ETF-Spezialist Eric Wiegand bei DWS.

Anleger scheinen sich von US-Aktien zu trennen und in US-Anleihen umzuschichten. Wieso ist das so, Herr Wiegand?

Eric Wiegand:  US-Dollar-Anleihen sind ganz eindeutig attraktiver für Anleger geworden, seitdem der Renditevorsprung gegenüber dem Euro ein Rekordniveau erreicht hat. Derzeit liegt der Zinsunterschied von US-Staatsanleihen zu zehnjährigen Bundesanleihen mit zwei Prozent nahe am Rekordhoch von Ende 2016 (Stand Ende Januar 2018, Quelle Bloomberg). Angesichts dieses Renditevorsprungs überrascht es nicht, dass sich immer mehr Investoren für eine Anlage außerhalb des Euroraumes entscheiden. Allerdings sehen wir die Umschichtungen eher innerhalb des Rentensegments. Die Zuflüsse in ETFs auf den US-Staatsanleihenmarkt und auf US-Dollar-Schwellenländeranleihen waren bei europäischen Anlegern im letzten Jahr deutlich höher als in entsprechende Produkte auf Euro-Staatsanleihen. Dieser Trend ist auch in den ersten Monaten des neuen Jahres intakt. Daneben sehen wir weiter sehr hohe Zuflüsse in US-Aktien-ETFs in Europa. Auch für Aktien-Investoren scheint der US-Markt weiter sehr interessant zu sein.

Halten Sie angesichts des hohen Krisen-Indikators TED-Spread US-Aktien generell für überbewertet?

Eric Wiegand: Der TED-Spread misst, welchen Zinsaufschlag Banken am amerikanischen Geldmarkt zahlen müssen, um sich kurzfristig Dollar von anderen Instituten zu besorgen. Er könnte daher für einen gewissen Risikoaufschlag stehen, der für die US-Wirtschaft gesehen wird.  Wir glauben aber nicht, dass dies als Indikator für eine Überbewertung des gesamten US-Aktienmarkt angesehen werden kann.

Auf was sollten Sparer achten, die sich jetzt für US-Dollar-Anleihen-ETFs interessieren?

Eric Wiegand: Investoren steht im US-Dollar-Raum eine breite Auswahl an Indizes mit ausreichender Marktgröße zur Verfügung. Hierzu zählen US-Staatsanleihen, Investment-Grade- und Hochzins-Unternehmensanleihen aus den USA sowie Staats- und Unternehmensanleihen aus Schwellenländern. Jedoch sollten Anleger, die sich für US-Dollar-Anleihen interessieren, stets die damit verbundenen Risiken im Blick behalten. Dazu gehören Kreditrisiken – zum Beispiel mit Blick auf Emittenten aus den Schwellenländern –, das Selektionsrisiko innerhalb jedes Segments und Währungsrisiken aufgrund der möglichen Schwankungen zwischen der Heimatwährung und dem US-Dollar. Um vom Renditevorsprung zu profitieren und gleichzeitig die Risiken zu begrenzen, ist es wichtig, nicht in die größten Segmente zu investieren, sondern nach der jeweiligen Attraktivität, der Rolle im Portfolio und dem Anlageziel auszuwählen. So bieten zum Beispiel Investment-Grade-Unternehmensanleihen eine attraktive Verzinsung durch die hohe Duration und Kreditqualität, während Indizes auf Schwellenländer-Anleihen eine gute Portfoliodiversifikation gewährleisten. Eine andere Rolle im Portfolio können wiederum Hochzins-Unternehmensanleihen spielen, die sich in möglichen Zinsaufstiegsphasen vorteilhaft gegenüber anderen US-Dollar-Anlageklassen verhalten. Eine weitere Möglichkeit ist der Einsatz von Strategic-Beta-Konzepten. Bei ihnen werden klassische Indexkonzepte angepasst und damit ein Renditeaufschlag erreicht, ohne im gleichen Maße die Risiken zu erhöhen.

Wie bewerten Sie den europäischen Anleihemarkt gegenwärtig?

Eric Wiegand: Aktuell zeigt sich, dass sich Anleger auf der Suche nach Rendite auf internationale Märkte konzentrieren. ETFs auf globale Staatsanleihen-Indizes verzeichneten in den letzten Monaten die mit Abstand höchsten Zuflüsse, während Renten-Märkte der Eurozone deutlich weniger gefragt waren.  Das heißt aber nicht, dass der europäische Anleihemarkt generell nicht interessant wäre. Unser hauseigener CIO View sieht die Chancen für Euro-Staatsanleihen aus den so genannten Peripheriestaaten, sowie auch europäische Unternehmensanleihen für die nächsten ein bis drei Monate positiv.

Macht es überhaupt Sinn bei voraussichtlich steigenden Zinsen in Anleihen zu investieren, wenn dann möglicherweise die Kurse sinken?

Eric Wiegand: Aktuell steht die Zinswende bei vielen Anlegern noch im Hintergrund, es dominiert die Suche nach Renditen. Sollten sich die Anzeichen dafür verdichten, dass eine Zinsänderung Realität wird, dann sind die Triebkräfte der Bewegung entscheidend. Eine Variante wäre eine Zinswende, die durch tatsächliches Wirtschaftswachstum getrieben ist. Eine andere wäre eine Zinswende, die nur durch die Zentralbanken ausgelöst wird. Im dem Fall würden wir eher eine Zinserhöhung am kurzen Ende sehen, während am langen Ende die Zinsen wahrscheinlich eher niedrig bleiben. Dagegen könnte das zweite Szenario für Anleger Risiken bergen. Diese werden dann am langen Ende der Zinskurve nicht mehr adäquat für potentielle Risiken kompensiert und laufen Gefahr, im Falle eine schlechteren wirtschaftlichen Entwicklung Kreditrisiken ohne entsprechende Kompensation zu erleiden. Allgemein gilt, je länger das niedrige Zinsumfeld anhält, umso komplexer wird auch die Selektion der richtigen Papiere. Es ist bereits jetzt so, dass Investoren bei langlaufenden Assets in vielen Fällen nicht mehr adäquat für das eingegangene Risiko entschädigt wird. Investoren sollten bei ihrer Suche nach Rendite deshalb noch viel stärker auf eine hohe Qualität der Papiere achten, in die sie investieren. Hier können sich ETFs eignen, bei denen qualitätsgewichtet Rentenpapiere ausgewählt werden. Der Qualitätsansatz, der gleichzeitig Diversifikation mit sich bringt, kann sich vor allen in einem niedrigzins Umfeld mit schwachem Wachstum auszahlen.

Herr Wiegand, haben Sie besten Dank.

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Thomas Brummer war nach dem Betriebswirtschaftsstudium für das Anlegermagazin „Der Aktionär“ tätig. Im Anschluss schrieb er mehr als vier Jahre für das Verbraucherportal biallo.de und einige Tageszeitungen, wie Münchner Merkur, Rhein Main Presse, Frankfurter Neue Presse oder Donaukurier. Währenddessen hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 schreibt er für extra-funds.de und das ETF EXtra-Magazin.