Wo immer Dirk Müller, auch als Mr. DAX bekannt, auftritt, kann er sich dem Ansturm der Anleger nicht entziehen, so zuletzt auch auf der Stuttgarter Anlegermesse INVEST. Uwe Görler, Redakteur des EXtra-Magazin, nutzte am Rande der Veranstaltung die Gelegenheit, ihn zur aktuellen Marktsituation zu befragen. Hier der in der vergangenen Woche angekündigte Teil 2 des Interviews.

Herr Dirk Müller, kommen wir noch mal auf die Niedrigzinspolitik zurück. Was bedeutet dies für die Altersvorsorge?

Dirk Müller: Der deutsche Sparer merkt jetzt offenkundig, dass das Sparen ihm nicht viel gebracht hat. Dies war auch vorher nicht viel anders. Die Realrendite, das heißt die Sparbuchzinsen abzüglich der Inflation, ist seit dem Jahr 1967 schon immer eine sehr traurige Angelegenheit gewesen. Die Hälfte dieser Zeit hatten wir seitdem eine negative Realverzinsung, das heißt, die Inflation war höher, als das, was wir als Zinsen auf dem Sparbuch erhielten. Das heißt, ich habe jedes Jahr Geld verbrannt. Ich habe es nur nicht gemerkt, denn da stand drei Prozent Sparzins, aber meine Kaufkraft hat sich in dem Zeitraum um vier Prozent reduziert. Jetzt bei den Nullprozent erschrickt sich der Sparer, ich kriege ja gar nichts dafür. Dafür liegt aber auch die Inflation bei Nullprozent. Eigentlich geht es ihm sogar besser, als die meiste Zeit zuvor, aber jetzt merkt er, dass er bereits seit vielen Jahren der Gekniffene ist und vielleicht ist dies der Anreiz, zu sagen, ich suche mir dazu eine Alternative.

Jetzt geht ja die Schere bei den Anleihezinsen zwischen den USA und Europa auseinander. Was bedeutet dies für die Anleger?

Dirk Müller: Da bin ich mir gar nicht so sicher. Seit rund zwei Jahren haben wir nun schon auf eine angebliche Zinserhöhung gewartet und dann gemerkt, sie kommt so schnell nicht. Die Amerikaner werden keine Zinswende machen, sondern allenfalls ein Zinswendchen mit ganz kleinen Schritten, die mehr optischen Charakter aufweist. Wir hatten jetzt einen Minizinsschritt und alle anderen, die man schon erwartet hat, bläst man reihenweise ab. Es würde mich nicht wundern, wenn wir Ende des Jahres über neue Maßnahmen der amerikanischen Notenbank nach unten diskutieren als über Zinserhöhungen. Denn die amerikanische Wirtschaft befindet sich massiv auf dem Weg nach unten. Es gibt keine Begründung, warum die amerikanische Notenbank die Zinsen anheben sollte. Alle Indikatoren sind negativ. Jim Rogers sagte vor wenigen Wochen, die Wahrscheinlichkeit für eine Rezession in den USA in den kommenden zwölf Monaten liegt bei 100 Prozent.

Das heißt US-Aktien eher nicht kaufen?

Dirk Müller: Das ist wieder das Problem. Das billige Geld treibt trotzdem, auch wenn die Wirtschaft sich reduziert, auch wenn die Unternehmensgewinne rückläufig sind, steigen die Kurse weiter.

Noch mal zurück zum Anleihemarkt. Von welcher Seite erwarten Sie den Crash am Anleihenmarkt, Sie haben bereits China angesprochen?

Dirk Müller: Ja, China hat die größten Probleme aufgebaut. Auch der chinesische Analyst (Niu Dao) sagte vergangenes Jahr bereits „China hat die größte Blase der Weltwirtschaftsgeschichte und steigende US-Zinsen werden sie zum Einsturz bringen“. Im Moment sehen wir dies im ganz großem Stil. Die weltweiten Investoren, die in den letzten 20 Jahren nach China kamen, um dort zu investieren, ziehen massiv ihr Geld ab. Dabei handelt es sich um immenses Kapital in Höhe von über 1,5 Billionen US-Dollar, dass in den letzten Monaten abgezogen wurde und damit die Wirtschaft weiter abkühlt. Natürlich kann China selbst Geld zur Verfügung stellen, aber US-Dollar-Währungskredite, die man früher aufgenommen hatte auf Unternehmensseite, die kann China nicht zur Verfügung stellen. Es wird daher sehr spannend sein, wie China diesem Druck widerstehen soll, den Amerikas Investoren momentan ausüben, indem sie Geld abziehen. Das Hauptproblem: Wenn dort die Kredite knapp werden, dann sehen wir eine Kreditklemme. Genau das war auch 2008 der Auslöser für die Krise. Nicht die Pleite, sondern die Kreditklemme, bei der man nicht weiß, wer morgen Pleite geht, ist dabei also das Problem. Tafelsilber und Depotwerte würden in einem solchen Fall abverkauft, weil man dringend Cash braucht, um seine Verpflichtungen zu bedienen. Das ist für mich die Sorge, dass diese Probleme im Schattenbanksystem in China dazu führen, dadurch massiv Assets abverkauft werden es zu Vertrauensverlust und Kreditklemme kommt, wodurch es zum Einbruch an den Märkten kommen kann. Wohlgemerkt „kann“. Keiner weiß, was kommt. Wir können nur Szenarien spielen, das ganze Spiel kann sich auch noch mit ein paar Windungen zehn Jahre in die Zukunft ziehen.

