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Hüfners Wochenkommentar: Drei Gründe, auch jetzt noch Aktien zu kaufen

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Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Soll man jetzt noch Aktien kaufen, wo die Rallye schon über acht Jahre dauert und die Kurse und Bewertungen bereits sehr hoch sind? Ist es nicht an der Zeit, jetzt erst einmal Kasse zu machen und auf bessere Zeiten zu warten?

Aus kurzfristiger Sicht mag das richtig sein. Andererseits treffen die Wenigsten immer den richtigen Punkt zum Kau­fen und zum Verkaufen. Ich verlasse mich lieber auf die langfristigen, fundamentalen Faktoren. Die aber sind nach wie vor gut. Hier drei Gründe, weshalb Aktien aus dieser Sicht immer noch eine gute Anlage sind.

Erstens muss die Hausse auch nach acht Jahren nicht vorbei sein. Anders als viele denken, gibt es am Aktien­markt nicht das übliche zyklische Auf und Ab. Aufwärtsbe­wegungen können sehr viel länger dauern. Es gab schon Rallyes über zehn und mehr Jahre. In den 70 Jahren nach dem zweiten Weltkrieg sind die Aktien nur vier Mal kräftiger eingebrochen: Bei der Ölkrise 1973, beim Schwarzen Okto­ber 1987, bei der New Economy Bubble 2000 und in der Subprime-Krise 2007/2008. Rein rechnerisch ist das alle 17 Jahre eine Krise. Bei all diesen Krisen handelt es sich frei­lich nicht um zyklische Abwärtsbewegungen, sondern um fundamentale Ungleichgewichte, die korrigiert werden mussten. Danach sieht es heute nicht aus.

Aktien und Konjunktur

DAX, ifo-Geschäftsklima Lageeinschätzung

Aktien und Konjunktur

Was eher wahrscheinlich ist, sind kurzfristige Ermüdungser­scheinungen. Die hat es auch in der Rallye der letzten acht Jahre gegeben. Das waren die Unterbrechung im August 2011 und die Abschwächung 2015/2016. Das war für An­leger schmerzhaft und brachte Kursverluste von 20 % und mehr. Es wurde allerdings immer relativ schnell wieder aus­gebügelt. So etwas kann auch jetzt wieder passieren. Aktienanleger müssen so etwas aushalten können. Es ist der Preis für höhere Renditen.

»In den 70 Jahren nach dem
zweiten Weltkrieg sind die Aktien
nur vier Mal kräftiger eingebrochen.
[…] Rein rechnerisch ist das
alle 17 Jahre eine Krise.«

Zweitens ist die Konjunktur stabil. Sie hat zuletzt gerade wieder angezogen. Das führt dazu, dass die Gewinne der Unternehmen steigen und die Kurse anziehen. Die Korre­lation zwischen dem DAX und dem ifo-Geschäftsklimainidex ist hoch (0,72) (siehe Grafik). Dabei sollte man sich nicht von kurzfristigen monatlichen Schwankungen des Geschäftsklimas (wie Anfang der Woche wieder bekannt gegeben) irritieren lassen.

So wie es derzeit aussieht, wird sich an der Konjunktur auf absehbare Zeit nichts ändern. Der Konsum läuft gut. Er wird in den nächsten Jahren in Deutschland und vielleicht auch den USA durch Steuersenkungen gestärkt. Die Investitionen sind gerade angesprungen. Hier ist noch viel Nachholbe­darf, um die Versäumnisse in den letzten Jahren aufzuholen und den technischen Fortschritt umzusetzen. Schließlich entwickelt sich auch der Welthandel besser.

Dritter Grund für weiter gute Aktienkurse: Die niedrigen Zinsen. Sie helfen auf zweierlei Weise. Auf der einen Seite gibt es unter diesen Umständen für den Anleger keine ren­tablen Alternativen, um sein Geld zu investieren. Er „muss“ sozusagen in Aktien gehen. Das hilft den Kursen. Auf der anderen Seite muss man bei solchen Zinsen keine so große Angst vor Überbewertungen der Kurse haben. Die Überbe­wertungen in anderen Asset-Klassen, vor allem in Bonds (aber auch in Immobilien) sind viel größer.

Natürlich bedeutet die Rückführung der ultralockeren Geld­politik eine Belastung. Es dauert zwar noch, bis die Zinsen steigen. Aber die Aktienmärkte fuhren bisher sozusagen auf zwei Zylindern, der Konjunktur und der Geldpolitik. In Zu­kunft fällt ein Zylinder weg. Das bedeutet nicht das Ende der Rallye. Es macht die Entwicklung aber schwankungsanfälli­ger. Man muss sich die Konjunktur noch genauer anschau­en, um rechtzeitig Schwachpunkte zu erkennen.

Also alles in Butter? Das ist es nie. Risiken gibt es immer. Ich sehe drei Bereiche, von denen Gefahren drohen könn­ten: Das Wichtigste ist die weltweite Rückführung der Geld­politik zu wieder normaleren Verhältnissen. Die Zentralban­ken gehen dabei sehr vorsichtig vor, weil sie wissen, dass hier Gefahren drohen. Das hilft. Aber wenn die Inflation plötzlich anspringen sollte (wofür es derzeit keine Anhalts­punkte gibt, was aber passieren kann), dann könnte die Ent­wicklung den Zentralbanken aus den Händen gleiten. Die Zinsen könnten stärker steigen. Das wäre bei der hohen Verschuldung der Staaten und der Unternehmen ein Rie­senproblem und würde auch die Aktien in die Knie zwingen.

Weniger beachtet werden die Ungleichgewichte bei den Wechselkursen. Aber auch hier gibt es Brisanz. Der US-Dollar ist nach wie vor überbewertet und muss langfristig schwächer werden. Wenn das – wie derzeit – in geordneten Bahnen verläuft, ist das kein Problem. Die Zentralbanken werden alles tun, dass es so bleibt. Aber wehe, wenn die Entwicklung außer Kontrolle gerät. Das war vor dreißig Jah­ren einer der Gründe für den Einbruch im Oktober 1987.

Die dritte Unsicherheit sind die politischen Risiken rund um die Welt. Natürlich hat es sie schon immer gegeben. Das besondere derzeit ist aber die Ausbreitung nationalistischer und populistischer Strömungen in einzelnen Ländern. Sie macht es schwer, die Lage einzuschätzen und kann zu Kurzschlussreaktionen führen.

Für Anleger

Wenn Sie Langfristinvestor sind und temporäre „Drawdowns“ (Rückschläge) aushalten können, können Sie in Aktien investiert bleiben. Ihr Durchhaltevermögen könnte aller­dings empfindlich getestet werden. Ein vorübergehen­der Rückgang der Kurse um 20 % (auf ein DAX-Niveau von 10.000) ist denkbar. Nach dem Muster der vergange­nen Jahre ist damit aber erst 2018/2019 zu rechnen. Fo­kussie­ren Sie sich auf konservativere Werte.

Dr. Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

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