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Weltwirtschaft: Das Klima verschlechtert sich

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Huefner Wochenkommentar

Die Aussichten der Weltwirtschaft werden schlechter. Das Jahr hatte gut angefangen. Das Wachstum im ersten Quartal war ordentlich. Viele zogen daraus den Schluss, dass sich dies so fortsetzen werde und der Beginn eines längerfristigen Aufschwungs sei. Jetzt schlägt die Stimmung um. Ich war in der letzten Woche auf der Frühjahrstagung des Institute of International Finance in Kopenhagen. Dort trafen sich Banker aus allen Kontinenten. Die allgemeine Einschätzung der weiteren konjunkturellen Entwicklung (abgesehen von allen Finanzproblemen) war ausgesprochen negativ.

Ich hatte schon im April geschrieben, dass ich die konjunkturellen Perspektiven nicht so positiv einschätze (Hüfners Wochenkommentar 12-17). Dass sie sich aber so schnell und so stark verschlechtern, hatte ich nicht gedacht.

Die meisten führen das auf die Eurokrise zurück. Die Eskalation der Probleme in der Währungsunion ist sicher ein zentrales Thema. Ihr die Hauptschuld an der schwierigen Lage der Weltwirtschaft zuzuschieben ist aber nicht gerechtfertigt. Der Euroraum macht nur knapp 20 % der Weltwirtschaft aus. Das Wachstum hat sich hier gegenüber 2011 lediglich um 1,5 Prozentpunkte verringert. Das ist zu verkraften. Auf einen Austritt Griechenlands aus dem Euro haben sich die Unternehmen weitgehend eingestellt. Nur wenn der Euro ganz zerfallen würde (was ich nach wie vor für sehr unwahrscheinlich halte), hätte dies stärkere Rückwirkungen auf die Weltwirtschaft.

Wichtiger für die Verschlechterung der weltwirtschaftlichen Aussichten ist der Einbruch des Wachstums in den Schwellenländern. In China verringert sich das Wachstum von 9,2 % 2011 auf vielleicht 7,5 % 2012, in Indien von 7,2 % auf vielleicht 5 %, in allen Schwellen- und Entwicklungsländern insgesamt (die rund die Hälfte der Weltwirtschaft ausmachen) von 6,2 % auf vielleicht 5 %. Das sind absolut gesehen zwar immer noch gute Ergebnisse. Sie reichen aber nicht aus für eine Lokomotive der Weltwirtschaft. Hier zeigen sich zum Teil Strukturprobleme, die schon lange schwelen. Siehe etwa die sinkenden Immobilienpreise in China. Hinzu kommt die restriktive Geldpolitik, die die Länder zur Bekämpfung der Inflation betrieben hatten und die immer noch nachwirkt. In Russland machen sich die gesunkenen Ölpreise bemerkbar.

Verschlechtert hat sich die Lage auch in den USA. Auslöser waren die enttäuschenden Zahlen des Arbeitsmarkts und der Einkaufs-Manager-Indices. Je weiter

das Jahr voranschreitet, umso mehr rücken aber auch die Gefahren des „Fiscal Cliff“ in das Bewusstsein. Es handelt sich dabei um eine Reihe von vornehmlich Steuererleichterungen, die am Jahresende automatisch auslaufen, wenn sich die Republikaner und die Demokraten nicht auf eine Verlängerung verständigen. Immerhin geht es dabei um einen Betrag von USD 600 Mrd., das sind über 3 % des Bruttoinlandsprodukts. Angesichts

der bevorstehenden Präsidentenwahl sind die Chancen eines Kompromisses überhaupt nicht abschätzbar.

Hinzu kommt, dass die USA das Problem der hohen öffentlichen Verschuldung angehen müssen. Auch das wird Wachstum kosten. Die Einkommen der privaten Haushalte steigen nur noch langsam, wodurch weniger Geld für den in Amerika so wichtigen privaten Konsum zur Verfügung steht. Die Sparquote, die sich in der Subprime-Krise erhöht und das Problem der hohen Konsumentenverschuldung gemildert hatte, hat sich mehr als halbiert. Sie liegt jetzt nur noch bei 3,4 %. Insgesamt werden die Schätzungen für das Wachstum in den Vereinigten Staaten in diesem und dem nächsten Jahr von 2,5 % bis 3 % auf unter 2 % zurückgenommen.

heufner 13062012Was vor allem beunruhigend ist: Die Verschlechterung der Situation in der Weltwirtschaft wird von vielen Beobachtern nicht nur als eine vorübergehende Delle angesehen. Sie fürchten vielmehr auch, dass das Wachstum längere Zeit niedrig bleiben könnte, ein „verlorenes Jahrzehnt“ also wie in Japan. Siehe hierzu die Grafik, die die Parallelität bei den Zinsen zeigt. Der Kapitalmarktchef des Institutes of International Finance Hung Tran sagte: „We are all Japanese“. Freilich gibt es keine harten Fakten, die das zwingend erforderlich erscheinen lassen. Aber 50 % der Konjunktur sind bekanntlich Psychologie.

Für den Anleger

Mit Stimmungen muss man vorsichtig sein. Sie können sich schnell auch wieder drehen. Wenn die Diagnose aber richtig ist (ich gebe dem eine Wahrscheinlichkeit von 50 %), dann hätte das erhebliche Auswirkungen auf die Finanzmärkte. Die zu erwartende Gewinnverlangsamung wäre nicht nur vorübergehend, sondern dauerhafter. Der Einbruch der Aktienmärkte der letzten Wochen hätte nicht nur etwas zu tun mit einer vorübergehend größeren Risikoaversion aufgrund der Eurokrise. Die Anleger müssten sich auf eine längere Durststrecke einstellen. Die Lösung der Eurokrise würde noch schwieriger. Die Notenbanken würden die Zinsen soweit wie möglich weiter senken und den Märkten noch mehr Liquidität zur Verfügung stellen. Zuerst würde das in Europa der Fall sein. Aber auch in anderen Industriestaaten und vor allem auch in den Emerging Markets ist mit weiteren Lockerungen zu rechnen. Die langfristigen Zinsen würden niedrig bleiben. Die Rohstoffpreise würden nicht so schnell wieder auf die früheren Höhepunkte zurückkommen, was auch die Inflationsängste dämpft. Der Dollar könnte von einer weiteren Eskalation der Eurokrise noch etwas profitieren. Auf Dauer sind aber auch die USA nicht so stark.

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