Dirk Müller:
Dirk Müler: "Anleihen fasse ich nicht mit der Kneifzange an"

Wo immer Dirk Müller, auch als Mr. DAX bekannt, auftritt, kann er sich dem Ansturm der Anleger nicht entziehen, so zuletzt auch auf der Stuttgarter Anlegermesse INVEST. Uwe Görler, Redakteur des EXtra-Magazin, nutzte am Rande der Veranstaltung die Gelegenheit, ihn zur aktuellen Marktsituation zu befragen.

Die Börsen erleben seit einigen Monaten eine stetige Achterbahnfahrt, der DAX schwankt um die 10.000-Marke. Müssen sich Anleger aus Ihrer Sicht auf weiterhin volatile Märkte einstellen?

Dirk Müller: Definitiv ja. Die Situation wird immer unübersichtlicher und gefährlicher. Dies merkt man auch an den immer größer werdenden Amplituden. Das ist wie bei einem Vulkanausbruch, da werden die Vorbeben auch immer heftiger. Und dies erleben wir momentan. Die Situation ist ausgesprochen riskant, was die Weltfinanzsysteme, was die Weltwirtschaft angeht. Diese Extrem-Amplituden werden sicherlich zunehmen. Und ich befürchte, dass wir auch in den nächsten Jahren oder auch schon in kurzer Zeit eine Eruption sehen werden.

Eruption, das heißt ein Börsen-Crash?

Dirk Müller: Das heißt zumindest noch größere Bewegungen, die heftiger werden, als wir dies 2008 gesehen haben.

Sehen Sie dies eher am Aktien- oder Anleihenmarkt?

Dirk Müller: Das sehe ich an allen Märkten. Wir haben die Mutter aller Blasen an den Anleihemärkten geschaffen. Die billigen Gelder, welche die Notenbanken rund um den Globus zur Verfügung gestellt haben, die bisher nicht zur Inflation in den Realmärkten führten, haben zu einer Inflation in den Anleihemärkten geführt. Wir haben über 100 Billionen US-Dollar weltweite Anleihen, deren Zinsen viel zu niedrig sind, die deren Risiko nicht ansatzweise wiedergeben. Gleichzeitig heißt das, dass die Kurse lächerlich hoch sind. Und wenn die Kurse für eine Asset-Klasse im Wert von 100 Billionen US-Dollar Gegenwert massiv überteuert sind, dann kann man mit Fug und Recht von der Mutter aller Blasen sprechen. Und in dem Moment, wenn das Geld schnell aus dieser Anleiheblase rausgeht, würde es natürlich wo anders hinschwappen. Und das wären dann die realen Märkte. So könnte es dann auch zu sehr heftigen Kursbewegungen nach oben kommen. Aber das wäre dann das Ende der Entwicklung. Aber vorher kann es an den Märkten, ähnlich wie 2008, erst noch einmal deutlich nach unten gehen, bevor dann dieses Szenario eintritt.

Sehen Sie im Anleihebereich trotz der genannten Risiken Segmente, in denen ein Investment sinnvoll ist?

Dirk Müller: Ich möchte es mal so ausdrücken. Ich fasse Anleihen nicht mit der Kneifzange an, und wenn man mir welche schenkt, verklage ich ihn.

Erst kürzlich senkten der Internationale Währungsfonds sowie auch die deutsche Bundesregierung ihre Wachstumsprognosen für das laufende Jahr. Lohnt sich da angesichts auch der geschilderten Risiken überhaupt noch der Einstieg in den Aktienmarkt?

Dirk Müller: Lohnen ist vielleicht der falsche Ausdruck. Ich würde sagen, es bleibt ihm gar nichts anderes übrig als in Aktien zu investieren. Das ist ein Sachwert, also ein Realwert. Wenn ich mich an einem guten Unternehmen beteilige – und dabei geht es nicht darum Aktien zu kaufen, sondern sich mittels Aktien an den Wachstumserfolgen sehr guter Unternehmen zu beteiligen – dann ist das mit Sicherheit die richtige Vorgehensweise. Denn Unternehmen verdienen nach wie vor sehr gutes Geld. Und bei den guten Industriewerten, die wir an den Märkten haben, sind acht, zehn, zwölf Prozent Rendite pro Jahr normal. Natürlich gibt es dabei Schwankungen. Das Leben besteht seit Jahrhunderten aus Schwankungen nach dem Prinzip – zwei Schritte vor, einer zurück. Und wer da etwas ängstlicher ist, und zu dieser Gruppe zähle ich ebenfalls zähle, denn auch ich möchte keine allzu große Kursverluste erleiden, hat die Möglichkeit, sich gegen solche Kursrückgänge abzusichern.

Welche speziellen Gefahren für den Aktienmarkt sehen Sie aktuell?

