise betrug er 14,5 %. 2007 waren es 8,4 %.

Auch im internationalen Vergleich steht Deutschland mit dieser Quote nicht gut da. Die Franzosen etwa halten 14 % ihres Geldvermögens in Aktien, die Spanier 22 %, die Finnen sogar 30 %. In den USA beträgt der Anteil der Aktien am Geldvermögen 38 %.

Zum Jubeln besteht auch deshalb kein Anlass, weil die Entwicklung nicht durch eine größere Affinität der Sparer zu Aktien bedingt ist. Sie beruht vielmehr allein auf den Kurssteigerungen am Aktienmarkt in dieser Zeit. Rechnet man das aus den Zahlen heraus, dann ergibt sich, dass der Anteil der Aktien am Geldvermögen der privaten Haushalte kleiner geworden ist. Die Sparer haben per Saldo nicht Aktien gekauft. Sie haben verkauft.

Ein Gutes haben die Zahlen freilich. Es gibt in Deutschland keine „Irrational Exuberance“, wie sie der frühere amerikanische Zentralbankpräsident Alan Greenspan einmal für die USA diagnostiziert hatte. Wir haben keine Lieschen-Müller-Hausse, die früher oder später einmal in sich zusammenfallen muss. Auch der Vorwurf, die Sparer würden durch die niedrigen Zinsen in unvertretbare Risiken gedrängt, lässt sich bei den Aktien nicht belegen. Die Sparer sind vernünftiger und risikobewusster als viele denken. Vielleicht sind sie sogar etwas zu vernünftig. Denn dadurch, dass sie das Potenzial der Aktie als Anlageinstrument so wenig nutzen, verschenken sie am Ende Chancen und Wohlstand.

Durch ein größeres Engagement bei Aktien könnte erstens die Gesamtrendite des Geldvermögens in der Volkswirtschaft erhöht werden. Sie liegt derzeit in Deutschland bei mickrigen 2,8 %. In Frankreich beispielsweise ist sie trotz Nullzinsen deutlich höher (3,6 %). In den Niederlanden liegt sie bei 7,2 %, in den USA bei 6,8 %.

Zweitens würde die Altersvorsorge erleichtert. Im Augenblick beklagen sich alle, dass man bei den niedrigen Zinsen nicht mehr ausreichend für das Alter zurücklegen kann. Der Staat müsse dies durch öffentliche Hilfen ausgleichen. Wenn man Aktien als Instrument der Vorsorge stärker nutzen würde, wäre die private Kapitalanlage besser zur Altersvorsorge geeignet.

»Die Sparer sind vernünftiger und risikobewusster als viele denken. Vielleicht sind sie sogar etwas zu vernünftig.«

Drittens könnte mit einem größeren Anteil der Aktien am Geldvermögen etwas gegen die Ungleichheit in der Gesellschaft getan werden. Menschen mit niedrigerem Einkommen legen ihr Geld zwangsläufig auf Sparkonten an. Nur Menschen mit höherem Einkommen können in Aktien gehen. Derzeit gibt es eine große Diskussion darüber, dass die ultralockere Geldpolitik eher den Aktien zugutekommt. Damit werden reichere Bevölkerungsschichten begünstigt. Wenn es mehr Aktienbesitzer in der Gesellschaft gäbe, würde sich die Diskussion über die Verteilung etwas entspannen.

Viertens würde die Finanzierung der Unternehmen auf eine solidere Basis gestellt. Die Firmen hätten mehr Eigenkapital zur Verfügung. Sie könnten die Verschuldung abbauen. Das würde das gesamtwirtschaftliche Wachstum fördern und auch mehr Arbeitsplätze schaffen.

Fünftens schließlich stärkt eine größere Verbreitung der Aktie den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Akzeptanz des marktwirtschaftlichen Systems. Die Menschen interessieren sich mehr für das, was in den Unternehmen geschieht. Früher hatte man das mit Belegschaftsaktien zu erreichen versucht. Es hat sich aber gezeigt, dass es problematisch ist, wenn Arbeitnehmer sowohl ihren Arbeitsplatz als auch ihre Ersparnisse in demselben Unternehmen haben.

Aus all diesen Gründen wäre es von Vorteil, wenn der Anteil der Aktien am Geldvermögen der privaten Haushalte weiter steigen würde. Die Politik könnte hier Schützenhilfe leisten. Ich denke hier nicht an Subventionen. Wenn Aktien wirklich eine gute Anlage sind, dann muss der Staat sie nicht fördern. Es reicht, wenn sie nicht permanent verteufelt wird.

Für den Anleger

Wenn die Aktien in der Volkswirtschaft insgesamt eine größere Rolle spielen würden, dann käme das auch dem einzelnen Investor zugute. Der Kapitalmarkt würde breiter und liquider. Die Auswahlmöglichkeiten stiegen. Große internationale Investoren gingen nicht nur nach Großbritannien oder in die USA, sondern kämen auch nach Europa. Das alles würde am Ende auch den Aktienkursen helfen.

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Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber des EXtra-Magazins. Einer der führenden ETF-Informationsplattformen in Deutschland. Er hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Finanzen und Geldanlage mit Schwerpunkten auf Exchange Traded Funds, Robo-Advisors und digitale Bankdienstleistungen und ist ein gefragter Experte auf diesen Gebieten.