Start ETF-News Umdenken bei den Löhnen

Umdenken bei den Löhnen

38
Huefner Wochenkommentar

Droht jetzt die Lohnpolitik zu einer Gefahr für die Kon­junktur zu werden? Die IG Metall hat angekündigt, dass sie sich bei den anstehenden Tarifverhandlungen in der Metall- und Elektroindustrie an den Abschlüssen orien­tieren will, die im öffentlichen Dienst vereinbart wurden. Dort stiegen die Löhne und Gehälter um satte 6,5 %. So hohe Lohnsteigerungen hat es in Deutschland schon lange nicht mehr gegeben.

Zunächst muss man die Kirche im Dorf lassen. So hoch, wie es auf den ersten Blick aussieht, sind die Lohnab­schlüsse im öffentlichen Dienst nicht. Der Abschluss gilt nämlich nicht für ein Jahr (wie die Gewerkschaft gefor­dert hatte), sondern für zwei. In diesem Jahr werden sich die Kosten der Kommunen um knapp 3 % erhöhen, im nächsten Jahr um etwas mehr als 2 %. Das ist schon erträglicher.

Gefahren für die Wettbewerbsfähigkeit der Unternehmen muss man – wenn Abschlüsse in dieser Höhe in der Me­tall- und Elektroindustrie zustande kämen – nicht befür­chten. Die Lohnzuwächse dürften durch entsprechende Produktivitäts- und Preissteigerungen kompensiert wer­den. Ganz abgesehen davon profitiert die deutsche In­dustrie von dem immer noch günstigen Wechselkurs. In den letzten zwölf Monaten hat sich der reale Wechsel­kurs (= die preisliche Wettbewerbsfähigkeit der deut­schen Industrie) gegenüber anderen Industrieländern um 2 % erhöht.

Gefahren für die Preise ergeben sich daraus ebenfalls nicht. Schon gar nicht kann man von Zweitrundeneffek­ten nach der starken Ölpreiserhöhung sprechen. Es wä­re daher auch abwegig, wenn die Europäische Zentralbank auf solche lohnpolitische Vereinbarungen mit ei­nem restriktiveren Kurs reagieren würde. Im Übrigen kann sich die EZB nicht an den Lohnsteigerungen in ei­nem Mitgliedsland orientieren. Sie muss den gesamten Euroraum im Blick haben und hier ist die Geldentwer­tung immer noch höher als in Deutschland.

Was die viel diskutierten negativen Effekte der Lohner­höhungen im öffentlichen Dienst auf die nötige finanzpo­litische Konsolidierung betrifft, so sollte man auch hier nicht übertreiben. Es gibt auch im öffentlichen Dienst Produktivitätssteigerungen durch Rationalisierungen und den Einsatz moderner Techniken. Die Gebühren der Gemeinden werden regelmäßig angehoben. Wenn die Neuverschuldung von Bund, Ländern und Gemein­den in den letzten Jahren in Deutschland nicht stärker zurückgegangen ist, dann liegt das nicht an zu hohen Löhnen, sondern an unzureichenden Konsolidierungs­anstrengungen der Finanzminister. An sich müsste Deutschland heute einen ausgeglichenen oder gar einen überschüssigen Haushalt aufweisen. Nach der keyne­sianischen Lehre muss der Staat in Rezessionen (wie 2009) ein Defizit fahren, im Aufschwung aber (spätes­tens 2011) einen entsprechenden Überschuss. Nur so lässt sich über den Zyklus hinweg ein ausgeglichener Haushalt er­reichen. Das ist auch so in der neuen Schul­denbremse vorgesehen.

Aus meiner Sicht gibt die Lohnpolitik daher derzeit kei­nen Grund zur Sorge. Die reale Wirtschaftsleistung wird in diesem Jahr um knapp 1 Prozent steigen (im nächsten Jahr etwas mehr). Die Preise werden sich insgesamt um 2 Prozent erhöhen. Das ergibt einen Verteilungsspielraum von rund 3 Prozent. Die Ausnutzung des Verteilungsspielraums ist erforderlich, um den Konsum zu stärken und eine nach­haltige Wirtschaftsentwicklung zu fördern.

Auf Dauer wird man sich in Deutschland sogar auf höhe­re Lohnsteigerungen einstellen müssen. Das ruft zwar den heftigen Widerstand der Arbeitgeber hervor. Es ist aber aus drei Gründen nötig. Erstens darf die Ungleich­heit nicht noch stärker zunehmen, wenn die gesell­schaftliche Stabilität nicht gefährdet werden soll. Die Grafik zeigt, dass die Lohnquote, das heißt der Anteil der Arbeitnehmer am Volkseinkommen, derzeit mit 67 Prozent deutlich unter dem Durchschnitt der vergangenen 40 Jahre liegt (71,5 Prozent).

Lohnquote17042012Zweitens müssen die Löhne relativ zu den Kapitalkosten steigen, um einen Anreiz zu geben, dass verstärkt in ar­beitssparende Technologien investiert wird. Dies ist an­gesichts der demografischen Veränderungen unabding­bar.

Drittens braucht Deutschland mittelfristig mehr Binnen­nachfrage (Konsum, aber vor allem Nettoinvestitionen).

Die einseitige Orientierung am Export beziehungsweise dem Außenbeitrag macht die Wirtschaft zu stark von Schwankungen des Welthandels abhängig. Sie führt zu Ärger mit den Handelspartnern. Nachdem Japan und China ihre Leistungsbilanzüberschüsse reduziert haben, steht in Zukunft Deutschland mit dem größten Über­schuss unter den Industrieländern (5 Prozent des BIP) zuneh­mend am Pranger. Auch hier spielt die Lohnpolitik eine Rolle, weil sie die Binnennachfrage stärkt. Volkswirtschaftlich gesehen ist es sinnvoller, mehr von den Peri­pherieländern zu importieren als den Regierungen Kre­dite und Garantien zu geben.

Für den Anleger

Höhere Löhne sind nach traditioneller Lesart schlecht für die Unternehmensgewinne und damit die Aktien. Mittel­fristig gilt das aber nicht, jedenfalls wenn die Lohnanhe­bungen nicht zu sehr aus dem Rahmen fallen. Mehr Ar­beitnehmerentgelte sind nötig für eine ausgewogene und nachhaltige wirtschaftliche Entwicklung, den Abbau internationaler Spannungen, die Investition in arbeits­sparende Technologien und mehr privaten Verbrauch. Schauen Sie sich vor allem Konsumtitel und Investitionsgüterhersteller an.

TEILEN
Die Redaktion des EXtra-Magazins setzt sich aus erfahrenen Finanzexperten zusammen. Teilweise veröffentlichen wir auch Gastbeiträge auf unserem Portal. Wir lieben ETFs, Indexfonds und alles zum Thema Geldanlage und arbeiten täglich daran Ihnen die aktuellsten und nützlichsten Informationen zu liefern.