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Dr. Seibold Marktkommentar: Zurück in die Zukunft mit neuer Währung

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Die Wende brachte der Juli 2011, werden irgendwann vielleicht einmal die Wirtschafts-Historiker aufschreiben. Denn plötzlich werden von den EU-Politikern Positionen geräumt, die bis dahin vollmundig um jeden Preis gehalten werden sollten. Erst deutete Finanzminister Wolfgang Schäuble an, dass es gemeinsame Euro- Anleihen geben könnte. Dann wird gemeldet, dass Käufer griechischer Anleihen sich „freiwillig“ an einer Umschuldung beteiligen und Milliardenverluste akzeptieren. Der EU-Sondergipfel in Brüssel schließlich zurrt endgültig den Weg der EU zur Schulden- und Transferunion fest. Durch das so genannte Rettungspaket verschwinden die Schulden ja nicht, sie werden sogar an anderer Stelle größer. Der große Knall wird um ein paar Jahre nach hinten geschoben. Das ist bedauerlich, denn meiner Meinung nach könnte man mit einer strukturellen Änderung der Euro-Zone allen Beteiligten helfen.

Aufgeschoben ist nicht aufgehoben

1. Die EU hat auf dem Sondergipfel nur etwas mehr Zeit gekauft
2.
Es wurde de facto eine Schulden- und Transferunion beschlossen
3.
Damit sind die Probleme aber nicht gelöst, die Schulden wachsen dadurch an anderer Stelle nur noch schneller

Reform der Euro-Zone

1. Der Euro ist so stark wie die D-Mark zu ihren besten Zeiten
2.
Mit diesem Wechselkurs können die wirtschaftlich schwächeren Ländern schwerlich zu mehr Wachstum kommen
3.
Es führt langfristig kein Weg an einer Teilung des Euro vorbei: Ein starker Kern-Euro und eine Süd- Euro, der Abwertungen zulässt und so einen Ausgleich schafft

Zurück in die Zukunft mit neuer Währung

Der Aktionismus im Juli 2011 kann als Verzweiflungstat im letzten Akt des Euro-Dramas gedeutet werden. Denn weder die Emission von gemeinsamen Euro-Anleihen noch der flächendeckende Zahlungsausfall Griechenlands ist ein zukunftsfähiges Modell. Der Auslöser der Hektik ist, dass Italien, die drittgrößte Wirtschaft der Euro-Zone, Gründungsmitglied der EU und des G-8- Clubs, unter Druck gerät. Damit nimmt die Krise ein Ausmaß an, die nicht mehr beherrschbar wird. Investoren wissen, dass weder die zerstrittene italienische Regierung noch die zaudernden EU-Politiker etwas Konkretes in absehbarer Zeit unternehmen werden. In dieser Zeit mit steigenden Risikoprämien in Italien Geld zu verdienen, ist völlig rational. Es bleibt zu hoffen, dass auf diese Weise die Investoren endlich die Politiker zum Handeln treiben.

Ich plädiere dafür, von der rückwärtsgewandten Krisen- Betrachtung zu einer nach vorne schauenden Lösungssuche überzugehen. Dazu gehört eben, dass der Euro in der jetzigen Form nicht bestehen bleiben kann, wie wir bei Dr. Seibold Capital schon länger betonen. Doch dies sollte endlich als positive Nachricht begriffen werden, die Chancen mit sich bringt. Warum die wirtschaftlichen schwachen Staaten mit dem aktuellen Euro-Kurs nicht fertig werden, zeigt folgender Vergleich: Der Euro-Kurs schwankt trotz Finanzkrise und PIIG-Turbulenzen zwischen 1,35 und 1,50 US-Dollar. Damit ist der Euro so stark wie die D-Mark zu ihren besten Zeiten. Der historische Höchstkurs in DM-Zeiten liegt im April 1995 bei 1,43 Euro.

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Das heißt, die Dominanz der deutschen Volkswirtschaft in der Euro-Zone überträgt sich auf den Euro. Daher wäre es nur folgerichtig, einen neuen Kern-Euro für Deutschland und strukturell ähnliche Ländern wie Österreich oder den Benelux-Staaten einzuführen. Um es klar zu sagen: Dies hätte erst einmal keine Auswirkungen auf vorhandene Vermögenswerte. Ähnlich wie bei der Euro-Einführung sind dann Zeitpunkt und (Rück)-Umtauschverhältnis vorher bekannt, keiner würde benachteiligt.

Danach jedoch überwiegen meines Erachtens die Vorteile, nach dem Motto: Zurück in die Zukunft. Sicher würde der Kern-Euro im Verhältnis zu anderen Währungen aufwerten. Ein hoher Außenwert des Kern-Euro bringt aber auch Vorteile, vor allem beim Import von Rohstoffen. Auf der anderen Seite haben die südeuropäischen Länder mit einer neuen Währung die Möglichkeit, mit einem kolossalen Wettbewerbsvorteil auf dem Weltmarkt – über eine niedrig bewertete Währung – durchzustarten. Die Reform der Eurozone könnte zu einem riesigen Konjunkturpaket werden, mit unterm Strich positiven Auswirkungen auf unterschiedliche Anlageklassen.

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Für den Anleger

Der Weg dorthin wird nicht einfach. Aber viele Alternativen gibt es unseres Erachtens nicht. Angesichts der hohen Verschuldungsstände quer durch Europa muss das Ziel lauten, durch eine Reform der Euro-Zone wieder stärkeres Wirtschaftswachstum zu ermöglichen. Bis es dazu kommen könnte, sind allerdings noch viele Unwägbarkeiten aus dem Weg zu räumen. So lange sollten Anleger keine großen Risiken in der Geldanlage eingehen und sich auf flexible, leicht handelbare Investmentziele konzentrieren.

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