Start ETF-News PSI verschärft die Krise

PSI verschärft die Krise

40
huefner-wok

Jede Staatsschuldenkrise ist immer auch eine Bankenkrise. Durch den freiwilligen Haircut sind die Banken noch einmal in besonderer Weise betroffen worden. Ein baldiges Ende ist nicht in Sicht, denn wegen einer Kreditklemme kann es auch noch eine Rezession geben.

Wie wird aus einer Staatsschuldenkrise eine Banken- und dann eine allgemeine Wirtschaftskrise? Genau das ist in den letzten zwei Jahren im Euroraum geschehen. Zuerst waren es nur die Staatsschulden, die Sorgen machten. Dann wurden plötzlich die Banken schwach. Und jetzt fürchten viele, dass die gesamte Währung auseinander fallen könnte und dass es eine große Rezession gibt. So etwas hatte am Anfang niemand auf dem Radarschirm.

Der übliche Übertragungsweg solcher Krisen ist relativ einfach. Die hohen Staatsschulden werden zu einem großen Teil von den Banken gehalten. Banken brauchen diese Papiere zur Refinanzierung bei der Notenbank. Zudem müssen sie dafür – anders als für Kredite an die Unternehmen – kein Eigenkapital vorhalten (aufgrund der aufsichtsrechtlichen Regelungen). Wenn sich nun die Bonität der Staaten verschlechtert, wie zuerst in Griechenland und dann in anderen Staaten geschehen, dann steigen die Renditen dieser Papiere und die Kurse fallen. Wertberichtigungen werden erforderlich. Die Banken haben weniger Geld, um Kredite an Unternehmen auszuleihen. Es sollte also niemand überrascht sein, wenn aus einer Staatsschulden- eine Bankenkrise wird. Aber dass es so heftig kommt, wie dies in den letzten Monaten geschah, war nicht erwartet worden. Immerhin hatten die Kreditinstitute einen Teil ihrer Staatspapiere in der Zwischenzeit an die Europäische Zentralbank verkauft und damit ihre Bilanzen entlastet. Es musste also noch etwas anderes dazu kommen, was die Krise so verstärkt hat.

Das war in der Tat der Fall. Es war das sogenannte PSI-Programm (Private Sector Involvement), also der Beschluss, dass die Banken auf 50 Prozent ihrer Griechenland-Forderungen „freiwillig“ verzichten sollten. An sich ist diese Idee nicht abwegig. Die Rettungsaktion wird auf breitere Schultern verteilt. Zudem können die Politiker den schwarzen Peter an Institutionen weitergeben, die in der Öffentlichkeit nicht so gut angesehen sind. Die Banken sind indirekt an der Entstehung der Schulden beteiligt, weil sie die Papiere damals kauften und damit die Defizite ermöglichten.

Durch das PSI erhöhen sich freilich die Lasten der Banken. Damit daraus keine Gefährdung des Finanzsystems insgesamt wird, beschlossen die Staats- und Regierungschefs, die Anforderungen an die Eigenkapitalausstattung der Banken zu erhöhen. Damit sollten die Häuser in die Lage versetzt werden, auch größere Abschreibungen zu verkraften. Freilich wurden damit nicht nur Institute belangt, die griechische Papiere in ihrem Portefeuille hielten und damit einen Verzicht leisten sollten, sondern alle. Damit stand mit einem Mal die Kreditwirtschaft insgesamt unter Stress.

Was war die Folge? Angesichts der schlechten Verfassung der Kapitalmärkte sind die Banken nicht in der Lage, das zusätzliche Kapital bei den Aktionären zu bekommen. Zum Staat wollen sie aufgrund der Erfahrungen im Jahr 2009 aber auch nicht gehen. Also bleibt nur der Weg, Vermögensgüter zu verkaufen, die nicht unbedingt zur Aufrechterhaltung des Geschäftsbetriebes notwendig sind und das Aktivgeschäft zurück zu fahren.

Gerade letzteres führt derzeit zu erheblichen Schwierigkeiten. Zum einen erwerben die Banken keine oder nur noch wenige Neuemissionen an Staatspapieren. Die Refinanzierung der Haushaltsdefizite wird noch schwieriger. Das gilt nicht nur für die „Sünderstaaten“, sondern auch für Deutschland. Die Renditen für Bundesanleihen sind in den letzten Wochen zeitweise um mehr als einen halben Prozentpunkt gestiegen. Sie lagen vorübergehend über denen für britische Gilts und amerikanische Treasuries, obwohl diese Länder selbst eine höhere Staatsverschuldung haben. Die Eurokrise hat sich verschärft.

Gleichzeitig reduzieren die Banken aber auch ihr Kreditgeschäft mit privaten Kunden. Das bremst die Konjunktur. Eine Zeit lang haben sich größere Unternehmen damit beholfen, sich am Kapitalmarkt über Anleihen und Schuldscheine Geld zu besorgen. Kleine und mittelgroße Firmen konnten auf Reserven zurückgreifen, die sie in der Zeit der guten Konjunktur angesammelt hatten. Das geht aber nicht auf Dauer. Insgesamt wird durch das PSI also nicht nur die Staatsfinanzierung verteuert. Auch viele Banken wurden schwach. Sie müssen zum Teil Arbeitsplätze abbauen. Und es gibt eine Kreditklemme, die die Wirtschaft in eine Rezession zu treiben droht.

Was ist zu tun? Am Besten wäre es natürlich, das PSI insgesamt aufzugeben. Die Kreditwirtschaft wäre zwar nicht auf einen Schlag wieder gesund. Sie muss nach wie vor Wertberichtungen auf die Staatspapiere vornehmen. Sie muss auch die schon überfälligen Maßnahmen zur Restrukturierung ihres Geschäfts realisieren. Aber es gäbe weniger Druck im Kessel. Leider wird das aber nicht gehen. Es gehört jedoch zu den erfreulichen Entwicklungen der letzten Tage, dass die deutsche Bundeskanzlerin ihre Haltung zum PSI offenbar etwas gelockert hat. Gläubiger sollen – anders als bisher vorgesehen – in Zukunft nicht mehr zur Beteiligung am Schuldenschnitt gezwungen werden. Wie man mit der „freiwilligen“ Vereinbarung im Falle Griechenlands umgeht, wenn die erwünschte Beteiligung nicht erreicht werden sollte, ist offen.

Für den Anleger

So kann man mit gut gemeinten Maßnahmen eine Krise verschärfen. Auch wenn der Euro was, wir alle hoffen, nicht zerbricht, wird sich die Konjunktur in Europa (und auch in Deutschland) wegen der sich verschlechternden Finanzierungsbedingungen abschwächen. Das wirkt sich negativ auf die Gewinne aus (freilich nicht so stark wie 2009, weil sich die Unternehmen diesmal besser vorbereitet haben). Eigentlich müsste das die Aktienmärkte stärker belasten. Sie leben derzeit aber von der Jahresendhausse, von der Erwartung, dass es vielleicht doch keine Rezession gibt und von der Hoffnung, dass eine Lösung der Eurokrise gelingt. Alles drei ist allerdings unsicher. Freuen Sie sich über die gute Entwicklung der Aktien. Bereiten Sie sich aber darauf vor, dass sie nicht anhalten wird.

© 8. Dezember 2011/Martin Hüfner

Child comments 1