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Nachhaltige Investments: Der ETF-Markt bietet hier zu wenig

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Die Nachfrage nach nachhaltigen Investments wächst. Durch die Finanzkrise wurde das Interesse nicht unterbrochen, sondern verstärkt. Allerdings haben nachhaltige Finanzprodukte mit einigen Problemen zu kämpfen, und wie es scheint, steht sich die Branche dabei oftmals selbst im Weg.

Um eine nachhaltige Investmentstrategie umzusetzen, bedarf es zunächst einer speziellen Strategie, welche die Anlagegrundsätze definiert. Beispielsweise hat Jens Güldner, Leiter Treasury beim Berliner Evangelisches Johannesstift SbR, versucht, eine solche nachhaltig ausgerichtete Investmentstrategie zu entwickeln. Kernelement dabei ist der sogenannte magische Tetraeder, der das Spannungsfeld zwischen Risiko, Rendite, Ertrag und eben der Nachhaltigkeit verdeutlichen soll. Keiner dieser Punkte ist vollständig umsetzbar, so dass stets eine Kompromisslösung unter Berücksichtigung aller Kapitalanlagegrundsätze zu finden ist.

Auswahl nachhaltiger Wertpapieranlagen

Die Auswahl der Anlageinstrumente unterliegt dabei verschiedenen Methoden, nach denen man die nachhaltigsten Positionen herausfiltern kann. Die beiden Hauptansätze bilden hierbei der Best-in-Class- und der Best-of-Classes-Ansatz. Ersterer wählt das beste bzw. das nachhaltigste Wertpapier innerhalb einer Asset-Klasse, der zweite Ansatz wählt stets die nachhaltigste Asset-Klasse innerhalb aller Asset-Klassen.

Auswahl oft problematisch

Es ist insbesondere das oft angewandte Best-in-Class-Schema, das eine zweifelhafte Nachhaltigkeit generiert. Beispielsweise galt der Ölkonzern BP plc bis vor kurzem noch als nachhaltigstes Unternehmen innerhalb der Ölbranche und fand sich daher in vielen „nachhaltig“ konzipierten globalen bzw. regionalen Indizes wieder. Im Zuge der Ölkatastrophe im Golf von Mexiko hat sich das Unternehmen als großer Umweltsünder herausgestellt. Für besonders nachhaltig orientierte Anleger ist es daher sinnvoller, in eng eingegrenzte Branchen-Indizes zu investieren, wie beispielsweise: Wasser, Abfallbeseitigung oder erneuerbare Energien. Global ausgerichtete nachhaltige Indizes wie etwa der FTSE 4 Good oder der Euro STOXX Sustainability 40 (WKN A0F5UG) werden ihren Namen oftmals nicht gerecht.

Geringes Interesse vonseiten der Anleger

Trotz des seit 2007 proklamierten „Nachhaltigkeits-Booms“ verhält sich die Nachfrage der Anleger nach entsprechenden Finanzprodukten vergleichsweise moderat. Auch aufseiten der Emittenten werden nur wenige ETFs dieser Art herausgebracht. Meist werden neue Produkte dann auch anhand zweifelhafter Kriterien entwickelt, die für besonders nachhaltigkeits-orientierte Anleger wie Stiftungen oder Kirchen inkonsequent erscheinen. Zudem hat das Investment mit gutem Gewissen seinen Preis. Im Vergleich zum MSCI World haben vergleichbare nachhaltig konzipierte Indizes seit 2007 rund 30 Prozent eingebüßt, der klassische Weltindex „lediglich“ 25 Prozent.

Scharia mit Potenzial

Erfolgreicher vermarktet sich dagegen eine andere Form der nachhaltigen bzw. ethischen Finanzprodukte, die sogenannten Scharia-konformen Anlagen. Die Entwicklung dieses Segments wird hauptsächlich von den weltweit 1,2 Mrd. Muslimen getragen. Diese Gruppe verfügt weltweit über ein Vermögen von schätzungsweise bis zu 500 Mrd. US-Dollar. Allein in Europa wird das muslimische Sparvermögen auf 150 Mrd. Euro geschätzt. Die rund 3 Mio. in Deutschland lebenden Muslime sollen laut dem Institut für islamisches Bank- und Finanzwesen, über 25 Mrd. Euro verfügen.

