Value und Growth zählen sei jeher zu den wichtigsten Investmentstrategien.

Seit jeher machen sich Investoren nach den Kriterien Substanz und Wachstum auf die Suche nach aussichtsreichen Aktien. Während der Value-Ansatz im langfristigen Vergleich die Nase vorne hat, liefern sich die beiden Anlagestile auf kurze Sicht ein Kopf an Kopf-Rennen. Wir beleuchten Value vs Growth im Detail.

Am 6. Mai ist es wieder soweit: Im CenturyLink Center von Omaha findet das Aktionärstreffen der Berkshire Hathaway Inc. statt. Zigtausende Anleger aus aller Welt werden an diesem Tag in den Mittleren Westen der USA pilgern. Sie hoffen, dem Chef der Beteiligungsgesellschaft, Warren Buffett, möglichst nahe zu kommen. Der 86-jährige zählt unbestritten zu den lebenden Legenden der Börse. Von 1964 bis 2016 legte die Berkshire-Aktie um annähernd 2.000 Prozent zu. Im Schnitt bedeutet das ein jährliches Plus von 20,8 Prozent. Zum Vergleich: Der S&P 500 weist  für diesen Zeitraum eine Rendite von durchschnittlich weniger als einem Zehntel p.a. auf.

Value vs. Growth: Berühmter Lehrmeister

Buffett gilt als klassischer Value-Investor. Diesem substanzgetriebenen Anlagestil steht der auf besonders wachstumsstarke Unternehmen abzielende Growth-Ansatz gegenüber. Value und Growth zählen sei jeher zu den wichtigsten Investmentstrategien. Für viele Anleger kommen die beiden Konzepte einer Art Religion gleich. Viele Verfechter des Value-Ansatzes sehen daher in Warren Buffett ihren „Guru“. Allerdings stammt die „Bibel“ der wertorientierten Investoren nicht aus seiner Feder. Vielmehr verfassten Benjamin Graham und David Dodd 1934 mit dem Buch „Security Analysis“, zu deutsch „Die Wertpapieranalyse“, ein bahnbrechendes Standardwerk.

Beispielsweise machten die Autoren das Kurs-Gewinn-Verhältnis als wichtige Bewertungskennziffer  salonfähig. Das KGV steht für das Verhältnis zwischen Kurs und Gewinn je Aktie. Dabei gilt: Je tiefer das Multiple ausfällt, desto günstiger ist ein Unternehmen bewertet. Ein weiterer wichtiger Maßstab der Value-Strategie ist die Dividendenrendite, also die Verzinsung, welche ein Investment auf Basis der Gewinnbeteiligung des jeweiligen Unternehmens abwirft. Bei der Bilanzanalyse schielen Value-Investoren zudem auf stille Reserven. Über allem steht die Frage, ob eine Aktie an der Börse mit einem Abschlag zu ihrem inneren Wert gehandelt wird. Warren Buffett lernte die Value-Strategie aus erster Hand. Während seines Studiums an der New Yorker Columbia University besuchte er die Kurse von Benjamin Graham.

Eine-Billion-Dollar-Wette

Seither hat der Berkshire-CEO die Erkenntnisse des Lehrmeisters perfektioniert und um eigene Grundsätze erweitert. „Kaufe nur Aktien von Unternehmen, deren Geschäftsmodell du verstehst“, lautet ein Rat der Wall Street-Legende. Dieses Motto befolgte Buffett auch bei einem seiner jüngsten Investments: Im Frühjahr 2016 stieg Berkshire Hathaway bei Apple ein. Zu dieser Zeit herrschten an der Wall Street große Zweifel am nachhaltigen Erfolg des Computerkonzerns. Davon ließ sich Buffett nicht beirren. Vielmehr traut er es dem Technologieriesen zu, als erstes Unternehmen überhaupt beim Börsenwert die Schallmauer von einer Billion US-Dollar zu durchbrechen. Nachdem der Large Cap sich in den vergangenen zwölf Monaten um knapp 30 Prozent verteuert hat, notiert er bereits bei rund drei Vierteln der magischen Marke.

