Start ETF-News Flucht in den Franken

Flucht in den Franken

45
Die Schweiz - ein sicherer Hafen

Für viele Investoren gilt die Schweiz als sicherer Hafen vor der Schulden- und Finanzkrise. Aktienanleger sollten die Risiken aber dennoch nicht unterschätzen.

„Wer guten Rat nötig hat, gehe nach Zürich“, besagt ein Schweizer Sprichwort. Investoren aus aller Welt nehmen das nur allzu gerne wörtlich, denn bekanntlich gilt die Schweiz als ein Hort der Stabilität. Und genau das ist es, was dem Euroraum derzeit fehlt: Stabilität. So überrascht es nicht, dass die Eidgenossenschaft – oder besser gesagt der Schweizer Franken – in den Augen zahlreicher Anleger immer mehr an Attraktivität gewinnt.

Vergebliche Mühe

Gegenüber der Gemeinschaftswährung zeigte sich der Franken zuletzt bärenstark. Zwischenzeitlich fiel der EUR/ CHF-Kurs unter 1,38 CHF – ein neues Rekordtief. Da half auch alles Intervenieren der Schweizer Nationalbank SNB nichts. Seit vergangenem Dezember muss sie das Wechselkursniveau, ab dem korrigierend eingegriffen wird, ständig nach unten anpassen: von 1,50 auf 1,46 auf 1,43 und zuletzt auf 1,40 EUR/CHF. Durch die Devisenmarktinterventionen, also den Verkauf von Franken gegen Euro, will die Schweizer Notenbank die Aufwertung der eigenen Währung stoppen.

Die Schweiz zieht davon

Experten gehen davon aus, dass der Franken gegenüber dem Euro noch weiter aufwerten könnte. Ein Argument: Mittlerweile hat die SNB Devisenreserven von 43 Prozent der gesamten jährlichen Wirtschaftsleistung des Landes angehäuft, was in der Schweiz bereits massive Kritik ausgelöst hat. Weitere Interventionen werden immer schwieriger zu rechtfertigen. Das heißt: Die SNB wird wohl oder übel noch tiefere Eurokurse dulden müssen. Der andere Punkt ist makroökonomischer Natur. Die wirtschaftliche Erholung im Euroraum verläuft deutlich schleppender als in der Schweiz. Der europäischen Statistikbehörde Eurostat zufolge hat sich das Bruttoinlandsprodukt (BIP) der Eurozone im ersten Quartal lediglich um magere 0,6 Prozent zur Vorjahresperiode erhöht. Die Schweizer Wirtschaft expandierte mit einer Zuwachsrate von 1,7 Prozent mehr als doppelt so stark.

Geringe Schuldenlast

Auch finanzwirtschaftlich spricht einiges für den Franken. Während sich in der Eurozone praktisch kein Land mehr um die Maastricht-Kriterien schert (Schuldenstand von maximal 60 Prozent des BIP, Haushaltsdefizit von maximal drei Prozent), ist die Schweiz eines der wenigen Länder in Europa, die einen soliden Staatshaushalt vorweisen können. Die Schuldenquote lag im Jahr 2009 bei 39 Prozent. Das Haushaltsdefizit wird in diesem Jahr auf 1,2 Prozent des BIP budgetiert, schon ab 2012 sollen wieder Überschüsse erzielt werden.

Anleihen oder Aktien?

Vor diesem Hintergrund erscheint es folgerichtig, sich Schweizer Franken ins Depot zu nehmen. Bleibt jedoch die Frage nach dem Wie. Eine Möglichkeit wäre, in Staatsanleihen zu investieren. Allerdings werfen zehnjährige eidgenössische Bundesobligationen derzeit nur eine Rendite von 1,5 Prozent ab. Damit dürften sich, klammert man die erhofften Wechselkursgewinne einmal aus, vermutlich nur sehr konservative Anleger zufriedengeben. Eine chancenreichere, aber auch riskantere Alternative stellt der Schweizer Aktienmarkt dar. Dieser ist für deutsche Anleger im Gegensatz zum Schweizer Rentenmarkt auch per ETF investierbar. Entsprechende Indexfonds gibt es zum Beispiel auf die Leitindizes SMI und SLI oder auf den breiter aufgestellten Länderindex MSCI Switzerland (siehe Tabelle).

Günstig bewertet

Für ein Engagement in Schweizer Aktien sprechen einige Gründe: Nach Berechnung der Analysten der Bank Vontobel notiert der Schweizer Aktienmarkt derzeit mit einem 2010er-Kurs- Gewinn-Verhältnis (KGV) von moderaten 13,2. Für 2011 beträgt das KGV sogar nur 11,5. Zum Vergleich: Der langjährige historische Durchschnitt liegt bei einem KGV von 15. Darüber hinaus lassen auch ökonomische Faktoren wie niedrige Arbeitslosenzahlen, ein solider Immobilienmarkt, eine stabile Binnenwirtschaft sowie die Innovationskraft der Unternehmen helvetische Aktien als attraktiv erscheinen.

Gefahr für den Export?

Ein sicherer Hafen ist die Börse in Zürich allerdings nicht. Und das liegt ausgerechnet auch an der Frankenstärke. Die Schweiz ist eine Exportnation mit zahlreichen international aufgestellten Konzernen wie Roche (Pharma), Nestlé (Nahrungsmittel) oder Richemont (Luxusgüter). Deren Wettbewerbsfähigkeit ist durch eine nachhaltige Aufwertung des Franken gegenüber dem Euro gefährdet. So kommen die Analysten der Bank Vontobel zu dem Schluss, dass die Bewertungen für 2011 zwar moderat erscheinen mögen, doch seien die darin enthaltenen Gewinnschätzungen auch mit mehr Unsicherheit behaftet. Andere Kenner des Schweizer Marktes sind etwas zuversichtlicher: „Die Schweizer Exportwirtschaft ist regional wie auch nach Branchen viel besser diversifiziert als früher“, sagt Martin Neff, Chefökonom bei Credit Suisse.* Die Abhängigkeit von der Eurozone sei nicht mehr so gravierend. Schon über 40 Prozent der Schweizer Ausfuhren gehen in Märkte, die nicht in Euros abrechnen. Während sich 2008 zum Beispiel die Ausfuhren nach Deutschland um lediglich 1,5 Prozent erhöhten, schnellten die Exporte nach China um knapp 13 Prozent und nach Brasilien sogar um 29 Prozent nach oben. Dieser Trend, so Neff, setze sich fort.

Keine Insel der Glückseligen

Und Anleger sollten sich auch noch eines anderen Risikos bewusst sein. Als bedeutender Finanzplatz mit zahlreichen Bank- und Versicherungskonzernen würde eine durch die europäische Schuldenproblematik ausgelöste Finanzmarktkrise die Eidgenossenschaft überproportional hart treffen. So liegt in den drei genannten Aktienindizes (SMI, SLI und MSCI Switzerland) der Anteil der Finanzwerte jeweils über 22 Prozent. Von daher sollten Investitionen mit Augenmaß erfolgen. Die Schweiz mag zwar wie ein Hort der Stabilität erscheinen, eine Insel der Glückseligen ist sie aber nicht.

TEILEN
Vorheriger ArtikelAgrarrohstoff-ETFs: Den Acker richtig bestellen
Nächster ArtikelComStage ETF ATX
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.