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Risse im Dorado der Schwellenländer

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Dr Huefner Wochenkommentar

Die Schwellenländer werden in der krisengeschüttelten Welt immer mehr zum „Helfer in allen Lebenslagen“. Wenn die Konjunktur stottert, dann sind es die Schwel­lenländer, die sie mit ihren hohen gesamtwirtschaftlichen Wachstumsraten wieder in Gang bringen sollen. Wenn die USA hohe Leistungsbilanzdefizite haben, dann soll eine Aufwertung des chinesischen Renminbi helfen. Wenn Anleger in Europa keine vernünftigen Renditen erzielen können, schauen sie nach Alternativen in Asien oder Lateinamerika. Dort gibt es Wachstum. Dort wer­den Werte geschaffen. Aber ist in der Dritten Welt wirk­lich alles so heil wie vermutet? Gibt es keine Risiken?

Zunächst muss man zugeben, dass die Renditen in den Emerging Markets in der Tat vielfach wesentlich besser sind. Die Grafik zeigt die Entwicklung ausgewählter Ak­tienindizes seit Jahresbeginn. Länder, die hervor­ste­chen, sind zum Beispiel Indien (+11,7 %), der kom­men­de Star Indonesien (+32,5 %), Malaysia (+15,7 %) oder Thailand (+25,4 %). Sie alle schlagen mit ihrer Per­for­mance die großen Märkte in den Industrieländern um Längen. Nur China fällt mit einem kräftigen Minus von 19,2 % aus dem Rahmen. Das ist aber auf Sonderfak­toren zurückzuführen.

Auch bei Bonds kann man gute Renditen erzielen. In In­dien liegen die Zinsen für Staatsanleihen bei 8,2 %, in Brasilien bei 6,2 %. Ähnlich in Südafrika, Ungarn oder Polen, das sich in den letzten Jahren so gut entwickelt hat. Das ist etwa so viel, wie man im Eurogebiet bei por­tugiesischen oder irischen Anleihen erzielen kann und mehr als bei spanischen oder italienischen.

Es ist klar, dass sich Anleger zunehmend nach solchen Papieren umsehen. Es ist auch volkswirtschaftlich sinn­voll. Dadurch werden den Schwellenländern Mittel zur Investition in ihre wachsende Wirtschaft zur Verfügung gestellt. Es ist praktizierte Entwicklungshilfe. Zudem: Wenn man in einigen Industrieländern (wie zum Beispiel Deutschland) wegen der abnehmenden Bevölkerung nicht mehr ertragreich investieren kann, dann hilft die „demografische Arbitrage“. Die Anleger investieren ihr Geld in solchen Ländern, in denen die Bevölkerung noch wächst und bessere Renditen erwirtschaftet.

Freilich: Es gibt keine Chancen ohne entsprechende Risiken. Jeder denkt bei den Risiken in der Dritten Welt meist an Länder wie die Türkei oder noch mehr an die Ukraine, Aserbaidschan oder Venezuela. In der Tat sollte man bei solchen Staaten vorsichtig sein. Anleger bevorzugen bei Schwellenländeranlagen daher häufig Fonds. Sie gehen davon aus, dass die Manager die richtigen Länder aussuchen und das Portefeuille breit streuen.

Es gibt daneben aber auch volkswirtschaftliche Risiken, die, wenn sie schlagend werden, erhebliche weltwirt­schaftliche Auswirkungen haben können. Das Modell der privaten Schwellenländerfinanzierung funktioniert nämlich nur, wenn die Empfänger der Gelder ein Leis­tungsbilanzdefizit haben (sie also Geld brauchen) und wenn sie die Mittel in sinnvolle Projekte investieren. Ge­nau da sind aber ein paar Fragezeichen zu machen.