Apple ist nicht nur ein Paradebeispiel für Buffetts Fingerspitzengefühl, das Unternehmen zeigt zudem, dass die Grenzen zwischen Value und Growth fließend sind. Der seit mehr als einem Jahrzehnt zu beobachtende kometenhafte Kursanstieg ist vor allem auf eine hohe Innovationskraft und das damit einhergehende enorme Gewinnwachstum der Kalifornier zurückzuführen. Dank dieser Entwicklung strotzt Apple geradezu vor Substanz. Per Ende 2016 türmte sich in der Bilanz ein Geldberg von nahezu einer Viertelmilliarde Dollar auf. Dabei ist es gerade einmal zehn Jahre her, dass der Nasdaq-Titel noch als klassischer Wachstumswert galt. Mitte 2007 bracht das Unternehmen das erste iPhone an den Markt und war damit ein gefundenes Fressen für Growth-Investoren.

Diese Anlegerspezies vernachlässigt die Bewertung und setzt dagegen auf die in der Zukunft möglichen Gewinnsteigerungen. Unter dieser Prämisse können selbst Unternehmen interessant sein, die aktuell in den roten Zahlen stecken – Börsianer sprechen hier von Turnaround-Aktien. Gegenüber Substanztiteln zeigen Growth-Werte mitunter hohe Bewertungsaufschläge. Wachstumsbranchen treten immer dann zum Vorschein, wenn neue Technologien den Durchbruch schaffen. Im 19. Jahrhundert trugen Eisenbahngesellschaften das Prädikat Growth. Computer und Internet machten vor und nach der Jahrtausendwende viele Technologiewerte zu den Wachstumsstars. Seien es Wall Street-Größen wie Apple, Intel und Google oder SAP und United Internet aus Deutschland – diesseits wie jenseits des Atlantiks finden sich jede Menge Beispiele für solche Wachstumsstars.

Substanzwerte mit Vorsprung

Insofern überrascht es nicht, dass sich Indexanbieter an Hand der beiden Strategien systematisch auf die Suche nach den jeweiligen Aktien machen. Zu den bekanntesten Gradmessern dieser Art zählen die von MSCI berechneten Benchmarks. Ihre Historie reicht bis Ende 1974 zurück. Ausgehend von diesem Zeitpunkt hat der Substanzansatz die Nase vorne. Der MSCI World Value Index zeigt eine durchschnittliche Rendite von 11,91 Prozent p.a. Dem steht beim MSCI World Growth Index ein jährliches Plus von 9,7 Prozent  zu Buche. Kurzfristig betrachtet liefern sich die Stile dagegen ein Kopf-an-Kopf-Rennen: Auf Sicht von fünf Jahren fuhren die Indizes jeweils einen Zugewinn von rund einem Zehntel p.a. ein. Auffällig: Im Vergleich zum das globale Aktienmarktspektrum abdeckenden MSCI World Index zeigt das Duo eine klare Outperformance (siehe Grafik).

Value vs. Growth
Der MSCI World Value Index zeigt eine durchschnittliche Rendite von 11,91 Prozent p.a. Dem steht beim MSCI World Growth Index ein jährliches Plus von 9,7 Prozent zu Buche.

Anleger, die zur Depotbeimischung auf eine oder beide Strategien setzen möchten, können dies mit Hilfe von Exchange Traded Funds tun. Während die ETF-Suche auf extra-funds.de 16 Value-Indexfonds zu Tage fördert, fällt das Spektrum bei den Growth-Produkten mit vier Exemplaren deutlich kleiner aus.

Interesse an News zu ETFs und Geldanlage?

Unser kostenloser Newsletter hält Sie auf dem Laufenden.

Markus Jordan ist Gründer und Herausgeber des EXtra-Magazins. Einer der führenden ETF-Informationsplattformen in Deutschland. Er hat über 25 Jahre Erfahrung im Bereich Finanzen und Geldanlage mit Schwerpunkten auf Exchange Traded Funds, Robo-Advisors und digitale Bankdienstleistungen und ist ein gefragter Experte auf diesen Gebieten.