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Vom Aufschwung zum Aufräumen

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Dr Huefner Wochenkommentar

Eigentlich müsste die Welt doch in Ordnung gekommen sein. Der Schuldenstreit in den USA ist zu Ende. Die Gläubiger der Staatsanleihen erhalten ihr Geld. Die Staatsausgaben werden zurückgeführt. Damit steigen die Chancen, dass die Staatsverschuldung mittelfristig nicht so hoch bleibt. Warum reagieren die Märkte darauf so negativ?

 

  • Die Märkte übertreiben in ihrer Kritik an dem neuen Schuldenpaket in den USA.

  • Die Maßnahmen gehen in die richtige Richtung. Die USA vollziehen einen längst überfälligen Schwenk in ihrer Finanzpolitik.

  • Das wird sich positiv auf die Wirtschaft und auf die Märkte auswirken – freilich erst nach einer schwierigen Anpassungsperiode.

Stagnation in der wichtigsten Volkswirtschaft der Welt

Zum Teil hat das nichts mit dem Schuldenstreit zu tun. Es ist die Konjunktur, die sich in den letzten Wochen in den USA so verschlechtert hat. Der wichtige Frühindi­kator für die weitere Entwicklung, der ISM-Index, geht deutlich „nach Süden“ (siehe Grafik). Das Wirtschafts­wachstum war im zweiten Quartal mit 1,3 % niedriger als erwartet. Das Wachstum im ersten Quartal wurde sogar auf 0,3 % nach unten revidiert. Damit lag die Zunahme des realen Bruttoinlandsprodukts in den ersten sechs Monaten dieses Jahres bei unter 1 %. Das ist Stagna­tion in der wichtigsten Volkswirtschaft der ISM-IndexWelt. Das ist natürlich nicht gut für die Märkte.

Anders als ich ursprünglich befürchtet hatte, belastet das neue Schuldenpaket die Konjunktur nicht. Die Spar­maß­nahmen sind „Back Loaded“, das heißt sie wirken sich erst in späteren Jahren wirklich aus. 2012 werden sich die Ausgaben gegenüber den bisherigen Planungen nur um USD 42 Mrd. verringern. Das sind gerade einmal 0,3 % der Wirtschaftsleistung. Aber auch das gesamte Sparpaket (das sich auf zehn Jahre bezieht) ist nicht be­sonders restriktiv. Die Ausgaben werden im Schnitt nur um 1,5 % des Bruttoinlandsprodukts reduziert. Das muss eine gute Wirtschaft aushalten.

 

Das Sparpaket der USA kann die Märkte nicht wirklich überzeugen

Im Übrigen hat das Sparpaket die Märkte nicht wirklich überzeugt. Das öffentliche Defizit der USA bleibt hoch. Die Relation Staatsschulden zum Bruttoinlandsprodukt wird zunächst nicht zurückgehen. Vielleicht steigt sie so­gar noch an. Damit bleibt das Damoklesschwert, dass die Rating-Agenturen die Bonität des Schuldners Ame­rika herunterstufen (dies vielleicht auch um zu zeigen, dass sie sich doch nicht so sehr von Nationalgefühl lei­ten lassen). Das Vertrauen der Anleger in die Solidität der Finanzpolitik bleibt gestört. China als größter Gläu­biger der USA hat noch härtere Sparmaßnahmen ange­mahnt.

Freilich übertreiben die Märkte in ihrer Kritik. Die Maß­nahmen sind so schlecht nicht. Die USA vollziehen ei­nen wichtigen Schwenk in der Wirtschaftspolitik. Zum ersten Mal seit der Finanzkrise rückt das Schuldenpro­blem bei ihnen in den Fokus. Bisher waren es nur die Europäer, die vom Sparen sprachen. In den Peripherie­ländern des Euroraums wurden unter dem Druck des Marktes harte Konsolidierungsschritte eingeleitet. In Kerneuropa ist der Sparwille hoch. Die tatsächlichen Ergebnisse sind freilich wegen der sprudelnden Steuer­einnahmen noch gering. Jetzt erkennen auch die USA, dass sie die Staatsverschuldung zurückführen müssen.

Das ist ein positives Signal. Es ändert die weltwirtschaft­liche Großwetterlage. Nach der Phase des Aufschwungs beginnt jetzt auch in den USA die Phase des Aufräu­mens nach dem „Hurrikan der Finanzkrise“. Wenn das so durchgeführt wird, steht die Weltwirtschaft auf Dauer wieder auf gesünderen Füßen. Die Unternehmen wach­sen wieder aus eigener Kraft. Der Staat zieht sich aus der Konjunktur zurück.

Ein „Quantitative Easing 3“ kann nicht augeschlossen werden

Die Balance zwischen Geld- und Finanzpolitik kann bes­ser werden. Die Notenbanken stehen nicht mehr so stark unter dem Druck, die Stabilisierungsaufgabe allein zu übernehmen. Freilich gibt es hier noch ein paar Schönheitsfehler. In Europa kann die Zunahme der Leit­zinsen erst dann geringer ausfallen, wenn die Finanzpo­litik in den Kernländern restriktiver wird. In den USA wird die Federal Reserve die Zinsen noch auf längere Zeit niedrig halten. Sie könnte sogar zunächst noch einmal expansive Impulse geben. Ein neues Programm zum Ankauf von Staatsanleihen („Quantitative Easing 3“) zur Bekämpfung der aktuellen Konjunkturschwäche ist nicht ausgeschlossen.

Das zeigt, dass der Übergang vom Aufschwung zum Aufräumen Zeit braucht und dass er sich nicht reibungs­los vollzieht. Das Wachstum wird, wie wir das gerade erleben, zunächst holprig. Investoren und Verbraucher müssen erst Vertrauen in die weitere wirtschaftliche Ent­wicklung fassen. Zudem wird das Wachstum nach dem Ende des Aufschwungs – vor allem in Deutschland – nicht so hoch sein wie vorher.

Die Inflation, die in den letzten Monaten deutlich zuge­legt hat, wird nicht so schnell zurückgehen wie erhofft. In Deutschland kann die Geldentwertung auch wegen der hohen und weiter steigenden Kapazitätsauslastung noch zunehmen. Positiv ist dagegen, dass die Rohstoffpreise schneller reagieren werden. Sie werden nicht mehr so stark stei­gen, vielleicht sogar fallen.

Für den Anleger

Die gegenwärtige Abwärtsbewegung der Aktienmärkte ist vorübergehend. Lassen Sie sich von dem Pessimis­mus nicht anstecken. Die wirtschaftspolitischen Weichen sind richtig gestellt. Das wird sich nach der notwendigen Anpassungsperiode positiv auf die Konjunktur und auf die Märkte auswirken. Die Aktien werden wieder steigen. Die Bond-Renditen werden sich wieder normalisieren (= nach oben gehen). Der US-Dollar verliert etwas von sei­nem Malus und könnte sich gegenüber dem Euro wieder etwas aufwerten. Der Goldpreis wird sich freilich erst dann zurückbilden, wenn die Unsicherheit geringer ist.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin wichtige konjunturelle Entwicklungen. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management.

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