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„Es gibt keinen Anlagenotstand“

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Hermann Kutzer

Hermann Kutzer
Wirtschaftsjournalist, TV-Kommentator

Hermann Kutzer kommentiert für das EXtra-Magazin Entwicklungen der Finanzmärkte in Deutschland.

Es ist noch da – Anlage suchendes Kapital der Bundesbürger. Aber wohin mit dem guten Geld? Trotz einer durchaus bewegten Kursentwicklung an den Finanzmärkten hat sich an dieser Fragestellung in den zurückliegenden Monaten kaum etwas verändert. In den Medien taucht nach wie vor der Begriff „Anlagenotstand“ auf, weil sich auch jetzt kein Markt als attraktiv für den Privatanleger darstelle. Hauptgrund: die allgemeine Unsicherheit. Wie bitte? Unsicherheit ist ein Grundelement der Märkte, denn wären sich alle Marktteilnehmer sicher, käme kein Markt zustande. Dann aber zählt die internationale Finanzkrise, wird unverändert gewarnt – wo ist die eigentlich hin? Immerhin bleiben die schon seit langem beschworenen Inflationsängste, erinnern skeptische Analysten – es gibt keine Anzeichen für Inflation, dagegen lassen sich eher deflationäre Tendenzen ausmachen. Jedenfalls drohen neue Konjunkturrückschläge mit platzenden Blasen, warnen medienaffine Volkswirte – überlassen Sie die Blasen lieber den Urologen, unsere Wirtschaft läuft viel, viel besser, als man erwarten durfte.

Inzwischen bleiben den (Über-)Ängstlichen nur die Kurse selbst als Entschuldigung für ihr Zaudern: Staatsanleihen von beiden Seiten des Atlantiks bringen nichts, sind nach dem Run der vielen Sicherheit suchenden (Groß-) Anleger zu hoch bewertet (verglichen mit Emissionen der Schwellenländer), Edelmetalle locken nach wie vor, schrecken aber zugleich durch ihre Rekordhöhen ab, Rohstoffe sind unübersichtlich und von Privatanlegern schwer einzuschätzen, Immobilien entwickeln sich uneinheitlich, wobei sich die Krise der offenen Immobilienfonds fortsetzt. Inzwischen schnuppern auch unsere Aktien wieder Höhenluft, aufgemuntert durch überraschend gute Konjunkturdaten bei anhaltend hoher Liquidität, so dass sich auch bei den Dividendenwerten die Frage stellt, welches Kurspotenzial sie überhaupt noch für einen überschaubaren Zeitraum besitzen.

Also doch Anlagenotstand? Ich meine, nein. Abgesehen davon, dass viele Bundesbürger derzeit den Fehler begehen, durch negative Schlagzeilen verschreckt selbst langfristige Anlagen aufzulösen, um Bargeld zu horten, werden langfristige Chancen – hier als Anlagehorizont von fünf Jahren und länger definiert – nicht genutzt. Viele Privatinvestoren wollen sich einfach nicht mehr so lange binden bzw. sind seit Ausbruch der Finanzkrise von einem grundsätzlichen Misstrauen befallen. Bargeld lacht, na gut. Nur: Mit Cash allein schafft man keinen Vermögenserhalt.

Chancen nutzen, ja! Doch ich bleibe dabei: Es kann für die Anlagewilligen kein Standardempfehlung à la ein Drittel dies, ein Drittel das geben. Ich betrachte zum Beispiel die Immobilie als Muss – aber nur, wenn ich sie selbst nutzen kann; für Hausbesitzer ist die Ausgangslage also schon anders. Ein uneingeschränktes Nein würde ich unseren Staatsanleihen bescheinigen – lieber höher verzinsliche Emissionen führender Schwellenländer. Bei Aktien einen starken Schwerpunkt ebenfalls auf Emerging Markets setzen, die Basis sollten aber deutsche Unternehmenswerte bilden. Und Edelmetalle eignen sich ungeachtet ihrer Preishöhen als eiserne, nein, als güldene Reserve für Fälle, die nie eintreten mögen. Gold bitte physisch und privat lagern! Dass sich diese wie andere Varianten der Asset Allocation sinnvollerweise über ETFs darstellen lassen, braucht eigentlich nicht mehr besonders erwähnt zu werden.

 

Herzlichst Ihr
Hermann Kutzer