Der neue Telekommunikationsdienste-Sektor bei S&P und MSCI ist geschaffen. Eine Analyse mit Hilfe künstlicher Intelligenz ergab, dass auch in anderen Sektoren Nachholbedarf einer Umstrukturierung besteht.

MSCI und S&P bauen ab sofort die so genannten GICS-Sektoren um, in denen Aktien nach Branchenzugehörigkeit zusammengefasst sind. Dabei werden unter anderem die Papiere von Alphabet und Facebook dem Sektor „Information Technology“ entnommen und dem neu geschaffenen Sektor „Communication Services“ zugeschlagen. Dabei erhöht sich die Größe des neuen Sektors von bisher etwa zwei Prozent des S & P 500 nach Marktkapitalisierung auf etwa 10 Prozent. Der neue Sektor Communication Services wird Unternehmen aus den Bereichen Konsumgüter und Informationstechnologie anziehen, die beide von beliebten Produkten verfolgt werden. Nach Berechnungen des britischen Vermögensverwalters Winton muss vor diesem Hintergrund beispielsweise allein der 22 Milliarden Dollar schwere SPDR Technology ETF rund 4 Milliarden Dollar neu anlegen, wenn der Fonds weiterhin den entsprechenden GICS-Sektor abbilden soll.

Neue ETFs zum neuformierten Sektor

Einige der ETF-Anbieter nutzten die Formierung des Sektors auch, um neue ETFs auf diesen Sektor aufzulegen.  Neben dem auf Xetra und der Börse Frankfurt aufgelegten iShares S&P 500 Communication Sector UCITS ET(ISIN: IE00BDDRF478), über den das EXtra-Magazin bereits berichtete, listete auch Invesco PowerShares noch an der Londoner Börse den Invesco Communications S&P Select Sector UCITS ETF. Die jährliche Verwaltungsgebühr des ETFs beträgt 0,14 Prozent.

„Die Kommunikation hat sich in den letzten Jahren dramatisch verändert“, erklärt Chris Mellor, Leiter ETF-Aktienmanagement der der Region Europa, Middle East und Afrika bei Invesco. „Dank digitaler Technologien können wir heute fast alles bequem und auf Abruf erhalten. Viele Menschen halten sich mit Online-Feeds über aktuelle Nachrichten auf dem Laufenden und sehen sich On-Demand-Filme auf ihrem Smartphone an, wann und wo auch immer ihnen danach ist. Unternehmen, die diese Serviceleistungen bereitstellen, profitieren von der enormen Nachfrage einer wirklich globalen Kundenbasis.“ S&P und MSCI tragen diesen Entwicklungen mit einer Anpassung ihrer GICS-Sektor-Klassifizierung Rechnung.

Künstliche Intelligenz hilft bei der Schaffung homogener Indizes

Doch gemessen an den Rendite-Risiko-Profilen können die Unternehmen in den einzelnen Sektoren auch danach häufig nicht vergleichbar sein. Denn je nach Geschäftsmodell kann sich die Aktie des einen Telekommunikationsanbieters völlig anders entwickeln als das Papier eines Wettbewerbers. Darüber hinaus verändern Gesellschaften im Zeitverlauf etwa durch Übernahmen, Veräußerungen oder Restrukturierungen ihr Rendite-Risiko-Profil.

In dieser Hinsicht homogene Gruppen, die darüber hinaus schneller angepasst werden können, ließen sich beispielsweise durch den Einsatz künstlicher Intelligenz schaffen, wie eine Studie von Winton gezeigt hat. Bei dem so genannten „Natural Language Processing“ (NLP) hat ein von dem Vermögensverwalter entwickelter Algorithmus zunächst die verpflichtend zu veröffentlichenden 10-K-Dokumente von 3000 an US-Börsen gelisteten Unternehmen aus 24 Jahren durchforstet.

Diese müssen eine Beschreibung des Geschäftszwecks, der wichtigsten Produkte und Dienstleistungen, der Tochtergesellschaften und der Märkte enthalten, in denen ein Unternehmen tätig ist. Wäre diese Analyse von Menschen durchgeführt worden, hätte ein kleines Team geschätzt 70 Jahre gebraucht, diese Menge an Dokumenten zu lesen und zu verarbeiten. Für die NLP-Maschine war die Arbeit hingegen nach weniger als einem Tag getan.

KI-Studie: Manche Unternehmen im S&P falsch kategorisiert

Anhand dieses Grundgerüsts hat der Algorithmus dann die 10-K-Dokumente der im S&P 500 enthaltenen Unternehmen analysiert, anhand der Wörter und ihrer Häufigkeiten gewichtete Themen gebildet und Gesellschaften mit vergleichbaren Themengewichten dem selben Sektor zugeordnet. Dabei ergaben sich deutliche Unterschiede zur Klassifizierung von MSCI und S&P: So sind laut GICS „Information Technology“ und „Financials“ die derzeit größten Sektoren des Index. Nach der NLP-Analyse wird der S&P 500 hingegen von den Sektoren „Retail“ und „Hardware“ dominiert. Auf der Ebene einzelner Unternehmen wird beispielsweise Amazon aktuell in den GICS-Sektor „Consumer Discretionary“ eingeordnet. Der NLP-Analyse zufolge müsste das Unternehmen jedoch in den „Retail“-Sektor gehören.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.