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Faktor-ETFs: Plötzlich war „Value“ everybody’s darling

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Claus Hecher, Head of Business Development ETF & Index Solutions - Deutschland, Österreich, Schweiz von BNP Paribas Investment Partners.

Faktor-ETFs werden auch bei Privatanlegern immer beliebter. Das EXtra-Magazin sprach mit Claus Hecher, Head of Business Development ETF & Index Solutions – Deutschland, Österreich, Schweiz von BNP Paribas über den Smart-Beta-Markt und worauf Anleger bei der Nutzung von Faktor-ETFs alles achten sollten.

Das Angebot an Smart Beta ETFs nimmt stetig zu. Wie erfolgreich ist die Produktkategorie?

2016 war ein sehr erfolgreiches Jahr für Smart Beta ETFs. Global stieg das in Smart Beta ETF angelegte Volumen auf über 420 Mrd. USD*, was knapp einem Drittel der weltweiten Anlagen in ETF entspricht. Der europäische Anteil der Smart Beta ETF-Anlagen liegt mit rund 25 Mrd. USD* bei  5%. Der Einsatz solcher ETFs hat sich laut Umfragen von FTSE/Russell** bei institutionellen während der letzten beiden Jahre verdoppelt. Der Anreiz für Investments in Smart Beta ETF liegt einerseits in der Möglichkeit, die Portfolio-Rendite zu erhöhen oder das Risiko zu reduzieren.

BNP Paribas hat im September 2016 und Februar 2017 Faktor-ETFs an der Deutschen Börse gelistet. Wie hat sich dieser Teil Ihres ETF-Angebotes entwickelt?

Inzwischen verwalten wir rund 600 Mio. Euro in ETFs, die die Faktorstrategien Low Volatility, Value, Momentum und Quality abbilden. Dabei ist das investierte Vermögen zugunsten des BNP Paribas Easy Low Volatility Europe UCITS ETF – WKN: A2AL3Y (thesaurierend) und A2DHWB (ausschüttend) – konzentriert. Seit dem 4. Quartal 2016 konnten wir regelmäßig Nettomittelfzuflüsse in unseren BNP Paribas Easy Value Europe UCITS ETF – WKN: A2AL32 (thesaurierend) und A2DHWG (ausschüttend) – beobachten.

Welche Anlageidee steckt hinter den jeweiligen Faktoren?

„Anleger rechnen nicht mit unterdurchschnittlichen Erträgen risikoreicher Aktien und sind deshalb oft überrascht. Von teuren Aktien erwarten sie sehr viel – zu viel.“ erklärt Robert Haugen, der die Low Volatility Anomalität erforscht hat. Durch die Auswahl von Aktien mit weniger Risiko (gemessen durch die Volatilität) lässt sich langfristig das Portfoliorisiko reduzieren und sogar die Rendite erhöhen. Wer auf die Börsenweisheit „The trend is your friend“ setzen will, kann dies durch Aktien mit hohem Momentum umsetzen. Beim Faktor Value geht es um die Auswahl unterbewerteter Aktien. „Ein gutes Unternehmen ist keine gute Anlage, wenn seine Aktien zu teuer sind.“ lautet das Credo des Finanzwissenschaftlers Benjamin Graham, der als Vater der fundamentalen Wertpapieranalyse gilt. Mit seinem Zitat „Ein gutes Unternehmen erwirtschaftet mehr, als es ausgibt. Sein Wert wird fast zwangsläufig steigen“ sind wir beim Faktor Quality. Auswahlkriterien für Quality Aktien sind z.B. fundamentale Unternehmenskennzahlen, die den Cash Flow eines Unternehmens berücksichtigen.

Kann man mit Faktor ETFs durch Markettiming die Anlagerendite erhöhen?

Die Faktoren Quality und Low Volatility gelten als eher defensiv, während Value und Momentum als prozyklisch einzustufen sind. Im Rückspiegel betrachtet ist Timing daher sinnvoll. Beispielsweise haben erwartungsgemäß in einer schwierigen Marktphase wie der Schuldenkrise in 2011 die von der BNP Paribas Gruppe entwickelten Faktorindizes Low Volatility und Quality eine Outpferformance gegenüber Momentum und Value erzielen können. Eine interessante Beobachtung in 2016 war, dass die ersten drei Quartale durch Unsicherheit geprägt waren und daher der Faktor Low Volatility bei Performance und Nettomittelzuflüssen bei ETFs die Nase vorn hatte. Nach der Brexit-Entscheidung und den US-Wahlen schaltete die Börsenampel endgültig auf grün. Plötzlich war der Faktor Value everybody’s darling und hat seit dem 4. Quartal 2016 alle anderen Faktoren bei der Rendite übertroffen. Nachfolgende Tabelle veranschaulicht diesen Trend.

Worauf sollte man bei der Auswahl von Faktor-ETFs achten?

Da die Prognose, wann welcher Faktor besser performt, äußerst schwierig ist, kann man guten Gewissens langfristig in alle Faktoren investieren, da für alle Faktoren eine positive Risikoprämie durch die Finanzwissenschaft nachgewiesen ist. Dies zeigt sich durch eine langfristig höhere Rendite im Vergleich zum marktkapitalisierungsgewichteten Index desselben Anlageuniversums. Der häufigste Kritikpunkt an diesen Indexklassikern liegt in der hohen Konzentration großer und hoch bewerteter Unternehmen. Faktorindizes als ETF-Basiswerte sollten im Regelwerk Nebenbedingungen enthalten, die die Liquidität der Aktien und damit die Investmentkapazität der Strategie sicherstellen, die Umschlaghäufigkeit im Sinne der Kosteneffizienz begrenzen und auf Sektorausgewogenheit achten. Minimum Varianz-Indizes wie z.B. der MSCI World Minimum Volatility Index weisen eine hohe Konzentration von Telekom-Aktien und Versorgern und deshalb ein niedriges Beta sowie ein hohes Zinsänderungsrisiko auf. Der von BNP Paribas entwickelte Low Volatity Index hingegen zeichnet sich im Vergleich mit manch anderem Minimum Varianz-Index wegen seiner Sektorausgewogenheit durch eine geringe Zinssensitivität aus. Die Indexregeln bewirken eine Auswahl der Aktien mit der niedrigsten Volatilität jeden Sektors. Dadurch bleibt die Strategie  weniger anfällig gegenüber einem möglichen Zinsanstieg.

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Uwe Görler ist seit fünf Jahren Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“ und das „Portfoliojournal“. Davor schrieb er in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und schrieb Beiträge für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.