Islam-ETFs als Vorbild

Viele Finanzdienstleister möchten an diesen großen Summen der Muslime partizipieren und emittieren fleißig sogenannte Scharia-konforme Anlageprodukte. Auch die ETF-Industrie ist hier aktiv. Das Konstruktionsprinzip der Scharia-ETFs ist dabei an den Glaubensgrundsätzen des Islams ausgerichtet. Danach sind Investitionen in Unternehmen der Waffen-, Tabak-, Unterhaltungs- oder Erotikindustrie streng verboten. Auch Zinszahlungen sind nicht gestattet. Hingegen darf, entgegen den klassischen europäischen Nachhaltigkeitskriterien, beispielsweise in Unternehmen der Ölindustrie investiert werden. Vielleicht sollten sich Emittenten schariakonforme ETFs zum Vorbild nehmen und versuchen, auf Basis christlicher Wertvorstellungen neue Kundengruppen zu erschließen. Schließlich sind christlich begründete Anlagekriterien für europäische Anleger leichter nachzuvollziehen als komplexe nachhaltig ausgerichtete Anlagestrategien. Bislang fehlt allerdings ein entsprechendes Angebot in Europa. Nicht so in Amerika, wo der Emittent KLD bereits zahlreiche Indizes mit christlichem Konstruktionsprinzip positioniert hat. Dennoch sind auch religiös geprägte Finanzprodukte nicht davor gefeit, geschlossen zu werden. Der amerikanische JETS-ETF Islamic Market wird Ende Oktober mangels Anlegerinteresse geschlossen – verwunderlich angesichts der 7 Mio. in den USA lebenden Muslime.

Risiken der Nachhaltigkeit

Zwar sind die angeführten Schariakonformen Finanzprodukte, durch das Verbot hochspekulativer Engagements, vergleichsweise milde durch die Finanzkrise gekommen. Dennoch bergen nachhaltig-ethisch ausgerichtete Portfolios nicht zu verachtende Risiken. Zum einen ist aufgrund der geringen Anzahl von adäquaten ETFs eine ausreichende Diversifikation schwierig. Ferner sind nachhaltig ausgerichtete Branchen bzw. Unternehmen noch recht jung, so dass sie oftmals eine noch nicht so etablierte Marktposition innehaben oder teilweise sogar noch Empfänger staatlicher Subventionen sind. Im Fall der Solarbranche beispielsweise bescherte eine Kürzung der Solarsubventionen hohe Kurseinbrüche. Anleger sollten sich daher sorgfältig überlegen, ob ein durchweg nachhaltig konzipiertes Portfolio dem eigenen Risikoprofil entspricht.

Wenig Informationen, geringes Angebot

Die Schwierigkeiten ethischer Finanzprodukte erscheinen hausgemacht. Umfragen zufolge waren Anfang 2010 55 Prozent der Bundesbürger interessiert an ethischen Finanzprodukten, lediglich 26 Prozent haben tatsächlich investiert. Als Grund für die geringe Resonanz gilt unter anderem der Informationsmangel. 80 Prozent der befragten interessierten Anleger gaben unzureichende Informationen als Grund an, nachhaltige Finanzprodukte letztlich nicht zu berücksichtigen. Zweit Drittel bemängelten die Finanzprodukte als intransparent, die Hälfte als zu kompliziert und ebenfalls die Hälfte beklagte das geringe Angebot.

Finanzindustrie ist gefragt

Es liegt also in der Hand der Emittenten, die Entwicklung des Segments voranzutreiben. In erster Linie müssten überzeugende Nachhaltigkeitskriterien entwickelt und konsequent umgesetzt werden. Freilich gehört hierzu auch eine umfassende und vor allem transparente Informationskampagne in Richtung der Anleger. Denn im Segment nachhaltiger ETFs schlummert enormes Wachstumspotenzial. Langfristig dürfte der Markt für ethische ETFs also weiter wachsen und damit auch die bisherigen „Kinderkrankheiten“ ablegen.

Ausgewählte Indexprodukte, um nachhaltig bzw. Scharia-konform zu investieren
IndexKAGISINVVG
Kurs
SpreadVolumen in Mio. EURDASSWAPFWhrg
DJ EURO STOXX Sustainability 40iSharesDE000A0F5UG30,40%7,78€0,10%59,05ASDirektEUR
S&P U.S Carbon Efficientdb x-trackersLU04110760020,50%8,02€0,00%2,05THSwapUSD
S&P Global Clean EnergyiSharesDE000A0M5X100,65%7,08€0,35%90,68ASDirektUSD
S&P Global WateriSharesDE000A0MSAG20,65%16,33€0,25%85,61ASDirektUSD
World Alternative EnergyLyxorFR00105247770,60%18,51€0,43%92,49ASSwapEUR
MSCI World IslamiciSharesDE000A0NA0L50,60%15,52€0,26%16,77ASDirektUSD
MSCI Emerging Markets IslamiciSharesDE000A0NA0M30,85%14,82€0,27%13,40ASDirektUSD
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