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Die Dritte Welt überholt die Erste Welt

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Dr Huefner Wochenkommentar

Anfang Oktober finden die Jahrestagungen des Interna­tionalen Währungsfonds und des Institute of Internatio­nal Finance statt. Diesmal trafen sich Politiker, Noten­banker und Geschäfts- und Investmentbanker aus aller Welt im sonnig-warmen Washington in den USA. Die Zeitungen haben viel über die offiziellen Diskussionen berichtet. Hier ein paar persönliche Eindrücke aus den Vorträgen und Diskussionen:

Was am meisten auffiel: Der Aufstieg der Schwellenlän­der in der Weltwirtschaft ist in eine neue Phase getre-ten. Seit langem wissen wir, dass die Dritte Welt immer wich­tiger wird. Jetzt aber hat das ganze eine neue Qua­lität bekommen. Zum Einen sind die Entwicklungs- und Schwellenländer gemessen am Bruttoinlandsprodukt größer geworden. Die Grafik zeigt, dass sie die Indus­trieländer schon 2012 gemessen am Bruttoinlandspro­dukt überholen werden. Zum Zweiten haben inzwischen immer mehr Staaten „chinesische Wachstumsraten“. Indien wächst 2010 um 9,7 %. Es gibt kaum mehr ein Schwel­lenland, dessen Bruttoinlandsprodukt nicht um 5 % oder mehr zunimmt. Zum Dritten werden immer mehr Entwicklungsländer zu Schwellenländern. Gere-det wird zunehmend nicht nur über Indonesien, Malay-sia und Thailand. Selbst die Philippinen treten mit stolz­ge­schwellter Brust auf. Zum Vierten hat sich die Expan­sion der Industrieländer deutlich verlangsamt, so dass die Dritte Welt von hier aus gesehen noch dynamischer leuchtet.

Ich habe noch keine internationale Konferenz mitge­macht, in der die Schwellenländer eine so wichtige Rolle spielten.

Ein ganz anderer Punkt, aber nicht weniger wichtig: Die Finanzmärkte sind in größeren Schwierigkeiten als in der Öffentlichkeit vermutet. Sie leiden unter einer Vielfalt von Belastungen: Sinkenden Hauspreisen in vielen Län­dern, steigenden Staatsschulden (wodurch die Staatspa­piere in den Bilanzen wertberichtigt werden müssen), ho­hem Refinanzierungsbedarf in den kommenden Jah­ren, steigenden Kapitalanforderungen durch die neuen Basel III-Regeln, unverminderter Abhängigkeit von der Zentralbank und dem schwächeren Wachstum in den Industrieländern.

Dabei sind die Schwierigkeiten der Banken keineswegs mehr global. Die Banken in den Schwellenländern ha­ben kaum Probleme (jedenfalls wird darüber nicht ge­redet). In den USA sind die großen Banken aus dem Gröbsten heraus. Wo es noch klemmt sind die vielen kleineren Häuser. Am schwierigsten ist die Lage in Eu­ropa, vor allem in Südeuropa und Irland, aber auch in Deutschland.

Große Einigkeit besteht darüber: Das Wachstum der Weltwirtschaft wird sich 2011 verlangsamen. Das ist aber kein Anlass zur Sorge. Es wird keine zweite Rezes­sion geben. Die Stimmung in den USA ist zu pessi­mistisch. Deutschland muss ohnehin – wie es ein ameri­kanischer Ökonom ausdrückte – von „chinesischen Wachstumsraten wie im zweiten Quartal (8 % bis 9 % annualisiert) wieder zu deutschen Wachstumsraten (2 % bis 3 %)“ zurückkehren.

Die langsame Expansion in den Industrieländern in 2011 ist weniger ein konjunkturelles als ein strukturelles Prob­lem. Sowohl die USA als auch Europa werden mittelfris­tig nicht viel stärker als 2 % p. a. wachsen. Die Arbeitslo­sigkeit wird unter diesen Umständen in den USA kaum zurückgehen. Interessant ist, dass die Zahl der offenen Stellen in den Vereinigten Staaten zunimmt, ohne dass die Arbeitslosigkeit geringer wird. Das zeigt, dass es vielfach an der regionalen Mobilität und der notwendi-gen Qualifikation der Arbeitskräfte mangelt.

Es ist daher fraglich, ob die Notenbanken auf das lang­samere Wachstum mit weiteren expansiven Maßnah­men reagieren sollten. Zunehmend macht sich ein Un­behagen über die ultralockere Geldpolitik breit, zum Teil auch bei Notenbankern. Strukturprobleme kann man nicht mit keynesianischen Maßnahmen bekämpfen. Das würde auf die Dauer zu Inflation führen. Der Chefvolks­wirt der EZB, Jürgen Stark, sprach sogar von höheren Zinsen.

Die Gefahr einer Deflation in den Industrieländern wird inzwischen nicht mehr so gravierend gesehen. Dazu sind – anders als in Japan – Löhne und Preise zu wenig flexibel nach unten. Der Fokus der Märkte richtet sich trotz des langsamen Wachstums mehr auf die inflationä­ren Gefahren. Sie könnten durch höhere Rohstoffpreise kommen.

Griechenland machte auch in Washington eine gute Fi­gur. Es hat mit Premierminister Papandreou und Finanz­minister Papakonstantinou zwei Politiker, die weltweit bewundert werden. Manch ein Staat würde, so scherzte ein Banker, viel Geld ausgeben, wenn er die beiden zu­mindest auf Zeit zur Lösung seiner eigenen Probleme engagieren könnte. Die Ergebnisse des Reformkurses in Griechenland werden zunehmend positiv gesehen. Die Analysten des Institute of International Finance glauben, dass Griechenland schon in 2013 ein Budgetdefizit von rund 2 % (!) des Bruttoinlandsprodukts erreichen könnte.

Dagegen hat Irland in Washington keinen guten Ein­druck gemacht. Der Zentralbankchef sprach lange über Gründe und Ausmaß der Probleme, aber wenig über Lö­sungen und Perspektiven. So etwas kommt am Markt nicht gut an.

Für den Anleger

Das war keine Konferenz für Investoren. Insofern gab es keine expliziten Aussagen hierzu. Was man aus den Ge­sprächen aber heraushören konnte: Die Banker sind re­lativ optimistisch, dass die Zinsen trotz der hohen Staatsschulden nicht stärker ansteigen werden. Positive Kommentare gab es für Aktien, weil es vielen Unterneh­men gut geht. Sie haben viel Cash. Der Dollar wird eher noch schwächer werden.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.

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