Die gesamten Schwellen- und Entwicklungsländer (149 nach der Definition des Internationalen Währungsfonds) haben in diesem Jahr keinen Fehlbetrag in der Leis­tungsbilanz, sondern einen Überschuss in Höhe von USD 420 Mrd. Sie brauchen also keine zusätzlichen Mittel, sondern können im Gegenteil selbst im Ausland in­vestieren. Gleichzeitig gibt es in diesen Ländern aber einen Kapitalzufluss von brutto über USD 700 Mrd. (nach den Berechnungen des Institute of International Finance). Das macht einen Überschuss an Kapital in diesen Ländern von über USD 1.000 Mrd. Natürlich wird ein Teil davon wieder im Ausland, vor allem in den In­dustrieländern, investiert. Die Chinesen, die Inder, aber auch die großen Rohstoffländer im Mittleren Osten er­werben über ihre Staatsfonds Beteiligungen an Un­ter­nehmen und Infrastrukturprojekten. Das verringert den Überschuss, bringt ihn aber nicht auf null.

Die Folge: Es gibt zu viel Geld in den Schwellenländern. Die Inflation steigt stärker als gewünscht an; ich habe darauf schon häufiger hingewiesen. Die Geldpolitik muss restriktiver sein (und durch höhere Zinsen die In­vestitionen bremsen). Die Immobilienpreise ziehen an. Die Währungen werten sich auf. Wo sich die Zentral­banken dagegen sperren, erhöhen sich die Währungs­reserven. Alles Anzeichen einer Überhitzung, die auf Dauer so nicht weiter gehen kann.

Natürlich sind nicht alle Länder in gleicher Weise davon betroffen. Es gibt aber einige, bei denen man aufpassen muss. Indonesien gehört dazu, ebenso Malaysia und Die Folge: Es gibt zu viel Geld in den Schwellenländern. Die Inflation steigt stärker als gewünscht an; ich habe darauf schon häufiger hingewiesen. Die Geldpolitik muss restriktiver sein (und durch höhere Zinsen die In­vestitionen bremsen). Die Immobilienpreise ziehen an. Die Währungen werten sich auf. Wo sich die Zentral­banken dagegen sperren, erhöhen sich die Währungs­reserven. Alles Anzeichen einer Überhitzung, die auf Dauer so nicht weiter gehen kann. Natürlich sind nicht alle Länder in gleicher Weise davon betroffen. Es gibt aber einige, bei denen man aufpassen muss. Indonesien gehört dazu, ebenso Malaysia und Thailand und natürlich China. Alle drei haben zusammen einen Leistungsbilanzüberschuss von USD 370 Mrd. Sie bekommen dazu noch Kapitalzuflüsse. Die Vermögens­güterpreise steigen. Wenn sich die Stimmung hier dre­hen sollte und plötzlich internationale Gelder abgezogen würden, gäbe es erhebliche Probleme. Auch die Asien­krise Ende der 90er Jahre war dadurch entstanden, dass zu viel spekulatives Geld in die Länder geströmt war, das nicht immer sinnvoll verwendet wurde. Es gab dann Probleme, als die Mittel plötzlich wieder abgezo­gen wurden. Das traf zum Teil die gleichen Länder, die auch jetzt wieder im Fokus stehen.

Für den Anleger

Natürlich ist die Investition von Geldern in Schwellenlän­dern angesichts der Kursentwicklung der dortigen Akti­en- und Rentenmärkte attraktiv und lohnend. Dies insbe­sondere angesichts des „Anlagenotstandes“ durch nied­rige Zinsen und nur langsam steigende Aktienkurse in den Industrieländern. Freilich entwickelt sich in einigen Schwellenländern ein Hype, der nicht unbedenklich ist. Hier könnte sich ein neuer Krisenherd der Weltwirtschaft bilden. Das ist ein Grund mehr, nicht alle Eier in einen Korb zu legen, also auch bei Investitionen in Schwellen­länder vorsichtig zu sein.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin konjunturelle Entwicklung. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Assetmanagement.

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