WisdomTree-Rohstoffexperte Nitesh Shah sieht beim Edelmetall Silber größeres Aufwärtspotenzial als bei Gold.

Wöchentlich beurteilt Wisdom-Tree die Marktlage für einen bestimmten Rohstoff. Nitesh Shah, Rohstoffanalyst bei WisdomTree, zum „Rohstoff der Woche“ Silber.

Nitesh Shah, Commodity Strategist bei ETF Securities

„Silber hat in den letzten Monaten schlecht abgeschnitten. So fiel sein Kurs von 17 USD / Unze (Mitte Juni) auf etwas über 14 USD / Unze. (September). Das „hybride“ Metall ist aus unterschiedlichen Gründen unter Druck geraten: Aufgrund seiner hohen Korrelation mit Gold (das ebenfalls nachgab) ist sein Kurs gefallen, während der Ausverkauf bei Industriemetallen zur Folge hatte, dass sich der Marktpessimismus gegenüber allen Metallen noch verschärfte. Was also hält die Zukunft für Silber bereit? Wird der Silberpreis kurzfristig weiter nachgeben oder steht ein Aufschwung bevor?

Schlechte Stimmung

Die Stimmung gegenüber Silber ist derzeit schlecht. So sind die spekulativen Positionen in dem Metall auf den tiefsten Stand seit 1995 gefallen – dem Jahr, in dem Daten zu Termingeschäften erstmalig zur Verfügung standen. Darüber hinaus wird Silber mit dem größten Abschlag gegenüber Gold gehandelt, der seit 19931 verzeichnet wurde. Es gibt unseres Erachtens zwei Hauptgründe für die derzeit schlechte Stimmung:

Erstens entwickeln sich die Aktien-Benchmarks der Industrienationen (wie der S&P 500) hervorragend, weshalb die Anleger scheinbar das Interesse an Silber verloren haben. Da es sich bei Silber um ein hybrides Metall handelt, das sowohl zyklische als auch defensive Eigenschaften aufweist, wird diese Anlageklasse häufig vergessen.

Zweitens hat der jüngste Ausverkauf bei Industriemetallen Zweifel an allen Metallen mit industriellen Eigenschaften geweckt. Die Anleger befürchten, dass die aufkommenden Handelskriege die Nachfrage nach Industriemetallen dämpfen könnten.

Überverkauft

Der Rückgang des Silberkurses lässt unseres Erachtens jedoch darauf schließen, dass das Metall überverkauft und der jüngste Pessimismus überzogen ist. Unter Anwendung des Modells, das im Artikel Ausblick für Silber: Ein Silberstreif am Horizont? beschrieben wird, kommen wir bei unserer Analyse zu dem Ergebnis, dass die Silberpreise kurzfristig steigen könnten – angetrieben von der Erholung der Goldpreise. Auf Grundlage unserer Modellprognosen gehen wir davon aus, dass der Silberkurs von derzeit rund 14,2 USD / Unze auf etwa 16,3 USD / Unze im dritten Quartal 2019 steigen wird.

Auch der Goldpreis hat in den letzten Monaten nachgegeben. Wenn es hier jedoch zu einer Erholung kommt, wovon wir ausgehen (siehe Ausblick für Gold: Aufwärtskorrektur überfällig), dürfte auch der Silberkurs steigen.

Wir erwarten zudem, dass Silber in diesem Szenario möglicherweise besser abschneidet als Gold, da Silber in der Vergangenheit bei einem Anstieg der Edelmetalle schneller zugelegt hat als Gold. Darüber hinaus könnte die Dynamik dadurch verstärkt werden, dass Silber mit einem hohen Abschlag gegenüber Gold gehandelt wird.

Des Weiteren sind wir der Ansicht, dass bei einem allmählichen Anstieg des Silberpreises möglicherweise verstärkt Deckungskäufe für Short-Positionen vorgenommen werden, da das Short Interest (Summe aller offenen Short-Positionen) derzeit hoch ist. Durch die Eindeckung von Short-Positionen werden Kursgewinne normalerweise verschärft, was als Rückenwind dienen könnte. Dadurch könnte dem Metall eine Kurs-Rally beschert werden.

Starke strukturelle Unterstützung

Mittelfristig schätzen wir die Aussichten von Silber ebenso positiv ein. Als hybrides Metall wird Silber in vielfältigen Anwendungsbereichen verwendet – von Elektrofahrzeugen bis hin zu Solarpanels. Darüber hinaus ist es aufgrund seiner einzigartigen Merkmale kaum zu ersetzen. Das Minenangebot des Metalls dürfte weiterhin knapp ausfallen. Deshalb sind wir der Ansicht, dass die Nachfrage mittelfristig strukturell unterstützt wird.

Einschränkungen

Unsere Anlagethese ist natürlich nicht frei von Risiken.

Auch wenn die globalen Einkaufsmanagerindizes des verarbeitenden Gewerbes (EMI) bei über 50 Punkten liegen und diesen Wert voraussichtlich auch nicht unterschreiten werden (was darauf hindeutet, dass das verarbeitende Gewerbe weltweit wächst), geben diese Indizes nach. Dies deutet wiederum darauf hin, dass sich das Tempo des industriellen Wirtschaftswachstums abschwächt. Dadurch könnten die Gewinne potenziell begrenzt werden. Der Silberbestand der Börsen ist jüngst angestiegen – ein weiterer Aspekt, den man im Auge behalten sollte, denn ein höherer Bestand könnte sich ebenso als Belastung erweisen.

Positive Aussichten

Insgesamt schätzen wir die Aussichten für Silber sowohl kurz- als auch mittelfristig positiv ein. Da der Silberkurs in den letzten Monaten deutlich nachgegeben hat, halten wir einen Aufschwung für wahrscheinlich. In Anbetracht des derzeit hohen Short Interest könnten auch verstärkt Deckungskäufe für Short-Positionen vorgenommen werden. Gold dürfte einen Aufschwung erfahren. Deshalb glauben wir, dass Silber bei einer Erholung der Edelmetalle im Windschatten von Gold stärker zulegen wird“.

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.