Michael Reuss
Michael Reuss ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München.

Erst die Niederlande, jetzt Frankreich: Europas Bürger unterstützen proeuropäische Politiker. Zwar muss die EU dringend reformiert werden, dennoch stehen Europa und der Euro weit besser da, als oft wahrgenommen. Da auch die Konjunktur im Euro-Raum anzieht, sind europäische Aktien aktuell erste Wahl.

Europa steht viel besser da, als es aus der Binnensicht heraus erscheint. Dies zeigen die jüngsten Daten. Der viel beachtete Einkaufsmanager-Index kletterte im März überraschend um 0,7 auf 56,7 Punkte. Dies ist der höchste Wert seit April 2011. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg 2016 in sämtlichen Euro-Mitgliedsstaaten im Schnitt um 1,5 Prozent. Die EU-Kommission erwartet, dass 2017 und 2018 das Wachstum auf 1,6, beziehungsweise 1,8 Prozent zulegen wird. Drei Jahre steigendes Wachstum in allen Euroländern – das gab es seit fast einem Jahrzehnt nicht mehr.

Die Arbeitslosenrate innerhalb der EU ist inzwischen auf 8,5 Prozent gesunken, 2013 lag sie noch bei fast elf Prozent. Entsprechend gut geht es den Firmen: Erstmals seit mehreren Jahren verdienen die Unternehmen deutlich mehr als erwartet. Auch im Vergleich zu den USA schneiden sie besser ab.

Beispielhaft für den Aufschwung Europas ist Portugal, das zwischenzeitlich mit Hilfsprogrammen gestützt werden musste. 2016 hat das Land so wenige neue Schulden angehäuft wie noch nie seit der Rückkehr zur Demokratie. Das Defizit belief sich auf 2,1 Prozent des BIP und fiel damit deutlich besser aus als die Zielvorgabe von 2,5 Prozent.

Das zeigt: Die EU funktioniert und der Euro auch. Kein Wunder, dass sich die meisten Bürger in den Südländern – trotz zum Teil immer noch schwieriger wirtschaftlicher Verhältnisse – eine Rückkehr zur Lira oder Drachme nicht mehr vorstellen können. Sie wollen keine Währung mehr, die von Jahr zu Jahr weniger wert wird, sodass viele Rentner von Altersarmut bedroht sind.

Europas junge Generation ist ohnehin meist pro-europäisch eingestellt. Die jungen Menschen sind aufgewachsen mit offenen Grenzen, regelmäßigen Schüleraustauschprogrammen, sie legen Auslandssemester während des Studiums ein oder machen ihren Abschluss in Prag, Madrid oder Lissabon. Mit Bürgern aus Spanien, Frankreich oder Ungarn zusammenzuleben und zu arbeiten, gehört für sie zum Alltag. Der Brexit war eine Wahl der Alten. Die Jungen wollen ein gemeinsames Europa. Insofern könnte der jugendlich wirkende Emmanuel Macron jene neue starke Persönlichkeit sein, die es benötigt, um eine neue europäische Bewegung in Gang zu setzen.

Dies alles macht Europa für Investoren wieder interessant. Gerade weil Europa zusammenstehen muss, um Frieden, stabile soziale Verhältnisse und wirtschaftlichen Erfolg zu erreichen, bietet der Alte Kontinent große Chancen. Gegenüber den USA hatte Europa die Entwicklung des Internets verschlafen, das Web wird beherrscht von Google, Facebook, Amazon und Co.. Bei den aktuellen Trends wie Industrie 4.0, E-Mobilität, autonomes Fahren, Robotik oder künstliche Intelligenz ist dies nicht der Fall. Europas Mittelständler, die in ihren Branchen häufig zu den Weltmarktführern zählen und den weniger exportstarken Amerikanern oft strukturell überlegen sind, sind aufgewacht. Sie wollen diesmal das Spiel für sich entscheiden. Europäische Aktien sind daher aktuell erste Wahl.

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michaelreussetfMichael Reuss ist Geschäftsführender Gesellschafter bei der Huber, Reuss & Kollegen Vermögensverwaltung GmbH in München.

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