Wie bewerten Sie in diesem Zusammenhang Japan mit einer immensen Staatsverschuldung bei gleichzeitig massiven Anleihekäufen?

Dirk Müller: Der Yen wird immer fester. Das hängt auch damit zusammen, dass Investoren ihr Geld aus den Schwellenländern abziehen. Man hat über viele Jahre Kredite in Yen aufgenommen, weil es in Japan so schön billig war, hat es dann umgetauscht in Renminbi, um dort in China zu investieren. Wenn man jetzt sein Geld aus China abzieht, muss man nun diesen Renminbi wieder umtauschen in Yen, um seine Yen-Kredite zurückzuführen, sogenannte Carry Trades. Und so steigt der japanische Yen an, weil die Nachfrage nach Yen entsteht, um den Kredit zurückzuführen. Das setzt die japanische Wirtschaft immer mehr unter Druck. Noch niedrigere Zinsen gehen nicht. Das ist somit eine Deflationsfalle, in der Japan steckt.

Kommen wir noch einmal zum Fazit. Was raten Sie dem Anleger in der geschilderten Marktsituation?

Dirk Müller: Für mich selbst gibt es nur eine sinnvolle Investition: Einerseits gehört einen gewisser Anteil an physischen Edelmetallen in jedes Depot. Der wesentliche Teil des Geldvermögens hingegen sollte in Unternehmen, also in gute Aktien investiert werden. Und ganz elementar ist dabei die Absicherung gegen mögliche Markteinbrüche. Mit dieser Kombination fühle ich mich sehr wohl. Daher fehlt auch der ETF in seiner jetzigen Form definitiv aus, weil der ETF nicht in der Lage ist, wenn es haarig wird, Geld vom Tisch zu nehmen. Haarig wird’s, wenn wir einen schweren Einbruch bekommen, und wir haben es gesehen, dass es 2008 um 50 Prozent nach unten ging, dass es 2000 um 75 Prozent nach unten ging, wir haben dies 1929 gesehen. Wenn wir also einen solchen Draw Down von 50 oder mehr Prozent haben, fliegt dieser ETF genau 1:1 mit nach unten. Und damit verlieren sie automatisch die Hälfte des investierten Vermögens. Ein aktiv gemanagter Fonds, wie wir es machen mit Absicherungen, kann diesen Draw Down deutlich abschwächen. Ansonsten muss ein jeder seinen Weg finden. Ein „richtig“ oder „falsch“ gibt es dabei nicht. Man wird erst hinterher sehen, was falsch oder richtig gewesen wäre. Ich habe für mich diesen Weg gefunden. Dies ist meine Arche Noah, aber jeder hat seine eigene.

Aber kann man nicht ETFs genauso mit Optionen absichern?

Dirk Müller: Wenn Sie dies können, ja. Für einen privaten Investor ist dies allerdings oft schwierig, aber auch dies wäre eine Möglichkeit, wenn er es kann.

Sie haben Teil 1 des Interviews verpasst. Hier kommen Sie zum Teil 1.

Zur Person:

Dirk Müller ist Finanzexperte, mehrfacher Spiegel-Bestseller Autor, Politikberater, Vortragsredner, Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Markenkern „Cashkurs.com“– und gilt als „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse“. Sein Weg an der Börse begann 1992, wo er als amtlich vereidigter Kursmakler tätig war. Heute zählt er zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands, woher auch sein von den Medien vergebener Spitzname „Mr. DAX“  rührt. Als Senator der Wirtschaft Deutschland und Chairman „FairFinance“ des Diplomatic Councils berät er in nationalen und internationalen politischen Angelegenheiten.

Dirk Müllers Fähigkeit, komplexe Sachverhalte mit spielender Leichtigkeit auf das Wesentliche zusammenzufassen und für die Allgemeinheit verständlich zu erläutern, zeichnet seine einzigartige Berichterstattung aus. Hierbei ist ihm vor allem an der Vermittlung von unabhängigen, ehrlichen Hintergrundinformationen gelegen.

Dirk Müller setzt sich für die Förderung der Aktienkultur in Deutschland ein und unterstützt diese mit einem eigenen Fonds zum Vermögensaufbau (Dirk Müller Premium Aktien).

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.