Lehren aus der Lehman-Pleite ziehen und dann entspannt zurücklehnen.

Der Lehman-Pleite hat die Finanzmärkte auch zehn Jahre später noch fest im Griff. Viele Probleme von damals seien nicht behoben worden, sondern hätten sich nur verschoben oder sogar verschlimmert, konstatiert Pascal Blanqué, Chief Investment Officer von Amundi: „Noch immer ist die Verschuldung hoch, die Marktliquidität hat sich trotz der geldpolitischen Anreize teilweise sogar verringert, und die massiven Konjunkturanreize durch die Notenbanken und staatliche Investitionen haben den Heilungsprozess nach der Krise eher verlangsamt als gefördert.“ Ungleichheit und Instabilität hätten auch deshalb zu- und nicht abgenommen, was sich heute sowohl im steigenden Zuspruch für populistische Parteien als auch in der Rückkehr des Protektionismus widerspiegele.

Eigene Portfoliostruktur immer wieder überdenken

Pascal Blanque, Leiter des Investitionsgeschäfts von Amundi

Anleger seien daher gefordert, die Struktur ihrer Portfolios immer wieder neu zu überdenken. „Die Finanzkrise lehrt uns, dass wir den Risikobegriff erweitern müssen: Liquidität und Langfristigkeit sollten ebenso in die Risikobewertung einfließen wie die Betrachtung verschiedener Szenarien“, so der Investmentstratege. Positiv zu vermerken sei die inzwischen akzeptierte Erkenntnis, dass eine Indexgewichtung auf Basis der Marktkapitalisierung eben nicht risikoneutral ist. Auch die Kriterien nachhaltiger Geldanlage würden inzwischen weitgehend im Risikomanagement eingesetzt. Auf dieser Grundlage ergäben sich neue Risikoprofile für die Anlageklassen, die deren Rolle in der Asset-Allokation entsprechend verändern, meint Blanqué: „Vor 2008 wurden beispielsweise Staatsanleihen generell als sicheres und angemessen bewertetes Investment betrachtet. Das hat sich erheblich geändert und den Blick der Anleger auch auf andere Bereiche des Anleihespektrums und alternative Anlagen ausgedehnt, um Risiken besser diversifizieren zu können.“

Nicht zu defensiv aufstellen

Die sich allmählich abzeichnende Verlangsamung der Konjunktur könnte allein durch die gestiegenen politischen Unsicherheiten zusätzliche Gefahren mit sich bringen. Blanqué hält es daher für sinnvoll, dass sich Investoren zukünftig wieder stärker auf die westlichen Industrieländer als klassische Core-Investments sowie auf Value-Titel konzentrieren. Langfristig orientierte Anleger könnten die Schwäche der Schwellenmärkte und Anleihen aus den Peripherieländern zudem als Einstiegschance nutzen. Derzeit sieht der Stratege folgende Stärken und Schwächen der verschiedenen Anlageklassen:

  • Multi Asset: In gemischten Portfolios bevorzugt Blanqué US-Aktien und ist bei Schwellenländern eher vorsichtig. Bei Anleihen setzt er auf eine begrenzte Duration und inflationsgeschützte Bonds, während er bei Unternehmensanleihen skeptisch ist.
  • Anleihen: Blanqué geht davon aus, dass die Notenbanken bei ihrer eingeschlagenen Geldpolitik bleiben. Die Duration sollte bei europäischen Titeln kürzer ausfallen als bei US-Bonds und die Bonität sowie Liquidität von Anleihen insgesamt wieder stärker in den Fokus rücken. Der Investmentexperte erwartet, dass die Stärke des US-Dollars zwar anhalten, sich aber nicht noch weiter vertiefen wird. Den derzeit unter Druck stehenden Schwellenmärkten könnte das bis zum Jahresende eine Erholung bringen.
  • Aktien: In der aktuellen Sättigungsphase des Marktes sucht Blanqué vermehrt Qualitätstitel mit geringer Verschuldung. Zudem reduziert er Risiken aufgrund der Konzentration einzelner Branchen und strebt ein ausgewogenes Verhältnis zwischen zyklischen und defensiven Segmenten an. Denn noch sind die Gewinnaussichten positiv – insbesondere in den USA.
  • Real Assets: Angesichts geringer Erträge, mit denen die traditionellen Anlageklassen zu kämpfen haben, bleiben Investoren auf der Suche nach zusätzlichen Rendite- und Diversifikationsquellen. Aus Sicht von Pascal Blanqué ist Private Debt eine interessante Möglichkeit, das Engagement im festverzinslichen Bereich zu ergänzen – vorausgesetzt, man konzentriert sich auf die obersten und sichersten Tranchen der Kapitalstruktur.

