Hüfners Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

In den vergangenen Monaten sind die Anleger um eine Illusion ärmer geworden. Gold galt lange Zeit als Schutz gegen Krisen. Sein Preis stieg, wenn die Turbulenzen an den Märkten zunahmen. Er fiel, wenn es wieder ruhiger wurde. Jetzt haben wir bei Gott schwierige Zeiten. Argentinien schrammte knapp an einer Pleite vorbei. Mit der Türkei-Krise kam die Angst auf vor einem neuen Schwellenländer-Crash. Die USA versuchten, China und Russland durch Sanktionen und Handelskrieg in die Knie zu zwingen. Italien denkt über den Austritt aus der EU nach. Und was geschah mit dem Goldpreis? Er ist nicht nach oben gegangen, sondern hat sich vielmehr kontinuierlich verringert. In den vergangenen vier Monaten ist er in US-Dollar gerechnet um mehr als zehn Prozent gefallen.

In Gold investieren?

Goldpreis in US-Dollar je Feinunze, log. Maßstab

Quelle: realterm.de

Manch einer denkt jetzt daran, sich von seinen Goldbeständen zu verabschieden. Wenn Gold nicht als Krisenschutz taugt, dann braucht man es nicht mehr (außer vielleicht für Schmuck). Ich halte das nicht für richtig. Gold hat es nicht verdient, in Bausch und Bogen verdammt zu werden. Es hat nach wie vor seinen Appeal. Er liegt aber auf ganz anderen Gebieten als auf dem Schutz gegen Krisen. Wir müssen Gold neu denken.

Nach traditioneller Sicht kann man mit Gold derzeit nur verlieren. Die Stimmung auf den Märkten hat sich deutlich verschlechtert. Viel Geld ist aus börsennotierten Goldfonds (ETFs) abgezogen worden. Hedge Fonds halten so viele „Short-Positionen“ in Gold wie schon lange nicht mehr. Sie wetten darauf, dass sich der Preis weiter verringert.

Dafür gibt es gute Gründe. Einer ist, dass die amerikanische Notenbank die Zinsen erhöht. Zehnjährige US-Staatsanleihen werfen wieder eine Rendite von knapp drei Prozent ab. Das ist angesichts der niedrigen Inflation schon nicht mehr so unattraktiv. Schließlich gibt es bei Gold keine Zinsen. Ein anderer Grund ist der starke Dollar. Wer außerhalb der USA wohnt, muss sich erst US-Dollar kaufen, um Gold zu erwerben. Für ihn wird mit steigendem Dollar das Gold teurer. Damit sinkt die Nachfrage, der Goldpreis fällt.

Die Türkei-Krise spielt natürlich auch eine Rolle. Allerdings nicht in dem Sinne, in dem viele meinen. Die Türkei gehörte im letzten Jahr zu den großen Käufern von Gold. Sie wollte damit für schwierige Zeiten vorsorgen. Jetzt fällt das Land als Nachfrager aus. Vielleicht hat es in den letzten Wochen auch Gold verkauft. Das wirkt sich natürlich auf den Preis aus.

Wenn es so viele Gründe für einen sinkenden Goldpreis gibt, warum sollte man es trotzdem halten? Die Antwort: Sein Appeal ist nicht die kurzfristige Spekulation, sondern die langfristige, und zwar die ganz langfristige, Stabilität. Die Grafik zeigt den Goldpreis über die vergangenen mehr als 200 Jahre. Hier werden drei große Vorteile des Goldes als Anlagevehikel deutlich.

»Gold hat es nicht verdient, verdammt zu werden. Es hat nach wie vor seinen Appeal. Er liegt aber auf ganz anderen Gebieten als auf dem Schutz gegen Krisen.«

Erstens ist Gold beständiger und nachhaltiger als andere Asset-Klassen. Es hat sich über die ganzen Jahre nicht verändert. Von welcher anderen Anlageart kann man das behaupten? Immobilien wurden zum Teil durch Kriege zerstört beziehungsweise die Grundstücke enteignet. Aktien gab es vor 200 Jahren überhaupt noch nicht. Von den Unternehmen, die es vor 150 Jahren gab, haben sich nur einige wenige erhalten.

Bonds werden heute zwar schon wieder mit 100-jähriger Laufzeit emittiert. In der Vergangenheit fielen sie aber den großen Inflationen zum Opfer. Wer vor 100 Jahren Festverzinsliche Wertpapiere gekauft hat, besitzt heute vielfach gar nichts mehr davon. Das gilt nicht nur für Venezuela oder Simbabwe mit ihren großen Geldentwertungen, sondern auch für als so stabil angesehene Staaten wie Deutschland.

Zweitens ist sein Preis langfristig relativ stabil und unterliegt nicht den großen Schwankungen, die es bei anderen Anlagen gibt. Die Grafik zeigt, dass der Goldpreis fast 200 Jahre nur um wenige Dollar geschwankt hat. Das lag natürlich daran, dass der Preis staatlich fixiert und stabilisiert wurde. Aber auch als der Preis Anfang der 70er Jahre des vorigen Jahrhunderts freigegeben wurde, waren die Schwankungen relativ gering. Es gab nur zwei Spitzen – eine 1980 und eine 2011. Wenn sich das so fortsetzen sollte, dann käme die nächste Spitze erst wieder in 20 Jahren.

Drittens sind Goldinvestments trotz der geringen Preisbewegungen rentabel. Ein Barren, der von 1790 bis heute gehalten wurde, erbrachte durch die Preissteigerungen eine „Verzinsung“ von knapp zwei Prozent p. a. Das ist aus heutiger Sicht gar nicht so schlecht. Wer den Barren „nur“ von 1950 bis heute hielt, erzielte eine Rendite von fünf Prozent p. a. Wenn man die Rendite für die Zeit seit der Freigabe des Goldpreises 1970 rechnet, ergibt sich sogar ein Wert von 7,5 Prozent p. a. Das ist mehr als das, was man in dieser Zeit mit Aktien verdienen konnte.

Bei diesen Berechnungen muss man allerdings berücksichtigen, dass der private Goldbesitz lange Zeit verboten war. In Deutschland wie in anderen Industrieländern ist er erst seit 1970 wieder erlaubt. Insofern sind die Renditen zum Teil nur theoretisch. Im Übrigen bezieht sich all das auf die Vergangenheit. Ob es auch in Zukunft so sein wird, weiß niemand. Der Preis eines einzelnen Metalls ist natürlich immer mit Risiken verbunden.

Für den Anleger

Gold als Schutz gegen Krisen zu halten, ist nicht mehr als Gambling. Niemand weiß, ob der Goldpreis in der nächsten Krise steigt. Gold sollte als Langfristanlage gesehen werden. Über 20 oder 30 Jahre kann man bei Gold mit Preissteigerungen rechnen. Dann ist Gold als Asset-Klasse interessant.

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Thomas Brummer war nach dem Betriebswirtschaftsstudium für das Anlegermagazin „Der Aktionär“ tätig. Im Anschluss schrieb er mehr als vier Jahre für das Verbraucherportal biallo.de und einige Tageszeitungen, wie Münchner Merkur, Rhein Main Presse, Frankfurter Neue Presse oder Donaukurier. Währenddessen hospitierte er in der Wirtschaftsredaktion der Rheinischen Post in Düsseldorf. Seit 2018 schreibt er für extra-funds.de und das EXtra Magazin.