Dirk Müller: Da könnte man einen einstündigen Vortrag machen. Die aktuellen Risiken sind weit größer als wir sie im Vorfeld der Finanzkrise des Jahres 2008 hatten. Damals ging es nur um das Platzen einer US-amerikanischen Immobilienblase. Jetzt haben wir einen gesamteurasischen Kontinent in existenziellen Schwierigkeiten. Wir haben ein vom Brexit bedrohtes Europa, in Spanien gibt es keine Regierung, in Portugal sind die Marxisten am Ruder, neue Grenzen, wo vorher keine waren, die Flüchtlingsdiskussion, wo wir nicht wissen, wie es dort weiter geht, wir haben den Nahen Osten in Flammen, die Türkei im Bürgerkrieg, Russland in einem Dreifrontenkonflikt mit Syrien, der Ukraine und Berg Karabach. Hinzu kommen niedrige Ölpreise und die Sanktionen. Wir haben den Mittleren Osten mit ganz großen Schwierigkeiten aufgrund des niedrigen Ölpreises. Hinzu kommt China mit einer sehr harten Landung. In China sehen wir die größte Blase, den die Weltgeschichte jemals gesehen hat. Dort haben sich in den vergangenen 25 Jahren solche Fehlentwicklungen angehäuft, die nie korrigiert wurden, die aber, und das lehrt uns die Geschichte, korrigiert werden müssen. Immobilienblasen mit Städten für eine Million Einwohner, mit 60 Prozent Leerstandsquoten in großen Stadtbereichen. Damals in Spanien sind sie korrigiert, damals in Japan sind sie korrigiert und in China haben wir das ganze in XXL. 14 Prozent der chinesischen Industrieunternehmen sind praktisch vom Zahlungsausfall bedroht. Sie sind völlig überschuldet, machen Verluste, haben Überproduktion und halten sich immer wieder durch neue Kredite über Wasser. Wir haben dort also Zombie-Firmen, Zombie-Banken, wir haben eine Finanzwirtschaft, die nur durch wahnwitzige Aktionen der Zentralbanken über Wasser gehalten werden, mit immer geringerem Effekt. Dazu haben wir jetzt Notenbanken, die ihre Möglichkeiten vollkommen ausgeschöpft haben. 2008/2009 hatten sie ihr Munitionslager noch prall gefüllt.

Apropos Notenbanken. Aktien profitierten ja in der vergangenen Zeit von dieser ultralockeren Geldpolitik. Wie bewerten Sie diese Politik des billigen Geldes?

Dirk Müller: Dies ist der verzweifelte Versuch, die Situation zu retten. Es zeigt uns einmal mehr, dass unser gesamtes Finanz- und Wirtschaftssystem, so wie wir es seit Jahrzehnten führen, an dem Punkt angelangt ist, an dem mal wieder ein Reset ansteht. Wenn der Staat das Geld für Negativzinsen aufnehmen kann, das heißt, je mehr er sich verschuldet, umso eher baut er seine Schulden ab, dann ist das so ein Wahnsinn. Wenn wir darüber nachdenken, Geld an die Leute zu verschenken, um die Wirtschaft anzukurbeln, dann merkt man, dass hier Feuer unter dem Dachstuhl ist. Wir haben überhaupt keine Lösungen für die Probleme. Deshalb ist es nicht die Frage, ob sondern wann dieser Vesuv, auf dem wir hier tanzen, ausbricht. Wir können nur hoffen, dass wir dies möglichst lange über die Zeit tragen, wobei natürlich der Druck in der Magmakammer ansteigt und die Explosion dadurch noch heftiger wird. Da wir aber nicht wissen, wann genau dies der Fall ist, ist es auch schwierig, zu investieren. Wenn ich weiß, dass morgen vielleicht das große Beben kommt, dann fahre ich im Urlaub ganz weit weg auf die andere Hälfte der Erdkugel, bis das durch ist. Aber es kann auch noch zehn oder zwanzig Jahre in der Zukunft liegen. Das wird dann ein ziemlich langer und kostspieliger Urlaub. Wir müssen daher eine Investitionsstrategie fahren, bei der es nicht wichtig ist zu wissen, was als nächstes kommt. Für mich heißt dies eine Investition in gute Unternehmen. Wenn lange nichts passiert, dann bin ich mit diesen Unternehmen toll mit dabei, verdiene damit gutes Geld und wenn die Märkte tatsächlich einbrechen, dann ist die Absicherungsstrategie, die ich fahre, genau das, was mir in dieser Situation den entsprechenden Bunker bietet.

Und wie sollte man sich dabei absichern?

Dirk Müller: Wir sichern unser Aktiendepot mit klassischen Optionen der Terminmärkte ab. Das kostet zwar ein paar Prozentpunkte der Rendite, aber das ist das, was ich an zwei Tagen an Kursschwankungen habe, was mich diese Absicherung kostet. Das heißt, ich bin nach oben voll dabei, schlaf aber nach unten sehr gut.

In der kommenden Woche veröffentlichen wir Teil 2 des Interviews

Zur Person:

Dirk Müller ist Finanzexperte, mehrfacher Spiegel-Bestseller Autor, Politikberater, Vortragsredner, Gründer des Finanzinformationsdienstleisters Finanzethos GmbH mit dem Markenkern „Cashkurs.com“– und gilt als „Dolmetscher zwischen den Finanzmärkten und den Menschen außerhalb der Börse“. Sein Weg an der Börse begann 1992, wo er als amtlich vereidigter Kursmakler tätig war. Heute zählt er zu den bekanntesten Börsenexperten Deutschlands, woher auch sein von den Medien vergebener Spitzname „Mr. DAX“  rührt. Als Senator der Wirtschaft Deutschland und Chairman „FairFinance“ des Diplomatic Councils berät er in nationalen und internationalen politischen Angelegenheiten.

Dirk Müllers Fähigkeit, komplexe Sachverhalte mit spielender Leichtigkeit auf das Wesentliche zusammenzufassen und für die Allgemeinheit verständlich zu erläutern, zeichnet seine einzigartige Berichterstattung aus. Hierbei ist ihm vor allem an der Vermittlung von unabhängigen, ehrlichen Hintergrundinformationen gelegen.

Dirk Müller setzt sich für die Förderung der Aktienkultur in Deutschland ein und unterstützt diese mit einem eigenen Fonds zum Vermögensaufbau (Dirk Müller Premium Aktien).

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.