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Vor einem schwierigen zweiten Halbjahr

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Dr Huefner Wochenkommentar

Im ersten Halbjahr ist die Gesamtwirtschaft noch einmal mit einem blauen Auge davon gekommen. Es gab zwar eine Reihe von negativen Ereignissen – von Fukushima über Nordafrika bis zur Eurokrise. Ihnen standen jedoch das gute konjunkturelle Wachstum und die starke Zu­nahme der Unternehmensgewinne gegenüber. Ich fürch­te, im zweiten Halbjahr müssen wir uns auf etwas schwierigere Bedingungen einstellen. Hier ein paar Highlights

 

  • Die Konjunktur wird sich in den nächsten sechs Monaten abschwächen. Die Unterneh­mensgewinne steigen noch, aber nicht mehr so schnell.

  • Gute Nachricht bei der Inflation. Die Haupt­gefahr liegt erst einmal hinter uns.

  • Die Probleme kommen in den nächsten sechs Monaten vor allem von strukturellen Risiken an den Kapitalmärkten.

Wachstum

Die gesamtwirtschaftliche Entwicklung wird sich abkühlen. Der Welthandel wird nicht mehr so stark expandieren. Der Baltic-Dry-Index bewegt sich schon seit zwei Monaten seitwärts. In China dürfte sich – nach den Umfragen der Einkaufs-Manager – das Wachstum auf vielleicht 8 % bis 9 % verlangsamen (nach 10 % im Vorjahr).

Besonders schwierig stellt sich die Entwicklung in den USA dar. Dort stürzt der richtungsweisende Index des Institute of Supply Management (ISM) regelrecht ab. Al­lerdings ist er, wie die Grafik zeigt, vorher sehr stark ge­stiegen. Deutlich schneller als beispielsweise der deut­sche ifo-Index. Der Immobilienmarkt liegt am Boden. Die Häuserpreise gehen wieder zurück. Das zweite Halbjahr wird hart.

In Europa ist die Konjunktur dreigeteilt. Am schlimmsten ist es in der Peripherie. Hier gibt es zum Teil noch weiter Rezession. Gemäßigtes Wachstum mit Raten von um die 2 % haben unter anderem Frankreich, Benelux und Österreich. Deutschland ragt ganz oben heraus. Es sieht, mit hfnerWachstumsraten von über 3 %, unter den In­dustrieländern fast wie ein Schwellenland aus. Aber auch hier wird sich die Dynamik in den nächsten sechs Monaten abschwächen.

 

Den Absturz der Welt in eine neue Rezession, wie er zum Teil in den Vereinigten Staaten befürchtet wird, wird es freilich nicht geben. Dazu wachsen die Schwellenlän­der nach wie vor zu stark. Die monetären Bedingungen sind zu gut. Die derzeit hohen Rohstoffpreise werden zurückgehen.

 

Die Unternehmensgewinne werden unter den gegebe­nen Wachstumsbedingungen nicht mehr so stark stei­gen. Für viele Firmen wird es wegen des steigenden Wettbewerbs zudem immer schwerer, die Rohstoffpreise auf die Abnehmer überzuwälzen.

Inflation

Wenn die Wirtschaft langsamer wächst, verliert die Preisentwicklung etwas von ihrem Schrecken. Das ist die gute Nachricht. Im Vorjahresvergleich kann die Geldentwertung zwar noch einmal etwas größer werden (in Euroland über 3 %). Das ist aber nur vorübergehend. Ein Unsicherheitsfaktor sind die Rohstoffpreise. Wenn es hier aufgrund von unvorhergesehenen Ereignissen zu Engpässen kommen sollte (was immer möglich ist), zeigt sich das schnell in der Inflation.

Geldpolitik

Die Zentralbanken werden trotz nachlassen­dem Inflationsdruck den Exit aus der ultralockeren Geld­politik fortsetzen. In Europa wird die Europäische Zen­tralbank nach der angekündigten Zinserhöhung in der nächsten Woche noch ein oder zwei Zinsschritte nach oben gehen. Das ist keine Restriktion, vor allem keine Reaktion auf akute Inflationsgefahren. Es ist eine Nor­malisierung der Verhältnisse nach der Krise. Erst wenn der Leitzins 2 % erreicht hat, wird die EZB sich stärker an Konjunktur und Geldentwertung orientieren. In den USA werden die Leitzinsen zunächst nicht steigen. Wohl aber wird die Federal Reserve die Liquiditätsversorgung nach dem Auslaufen des Quantitative-Easing-2-Programms (USD 600 Mrd. Käufe von Staatsanleihen) knapper halten.

Staatenrisiken

Das große Problem wird weiterhin der Gegenwind von den großen Krisenherden sein. Fuku­shima ist weitgehend ausgestanden. Die japanische Wirtschaft wird im zweiten Halbjahr wieder Fahrt aufneh­men. Die Lieferengpässe sind zum größten Teil vorbei. Was weiter – und vielleicht sogar noch verstärkt – belas­tet, ist die Eurokrise. Nach der Zustimmung des griechi­schen Parlaments zu dem Sparpaket ist zwar eine wich­tige Hürde genommen, aber noch ist das zweite große Hilfspaket für Athen nicht unter Dach und Fach. Die ge­plante „sanfte Umschuldung“ sieht bisher noch sehr sanft aus. Es würde mich nicht wundern, wenn sie jetzt oder später noch einmal aufgestockt werden muss. Noch ist nicht klar, wie die griechische Wirtschaft wieder in Fahrt kommen soll. Das aber ist die Vorbedingung für eine wirkliche Gesundung.

Risiken können im zweiten Halbjahr auch von den ame­rikanischen Staatsfinanzen ausgehen. Durch die Ver­schlechterung der Wirtschaftslage rückt eine Rückfüh­rung der öffentlichen Defizite weiter in die Ferne. Es kann leicht passieren, dass die Gläubiger das Vertrauen verlieren, vor allem die Chinesen (dies aber primär aus politischen Gründen).

Unverändert hoch ist das Risiko aus den hohen Kapital­zuflüssen in die Schwellen- und Entwicklungsländer. In diesem Jahr belaufen sie sich auf rund USD 1.000 Mrd. Es sind in erster Linie kurzfristige Gelder, die die Emp­fängerländer nicht brauchen und gegen die sie sich mit allen Mitteln wehren (Devisenmarktinterventionen, Kapi­talverkehrskontrollen). Das erinnert an die Situation vor über zehn Jahren, die damals zur Asienkrise führte.

Für den Anleger

Bleiben Sie vorsichtig. Ich rechne am Aktienmarkt zwar nicht mit einem größeren Einbruch im zweiten Halbjahr. Dazu ist die Konjunktur zu gut. Ich wäre aber sehr über­rascht, wenn wir bei den Aktienkursen am Jahresende deutlich über dem jetzigen Niveau wären. Ich rechne für Ende 2011 mit einem DAX von 7.300 bis 7.400. Nach ei­ner Zinswende nach oben, mit der viele Investoren rech­nen, sieht es aus meiner Sicht zunächst nicht aus.

Dr. Hüfner kommentiert im EXtra-Magazin wichtige konjunturelle Entwicklungen. Er ist Chefvolkswirt bei Assenagon Asset Management.

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