Head of Lipper EMEA Research
Detlef Glow, Head of Lipper EMEA Research, Mutual Funds and ETF Industry Expert.

Wenige große Anbieter dominieren den europäischen ETF-Markt

Für viele Marktbeobachter steht außer Frage, dass die europäische ETF-Industrie eine echte Wachstumsindustrie ist, die in den vergangenen Jahren eine Erfolgsgeschichte geschrieben hat. Dies lässt sich auch einfach belegen, so verzeichnet die europäische ETF-Industrie auch nach 15 Jahren immer noch zweistellige Wachstumsraten und konnte das von ihr verwaltete Vermögen von Null im Jahr 2001 auf 483,79 Milliarden Euro (per Ende Oktober 2016) steigern. Doch ist dieser Markt auch so effizient und zugänglich für neue Anbieter, wie es auf den ersten Blick scheint?

Insgesamt waren Ende Oktober 2016 in Europa 48 Anbieter von börsengehandelten Indexfonds (ETFs) tätig, die zusammen 2.094 Produkte (alle Anteilsklassen) aus 165 verschiedenen Vergleichsgruppen angeboten haben. Bei dieser Produktvielfalt könnte man davon ausgehen, das der Markt breit auf die einzelnen Anbieter verteilt ist und es keine überdurchschnittliche Konzentration der verwalteten Vermögen auf der Anbieterebene gibt.

Ein Blick auf die tatsächliche Verteilung der verwalteten Vermögen zeigt jedoch ein völlig anderes Bild.

Verteilung der verwalteten Vermögen in der europäischen ETF-Industrie per 31.10.2016

Anbieter

Quelle: Thomson Reuters Lipper

Die zehn größten ETF Anbieter in Europa verwalten zusammen 448,02 Milliarden Euro oder 92,61% der insgesamt in ETFs angelegten Gelder. Dies bedeutet im Umkehrschluss das die restlichen 38 Anbieter nur 7,39% (35,77 Milliarden Euro) der verwalteten Vermögen auf sich vereinen konnten. Eine solche Konzentration der verwalteten Vermögen läßt vermuten, dass die großen Anbieter den Markt dominieren und so den Wettbewerb verzerren könnten. Dieser Eindruck wird noch dadurch verstärkt, das der größte Anbieter in Europa, iShares, mit 237,06 Milliarden Euro rund 49% der in Europa insgesamt in ETFs investierten Gelder verwaltet. Wäre der Markt ineffizient oder der Wettbewerb eingeschränkt, sollte dies in der Folge zu hohen Kosten für die Anleger und einer tendenziell abnehmenden Anzahl von Anbietern führen.

Ein Blick auf die Anzahl der Marktteilnehmer und die von ihnen angebotenen Produkte zeigt jedoch ein völlig anderes Bild. Der europäische ETF-Markt scheint, trotz der hohen Konzentration der verwalteten Vermögen, für Produktanbieter sehr interessant zu sein,  so gab es in den letzten Jahren immer wieder neue Anbieter, die auf den Markt gekommen sind und sich etablieren konnten. Auch wenn es derzeit Diskussionen darüber gibt, inwiefern die einzelnen Gesellschaften profitabel sind und ob die unprofitablen Anbieter vom Markt verschwinden werden, gibt es anscheinend genügend Gesellschaften die den europäischen Markt für sich erschließen wollen und ihren Markteintritt entweder durch die Übernahme eines bestehenden Anbieters oder durch die Gründung eines neuen Anbieters, vorbereiten. Somit scheint der Marktzugang für neue Anbieter vorhanden zu sein was den künftigen Wettbewerb sicherstellen sollte.

Auch hinsichtlich der Preise für die Verwaltung der ETFs (Managementgebühren) scheint der Markt nicht ineffizient zu sein. So haben viele Anbieter bei ihrem Markteintritt versucht Mitbewerbern Marktanteile abzunehmen indem sie niedrigere Gebühren für ihre Produkte veranschlagten. Dies hat in der Folge dazu geführt, dass sich die Managementgebühren, zumindest im Bereich der Standardindizes, deutlich reduziert haben und zum Beispiel bei den günstigsten EuroStoxx 50 ETFs mittlerweile unter 10 Basispunkten (0,1%) liegen. Im Jahr 2010 lagen die Gebühren für diese Fonds noch bei rund 19 Basispunkten (0,19%). Dies zeigt das die großen Anbieter auch hier keinen negativen Einfluss auf den Markt haben, sondern den Wettbewerb durch aggressive Preissenkungen zum Teil sogar noch verstärkt haben.

Insgesamt kann festgehalten werden, das der Markt für ETFs in Europa auf allen Ebenen stark konzentriert ist. Diese Konzentration der verwalteten Vermögen aber bisher nicht dazugeführt hat, das einzelne Anbieter in der Lage waren den Markt, aus Sicht der Investoren, nachteilig zu beeinflussen. Im Gegenteil, die aggressiven Preissenkungen und der Ausbau der Infrastruktur für den Handel und die Verwahrung von ETFs, haben dazu geführt, das heute so gut wie alle Arten von Investoren Zugang zu günstigen Kapitalmarktprodukten haben. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass die hohe Marktkonzentration in der Zukunft auch negative Effekte haben könnte. Von daher gilt es diesen Markt auch weiterhin genau zu beobachten, um gefährliche Tendenzen frühzeitig zu erkennen und mögliche negative Auswirkungen von den Investoren abzuwenden.

Für den Inhalt der Kolumne ist allein der Verfasser verantwortlich. Der Inhalt gibt ausschließlich die Meinung des Autors wieder, nicht die von Thomson Reuters.

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Autor:

Detlef Glow
Head of EMEA Research, Thomson Reuters Lipper

Detlef Glow begann im Jahr 2005 als Leiter der Fondsanalyse für Deutschland und Österreich bei Thomson Reuters – Lipper. Anfang 2007 übernahm er die Leitung für die Regionen Zentral-, Nord und Osteuropa. Seit Oktober 2010 ist Detlef Glow Leiter der Fondsanalyse von Lipper in Europa, dem Mittleren Osten und Afrika. Zuvor war er als Direktor Portfoliomanagement bei der Feri Wealth Management GmbH in Bad Homburg als Portfoliomanager für vermögende Privatkunden tätig. Seine Karriere begann Glow neun Jahre zuvor bei der Tecis Holding AG in Hamburg, wo er zuletzt als Leiter der Fondsanalyse für sowohl das quantitative als auch das qualitative Fondsresearch der tecis Asset Management AG verantwortlich war.

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Maximilian Stratz studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Seit 2016 ist Maximilian Stratz im Redaktionsteam des EXtra-Magazins beschäftigt.