Start ETF-News Die Zentralbanken sind hinter der Kurve

Die Zentralbanken sind hinter der Kurve

40
Dr Huefner Wochenkommentar

In der indischen Hauptstadt New Delhi regnet es um diese Jahreszeit nie. Als das Institute of International Fi­nance dort in der letzten Woche seine Frühjahrstagung abhielt, war dagegen alles nass. Ganz so überraschend und unerwartet wie das Wetter waren die Botschaften, die dort besprochen wurden, nicht. Sie sind gleichwohl interessant. Denn sie wurden von einer großen Zahl von führenden Bankern aus allen Teilen der Welt diskutiert. Sie spiegeln damit Meinungen und Stimmungen der glo­balen Finanz-Community wider. Hier ein paar Impressi­onen von der Tagung.

Die Kerninflation ist zwar noch niedrig, nimmt aber zu

Für den weltweiten Konjunkturaufschwung beginnt eine neue Phase. Das wichtigste Thema sind nicht mehr die Schwächen und Risiken eines Rückfalls in eine neue Rezession. Die Erholung ist breit fundiert. Was jetzt im Mittelpunkt steht, sind die Inflationsgefahren. Das gilt in erster Linie für die Schwellen- und Entwicklungsländer, die über die hohen Nahrungsmittelpreise klagen. Aber auch in den Industriestaaten wächst der Druck durch zu hohe Preissteigerungen. Sie kommen nicht nur von den Rohstoffpreisen. Die Kerninflation (ohne Nahrungsmittel und Öl) ist zwar noch niedrig, nimmt aber zu. Die Preisgefahren sind nicht nur temporär, wie oft be­hauptet wird. Die Inflation wird nicht so schnell zurück­gehen. Sie wird zuletzt angeheizt durch die steigenden Ölpreise aufgrund der Ereignisse in Nordafrika und im Mittleren Osten.

Die Realzinsen sind negativ

Die Zentralbanken müssen darauf reagieren. Sie sind schon jetzt zu spät. Sie sind „hinter der Kurve“, wie die Ökonomen sagen. Das gilt für alle Regionen. In den Schwellen- und Entwicklungsländern geht es mit den Zinsen zwar schon eine ganze Weile nach oben. Die Inflation ist jedoch höher als die Zinsen, die Realzinsen sind also negativ. Die Zinssteigerungen sind aus Angst vor stärkeren Kapitalzuflüssen und weiteren Wechsel­kurs-Aufwertungen nicht scharf genug. In Europa hat die EZB wegen der Eurokrise zu lange gewartet. Erst in der vorigen Woche hat sie angekündigt, die Weichen um­stellen zu wollen. Die Preissteigerung liegt mit 2,5 % schon seit einigen Monaten über dem Ziel. In den USA bleiben die Zinsen wegen der hohen Arbeitslosigkeit zu­nächst noch niedrig. Die Zentralbank kauft im Rahmen des Quantitative-Easing-Programms weiterhin Staatspa­piere auf.

Das zögerliche Verhalten der Zentralbanken droht zu neuen Ungleichgewichten zu führen. Es entstehen Bla­sen bei den Rohstoffen und auf einigen Immobilienmärk­ten. Die Geldentwertung könnte außer Kontrolle geraten. Es könnte sein, dass die Zentralbanken am Ende zu stark gegensteuern müssen. Das könnte dann zu einem konjunkturellen „Overkill“ führen. Ein Sprecher erinnerte an die Situation Anfang der 80er Jahre, als die Zinsen in den USA unter dem damaligen Notenbankpräsidenten Paul Volcker zweistellige Raten erreichten. In den letz­ten vierzig Jahren sind die Ölpreise fünfmal stark ange­stiegen. Jedes Mal führte das am Ende zu einer Rezes­sion. Wenn die Ölpreise sich vom derzeitigen Niveau noch um 30 Dollar erhöhen, kommen wir erneut in eine Gefährdungszone.

