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Neues Spiel am Goldmarkt?

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Dr Huefner Wochenkommentar

Die meisten sagen: Gold ist bei dem derzeitigen Preis von rund USD 1.500 je Feinunze zu teuer. Vor zehn Jahren lag der Goldpreis noch bei unter USD 300; vor fünf Jahren bei USD 600. Wer diese Preisbewegungen zumindest teilweise mitgemacht hat, sollte sich über die erzielten Gewinne freuen und Kasse machen. In keinem Fall sollte er neu investieren. Der berühmte Investor George Soros hat, wie jetzt bekannt wurde, ganz in die­sem Sinn gehandelt und zuletzt in größerem Umfang Gold verkauft.

  • Die Strukturen am Goldmarkt verändern sich. Statt der Privatanleger spielen Zen­tralbanken inzwischen eine größere Rolle.

  • Der Goldpreis ist damit weniger ein Krisen-barometer als vielmehr ein Zeichen für Ver-änderungen im internationalen Währungs-system.

  • Unter diesen Umständen kann der Goldpreis trotz des erreichten Niveaus noch weiter steigen.

Die Sache ist so einfach und plausibel, dass sie schon wieder fragwürdig erscheint. Tatsächlich haben sich die Kräfte hinter dem Goldmarkt in letzter Zeit verändert, so­dass man neu nachdenken muss. Lassen wir die Nach­frage nach Industriegold und Schmuck außen vor und betrachten nur die Investmentnachfrage. Bisher waren es vor allem Privatanleger, die den Goldpreis nach oben trieben. Durch den starken Anstieg der Staatsverschul­dung in den letzten Jahren nahm die Angst vor einer Hy­per-Inflation mit anschließender Währungsreform zu. Die Investoren kauften Gold, um sich dagegen zu schützen. Gefragt war vor allem physisches Gold, insbesondere Münzen.

Zentralbanken aus Schwellenländern fragen Gold nach

Ob das Kalkül am Ende wirklich aufgehen wird, weiß niemand. In der letzten Inflation in Deutschland, nach dem zweiten Weltkrieg, wäre Gold vergleichsweise we­nig hilfreich gewesen. Da hätte man Brot beim Bäcker bes­ser mit amerikanischen Zigaretten gekauft als mit Gold.

In Zukunft dürfte diese Nachfrage nachlassen. Der Be­darf der entsprechenden Klientel ist zunehmend ge­deckt. Niemand legt sein gesamtes Vermögen in Gold an. Zudem gibt es Anzeichen, dass die Angst vor der großen Inflation nachlässt. In Europa werden die öf­fentlichen Defizite zurückgeführt. In den USA hofft man, dass das ebenfalls geschehen wird. Die Zentralbanken der Welt haben – vor allem in den Schwellenländern – deutlich gemacht, dass sie keinen stärkeren Anstieg der Inflation zulassen werden.

Das heißt aber nicht, dass die Goldnachfrage weniger wird. Es ist nämlich eine neue Nachfrage entstanden. Sie kommt von den Zentralbanken. Mexiko hat vor ein paar Wochen 100 Tonnen Gold gekauft. Russland er­warb schon im vorigen Jahr 135 Tonnen. Für China gibt es keine Zahlen. Es wird aber vermutet, dass auch das Reich der Mitte seine Goldreserven aufstockt. Dazu kommen Thailand und Venezuela, aber auch so arme Länder wie Bangladesh und die Philippinen.

Vielfältige Motive bei Goldkäufern

Zum einen steigen die Währungsreserven der Länder. Wenn der Anteil des Goldes an den Reserven nicht fallen soll, dann müssen sie mehr Gold erwerben. Zum Zweiten halten die Schwellenländer generell weniger Gold in ihren Reserven als die Industrieländer (5 % verglichen mit 40 %). Je weiter ihre Entwicklung voranschreitet, umso mehr orientieren sie sich in ihrem Verhalten an den Industrieländern. Sie wollen also auch mehr Gold. Zum Dritten gibt es unter den Schwellenländern eine starke Tendenz, sich vom US-Dollar zu emanzipieren. Das hat zum Teil politische Motive. Sie wollen von den USA unabhängiger sein. Es hängt aber wohl auch damit zusammen, dass das gegenwärtige dollarbasierte Welt­währungssystem immer mehr zerfällt und sich neue Strukturen eines multipolaren Systems herauskristallisie­ren. In einer solche Übergangsphase macht es Sinn, mit Gold auf der sicheren Seite zu stehen.

Diese Art der Goldnachfrage ist vergleichsweise stabil. Sie wird, wenn es nicht gravierende Änderungen im Währungssystem gibt, anhalten – vielleicht sogar steigen. Das könnte den Goldpreis weiter nach oben trei­ben. Auch wenn man berücksichtigen muss, dass die Schwellenländer in ihrem Anlageverhalten eher noch cleverer sind als Privatanleger. Sie kaufen Gold nicht zu jedem Preis, sondern nutzen Marktschwächen.

In den Industrieländern sieht das etwas anders aus. Die Euroländer hatten nach der Einführung der Gemein­schaftswährung zunächst Gold verkauft. Mit der Grün­dung der Europäischen Zentralbank brauchten sie weni­ger „Vorsichtskasse“ und suchten stattdessen mehr Er­trag aus ihren Währungsreserven. Seit der Eurokrise setzen sie wieder mehr auf Gold. In jedem Fall geben sie fast kein Gold mehr ab.
Portugal wehrt sich mit Händen und Füßen, seine ver­gleichsweise hohen Goldreserven (380 Tonnen = USD 20 Mrd.) zur Finanzierung seiner finanziellen Schwie­rigkeiten zu nutzen.

Ob die Euroländer auch auf Dauer mehr Gold halten werden, ist freilich unsicher. Es könnte sein, dass sie nach Überwindung der Krise wieder Gold abgeben. Das dauert aber noch einige Zeit. Zudem wird es kaum so viel sein, um die Käufe der Schwellenländer zu kompen­sieren.

Für den Anleger

Wer an Goldkäufe denkt, muss neu überlegen. Die Kräf­te, die den Markt bisher getrieben haben, werden aus­laufen. Statt Inflationsfurcht und Krisenangst spiegelt der Goldpreis eher die abnehmende Macht der Vereinigten Staaten und die Unsicherheiten über die Veränderungen im internationalen Währungssystem wider. Damit be­ginnt ein neues Spiel. Viel spricht dafür, dass der Gold­preis unter diesen Umständen trotz des erreichten ho­hen Niveaus noch weiter steigt.

Aus volkswirtschaftlicher Sicht ist das völlig rational. Kein Preis steigt ewig. Gold hat zudem den Nachteil, dass es keine Zinsen abwirft. Es bringt im Gegenteil Kosten der Aufbewahrung mit sich.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin wichtige konjunturelle Entwicklungen. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management.