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Das „vergessene Einkommen“

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Euro-Anleihen klein

Beim regelmäßigen Durchsehen neuer Statistiken stieß ich dieser Tage auf ein paar interessante Zahlen. Sie stammen von der Deutschen Bundesbank.

Vor kurzem berichtete sie, dass das Geldvermögen der privaten Haushalte im ersten Quartal 2015 in Deutschland um EUR 140 Mrd. auf EUR 5,2 Billionen gestiegen ist. Der Zuwachs ist schon für sich ungewöhnlich hoch. Norma-lerweise stieg das Geldvermögen in den letzten Jahren lediglich um EUR 50 Mrd. pro Quartal.

  • Die Kursgewinne an den deutschen Kapital¬märkten waren im ersten Quartal so hoch wie noch nie zuvor in den letzten zehn Jah¬ren.
  • Das wird oft als Spekulation kritisiert. Es stützt jedoch die Konjunktur und trägt zur privaten Altersvorsorge bei.
  • Angesichts der erreichten Größenordnungen sollte man überlegen, wie man Kursgewinne für die Volkswirtschaft und für den Einzelnen besser nutzen kann.

Noch bemerkenswerter aber ist, woher der Zuwachs kam. Nur zwei Fünftel davon, nämlich EUR 53 Mrd., resultierten aus der Ersparnis, die normalerweise die Hauptquelle der Geldvermögensbildung darstellt. Drei Fünftel, insgesamt EUR 87 Mrd., stammten aus „Be-wertungsänderungen“, wie es die Bundesbank in lie¬benswertem Understatement bezeichnet. Gemeint sind Kurssteigerungen an den Kapitalmärkten.

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Dr.Martin W. Hüfner 

Diese EUR 87 Mrd. muss man sich auf der Zunge zer¬gehen lassen. In den ersten drei Monaten dieses Jahres hatten die privaten Haushalte nicht nur wie immer Ein¬kommen aus Löhnen und Gehältern sowie aus Kapital-einkünften (Zinsen, Dividenden, etc.). Sie waren 3,7 % höher als vor einem Jahr. Allein das war schon beacht¬lich. Dazu kamen diesmal aber noch die genannten Kursgewinne bei Aktien und Festverzinslichen. Sie er¬höhten das Einkommen der privaten Haushalte noch einmal. Insgesamt machten sie im ersten Quartal 16 % des „normalen Einkommens“ aus. Das ist unerhört viel. Wertsteigerungen bei Immobilien sind dabei gar nicht berücksichtigt. Sie würden die Zahl noch weiter nach oben treiben.

Das ist natürlich den besonders guten Kapitalmärkten in dieser Zeit zu danken. Der deutsche Aktienindex DAX erhöhte sich im ersten Quartal um insgesamt 22 %. Die Rendite der Bundesanleihen halbierte sich von 0,55 % auf 0,23 %, was entsprechende Kursgewinne für die An¬leger bedeutete. Dazu kam, dass sich der Euro-/Dollar-Kurs um über 10 % abwertete, was die Auslandsanlagen europäischer Investoren entsprechend wertvoller mach¬te.

So ein „goldenes Quartal“ für Anleger gibt es selten. Die Lage hat im zweiten Vierteljahr sicher auch nicht ange¬halten. Vermutlich wird die Statistik für die Monate April bis Juni Kursverluste ausweisen. Man darf hier aber kei¬ne zu kurzfristige Brille aufhaben. Seit Ende der Finanz¬krise 2008 haben Anleger immerhin Kursgewinne in Hö¬he von EUR 190 Mrd. eingefahren. Das sind über die gesamte Zeit gerechnet 1,3 % des Volkseinkommens.

Angesichts solcher Größenordnungen kann man nicht einfach zur Tagesordnung übergehen. Das Ganze wirft grundsätzliche Fragen auf. Kursgewinne werden volks¬wirtschaftlich häufig als etwas Suspektes bearg¬wöhnt. Sie sind kein Einkommen aus realer Arbeit, sondern beruhen auf Spekulation. Zudem schwanken sie stark. Deshalb werden sie auch nicht in der volkswirtschaft¬lichen Gesamtrechnung des Statistischen Bundesamtes berücksichtigt. Sie sind gewissermaßen „vergessenes Einkommen“. Ein solches Pauschalurteil ist meines Er¬achtens nicht gerechtfertigt.

Kursgewinne erhöhen wie jedes Einkommen den Wohl¬stand der Anleger. Diese können mehr konsumieren. Das ist gut für die Konjunktur. In der Ökonomie spricht man vom Vermögenseffekt. Bei einer Konsumquote von 60 % hätte sich der private Verbrauch im ersten Quartal zusätzlich um EUR 50 Mrd. erhöhen können, das nomi¬nale Sozialprodukt um 0,6 %. Das vollzieht sich freilich nicht gleich in demselben Quartal. Es wird sich aber in den kommenden Monaten auswirken.

Kursgewinne erhöhen auch die Möglichkeiten der Alters-vorsorge. Das ist besonders wichtig in Zeiten niedriger Zinsen, in denen mehr für die Rente zurückgelegt wer¬den muss. Leider fallen die Kursgewinne in Deutschland nur zu einem geringen Teil bei Versicherungen und Pen-sionskassen an, da diese vor allem in festverzinsliche Wertpapiere investieren. Deutschland steht internatio¬nal bei der Altersvorsorge nicht nur wegen seiner beson-deren demografischen Situation schlechter als andere Länder da. Es setzt bei der Altersvorsorge auch zu we¬nig auf Aktien und erwirtschaftet daher weniger Rendite für die Renten.

Wo die Kursgewinne nicht helfen ist bei der Einkom-mens- und Vermögensungleichheit, die in der öffent¬lichen Diskussion zunehmend kritisch diskutiert wird. Hier verschlechtert sich die Situation sogar noch. Die große Mehrheit der Bevölkerung spart nach wie vor in Form von Spareinlagen bei Banken. Sie erhalten dabei nur einen äußerst geringen Zins und sehen von den Kursgewinnen nichts. Natürlich sind Aktien für Men¬schen mit geringerem Einkommen nicht die geeignete Anlageform, weil sie zu viel Risiken beinhalten. Aber durch entsprechende Beratung und durch risikoabge¬sicherte Fonds könnte man breite Schichten der Bevöl¬kerung stärker an rentablere Anlageformen heranführen.

Für den Anleger

Die Zahlen zeigen, wie viel ein durchschnittlicher Inves¬tor im ersten Quartal auch bei konservativer Anlage in Aktien und Renten verdient hat. Manche wenden ein, dass es sich hier lediglich um Buchgewinne handelt. Sie schmelzen beim nächsten Börsenabschwung wieder da¬hin. Das muss aber nicht so sein. Die Größenordnung, um die es sich hier handelt, müsste ein Impuls für An¬leger sein, verstärkt darüber nachzudenken, wie man Kursgewinne dauerhaft sichern kann. Das geht heute nicht nur durch die Realisierung von Gewinnen durch den Verkauf von Wertpapieren. Es geht auch durch den Einsatz von Derivaten. Man verliert dabei zwar etwas an Rendite, gewinnt dadurch aber Sicherheit.

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