Das reale Wachstum Indiens beträgt mittelfristig 8 % bis 9 %

Zum Thema Indien: Was ins Auge fällt, ist die krasse Diskrepanz zwischen der Armut auf den Straßen und einem fast perfekten makroökonomischen Datenkranz: Das Wachstum beträgt mittelfristig 8 % bis 9 % real. Indien überholt damit China, das seine Expansion nach dem neuesten 5-Jahres-Plan auf 7 % beschränken will. Die Sparquote liegt bei 34 %, die Investitionsquote bei 36 %. Das öffentliche Defizit beläuft sich auf rund 3 %. Die Leistungsbilanz ist – anders als in vielen anderen Schwellenländern – im Minus, aber nicht dramatisch. Der Weg zu mehr Wohlstand ist allerdings noch lang. Es fehlt vor allem an Infrastruktur und an Bildung. Man spürt auf der Straße, dass Indien noch weit hinter China herhinkt.

Die Situation in Nordafrika ähnelt Europa im Jahr 1848

Zu Nordafrika: Mehrfach fiel der Vergleich der Ereignisse in Ägypten und dem Mittleren Osten mit 1848 in Europa. Als Israel nach dem zweiten Weltkrieg gegründet wurde, übernahm die Armee in den arabischen Ländern die Macht. Es unterdrückte die Bevölkerung mit dem Ver­sprechen, Israel zu besiegen und das besetzte Land wieder zurückzuholen. Das hat nicht geklappt. Jetzt meldet sich das Volk wie vor 160 Jahren in Europa zu­rück und vertreibt die alten Herrscher. Ob das eine dau­erhafte neue Ordnung ist oder ob man in alte Muster zu­rückfällt, ist unsicher. In jedem Fall ist es keine islami­sche Revolution, auch keine ökonomische, sondern eine nationalistische. Bei einer solchen Interpretation muss ein Übergreifen der Revolution auf Länder wie China nicht befürchtet werden. Wohl aber kann man Auswirkungen auf die reichen Ölstaaten wie Bahrain und Oman nicht aus­schließen, vielleicht auch auf Saudi-Arabien. Das hätte dann Auswirkungen auf die Ölpreise.

Positive Grundstimmung zu Europas Schuldenproblemen

Die Stimmung der internationalen Finanzwelt zu Europa und seinen Schuldenproblemen war auf der Tagung überraschend positiv. Die Staaten kommen wieder auf die Füße. Spanien hat durch Reformen den Druck von den Finanzmärkten abgewehrt. Griechenland hat das öffentliche Defizit im vergangenen Jahr von 15,4 % auf 9,4 % reduziert, obwohl durch die Rezession die Steuer­einnahmen weggebrochen sind. Für das Jahr 2014 rech­net das Institute of International Finance mit einem Defi­zit von nur noch 2,6 %. Die Lohnstückkosten verringern sich in allen Peripherie­ländern. Der Abstand zu Deutschland wird kleiner. Die Staatfonds im Mittleren Osten investieren in europäische Staatspapiere. Von Default war in den Diskussionen kei­ne Rede.

Das große Staatsschulden-Problem gibt es jetzt nicht mehr in Europa, sondern in den USA. Die gesamten Schulden der öffentlichen Hand belaufen sich dort inzwi­schen auf 99 % des Bruttoinlandsprodukts. Sie werden weiter steigen. Der Kapitalmarktchef des Institute of International Finance, Hung Tran: „The elephant in the room is not Europe, but the US“.

Für den Anleger

Bereiten Sie sich darauf vor, dass die Zinsen in der Welt auf breiter Front steigen werden. Das belastet die Finanzmärkte. Trotz der immer noch guten Konjunktur läuft der seit März 2009 andauernde Aktienaufschwung aus. Die Kursverluste an den Bondsmärkten sind noch nicht zu Ende. Der US-Dollar wird schwächer, weil Eu­ropa die Zinsen rascher anhebt als die USA.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.