Fünf weitere Lehren aus der Lehman-Pleite von Barings

Dr. Christopher Smart, Leiter Makroökonomie, geopolitisches Research sowie Analyse ökonomischer Trends

Dr. Christopher Smart, Leiter Makroökonomie, Geopolitik und Analyse ökonomischer Trends der Fondsgesellschaft Barings, arbeitete fünf Konsequenzen aus der Lehman-Pleite heraus:

  • Man beachte das Gesetz der Schwerkraft. Wenn ein Gegenstand aus großer Höhe herabfällt, ist ein enormer Puffer nötig, um den Aufprall abzufedern. Bei Banken, die sich allzu sehr verschuldet hatten, konnte man kaum davon ausgehen, dass sie den Aufprall überleben – und das war auch nicht der Fall. Die angemessene Höhe des verlustabsorbierenden Kapitals, das vorgehalten werden muss, wird stets Anlass zu Diskussionen geben, aber es ist fast immer mehr Kapital erforderlich, als man denkt.
  • Investitionen in solide Strukturen sind immer eine gute Idee. Die chaotischen Zustände während der Finanzkrise wurden durch den Umstand verschärft, dass bei vielen Transaktionen niemand mehr wusste, wer die Gegenposition einnahm. Die Einrichtung zentraler Clearingstellen für Derivate sorgte für eine deutliche Verbesserung der Transparenz in der Finanzbranche. Wenn eine Gegenpartei in Schwierigkeiten gerät, kommen keine Zweifel mehr an den Finanzflüssen im gesamten System auf.
  • Pendel schwingen – und überschwingen. Zu viel Regulierung bedeutet natürlich das Ende von Innovation und Wachstum. Zu wenig Regulierung führt zu Nachlässigkeit und Betrug. Es gibt viel am Dodd-Frank-Act auszusetzen (wie die Namensgeber Christopher Dodd und Barney Frank selbst einräumen würden). Aber damals fehlte es dem System insgesamt an Regeln, und insbesondere die Verbraucher mussten besser vor betrügerischen Praktiken und skrupellosen Profis geschützt werden.
  • Menschen und ihre Algorithmen sind emotionsgesteuert. Die Finanzmärkte sind, trotz all ihrer Komplexität, immer noch abhängig von drei konstanten menschlichen Gefühlen: Gier, Angst und Vertrauen. Die ersten beiden wurden bereits in der Wirtschaftswissenschaft, in der Psychologie und in der Literatur ausgiebig untersucht, aber man vergisst nur allzu leicht, dass selbst Transaktionen, die in Kontrakten, Versicherungsverträgen und Garantien zementiert sind, kaum Bedeutung haben ohne ein grundsätzliches Vertrauen darauf, dass die Gegenseite ihre Verpflichtungen erfüllt. Als die Pleite von Lehman unausweichlich war und Anleger nicht wussten, wer eventuell Risiken ausgesetzt war gegenüber Unternehmen, die wiederum gegenüber der kollabierenden Gegenpartei im Risiko standen, war die logische Reaktion, die Geschäfte einzustellen, das Licht auszumachen und so zu tun, als sei niemand zu Hause.
  • Führungsqualitäten zählen. Glücklicherweise standen im Jahr 2008 in den meisten führenden Industrienationen Personen an der Spitze, die entweder entscheidungsfreudig genug waren, um Führungsqualitäten zu zeigen, oder ausreichend verschreckt waren, um sich anzupassen. Was vielleicht noch wichtiger war: Die Finanzaufsichtsbehörden auf beiden Seiten des Atlantiks kannten sich, vertrauten einander und konnten daher außerordentliche Maßnahmen treffen, um für Liquidität im System zu sorgen. Als sich die Staats- und Regierungschefs auf dem G-20-Gipfel in London auf einen Plan verständigten, der die Märkte letztendlich davon überzeugte, dass die Fiskal-, Geld- und Bankenpolitik darauf ausgerichtet würde, die Märkte zu stabilisieren und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, war das Vertrauen wiederhergestellt. Ist angesichts der geopolitischen Verwerfungslinien von heute, die sich entlang von Themen wie Herrschaft und Handel bilden, bei Entstehung einer neuen Krise eine analoge Kooperationsstrategie denkbar?

Seine Prognose über mögliche neue Einbrüche am Aktienmarkt:

„Ich tippe darauf, dass die nächste Katastrophe ihren Ursprung in den neuen Formen der Finanzierung nehmen wird, die sich außerhalb des Bankensystems entwickeln, das größtenteils transparent und stark reguliert ist. Eine neue Krise könnte auch durch die spannenden Finanztechnologien entstehen, die neue Geschäftsmodelle entwickeln und neue Dienstleistungen anbieten. Ein möglicher Auslöser könnte auch China sein, das heute wesentlich finanzkräftiger und stärker mit den globalen Märkten verflochten ist als noch vor zehn Jahren“

 

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Uwe Görler ist seit dem Jahr 2011 Finanzredakteur für das „EXtra-Magazin“, die Online-Plattform extra-funds.de und diverse Medienprojekte der Isarvest GmbH rund um das Thema ETFs und Robo-Advisors. Davor schrieb der gebürtige Dresdner in verantwortlicher Position für die „Zertifikatewoche“ und verfasste Beiträge zu den Themenbereichen Wirtschaft & Finanzen sowie Gesundheit für Hörfunk- und Fernsehsender, darunter Antenne Bayern und N24.