Hüfners Wochenkommentar
Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

Der Anstieg der Ölpreise in den letzten Tagen hat Hoffnun­gen geweckt. Viele erwarten, dass jetzt auch die Inflations­rate nach oben gehen wird. Das würde zur Normalisierung beitragen, nicht nur beim Geldwert, sondern auch an den Kapitalmärkten.

Ich habe mir das etwas genauer angeschaut. Das Ergebnis: So eng, wie das immer angenommen wird, ist der Zusam­menhang zwischen Ölpreis und Inflation nicht. Ich möchte daher hier ein bisschen Wasser in den Wein der allgemei­nen Erwartungen gießen. Hier die Gründe.

Als erstes sind die Erfahrungen der letzten Monate zu nen­nen. Seit Jahresanfang ist der Ölpreis um ca. 50 % gestie­gen (von 37 auf 55 US-Dollar je Barrel).

Die allge­meine Geldentwertung im Euroraum hat sich dagegen in dieser Zeit kaum bewegt. Sie ist gerade einmal um Dreizehntel­prozentpunkte gestiegen, von 0,3 auf 0,6 %.

Auch längerfristig ist der Zusammenhang zwischen Ölpreis und Inflation nicht so hoch. Die Grafik zeigt die Entwicklung der letzten 20 Jahre. Schon mit bloßem Auge erkennt man, dass die Korrelation zwischen den beiden Zeitreihen nicht allzu groß ist. Statistisch beträgt sie gerade einmal 0,21. Viel kleiner kann ein Zusammenhang nicht sein (bei null gibt es keinen Zusammenhang, bei eins ist der Zusam­menhang perfekt).

»So eng, wie das immer angenommen wird, ist der Zusammenhang zwischen Ölpreise und Inflation nicht.«

Auch wenn man sich einzelne Perioden etwas genauer an­schaut, wird das Ergebnis nicht besser. Natürlich gab es Zeiten, in denen sich Ölpreis und Inflation weitgehend parallel entwickelten. Das war zum Beispiel in der großen Finanzkrise 2007/2008 der Fall, als Ölpreis und Inflation zuerst stark anstiegen und dann abrupt wieder fielen. Das war aber eher die Ausnahme. Über viele Jahre war das ganz anders. Von 2001 bis 2006 etwa ist der Ölpreis von 18 auf 73 US-Dollar je Barrel gestiegen. Die allgemeine In­flation blieb aber praktisch unverändert. Umgekehrt ist die Geldentwertung von 2011 bis 2014 wegen der Eurokrise deutlich gefallen (von 2,7 auf 0,5 %). Die Ölpreise aber ha­ben sich lediglich von 123 auf 111 verringert. Das zeigt, wie vorsichtig man mit Schlussfolgerungen von den Ölpreisen auf die allgemeine Preissteigerung sein muss.

Ölpreis und Inflation

Daten von Januar 1997 bis Dezember 2016

Ölpreis

Quelle: EZB, Fred

Theoretisch ist das auch einleuchtend. Der Ölpreis ist ein Preis unter hunderttausenden anderen, die monatlich für die Ermittlung des Verbraucherpreisindex erhoben werden. Die Kosten der Energie machen nur weniger als 10 % des Wa­renkorbs des Verbraucherpreisindex im Euroraum aus. Mehr als 90 % der Preise haben nichts – oder nur sehr indirekt et­was – mit dem Ölpreis zu tun. Selbst im Bereich der Energie ist der Ölpreis nicht dominant. Es gibt viele andere Energie­träger, deren Preise sich keineswegs so wie der Ölpreis ent­wickeln. Haushaltsenergie (Strom, Gas und andere Brenn­stoffe) beispielsweise hat sich in Deutschland seit Jahresan­fang überhaupt nicht verteuert. Heizöl und Kraftstoffe sind nur um 6,3 % teurer geworden.

Im Übrigen ist der Wechselkurs zu berücksichtigen. Der Öl­preis wird üblicherweise in US-Dollar gemessen. Was für die europäischen Preise aber relevant ist, sind die Preise in Euro. Sie können sich erheblich unterscheiden. Es gab Zei­ten, in denen Öl teurer wurde, sich der Euro aber aufwerte­te. Dann ist der höhere Ölpreis beim Verbraucher in Europa gar nicht angekommen. In diesem Jahr spielt der Wechsel­kurseffekt allerdings keine Rolle, da sich der Euro/US-Dol­lar-Kurs seit Jahresanfang per Saldo kaum verändert hat.

Hinzu kommt, dass Öl selbst für den Verbraucher nicht di­rekt relevant ist. Er erwirbt es immer nur in einer verarbei­teten Form, sei es in Benzin oder Diesel oder in Kunststof­fen, die mit Öl hergestellt werden. In die Preise dieser Pro­dukte gehen aber noch eine Vielzahl anderer Komponenten ein. Unter anderem natürlich auch die verschiedenen Steu­ern. So kommt es, dass selbst der Benzinpreis nicht so stark vom Ölpreis beeinflusst wird. Seit Jahresbeginn hat sich der Preis für Superbenzin in Deutschland gerade ein­mal um 3,9 % erhöht (verglichen mit den ca. 50 % beim Ölpreis).

Durch die Verarbeitung des Öls entstehen auch immer zeit­liche Verschiebungen. Es dauert eine Weile, bis der Ölpreis beim Verbraucher ankommt. Es ist daher problematisch, wenn man versucht, den Einfluss des Öls aus der Inflations­rate herauszurechnen. Das geschieht beispielsweise mit Hilfe der Kernrate. Sie besagt, wie sich der Preisindex ohne Energie entwickelt. Sie erhöht sich im Euroraum derzeit et­was stärker als der allgemeine Preisindex (0,7 %). Was man damit eliminieren kann, sind aber nur die unmittelba-ren Effekte. Alles, was aufgrund höherer Ölpreise erst spä­ter teurer wird, wird nicht erfasst (etwa Reisen, Kunststoffe, etc.).

Für den Anleger

Versprechen Sie sich nicht zu viel von den steigenden Öl­preisen. Natürlich steigt die Inflation etwas. Solange sich die Konjunktur aber nicht stärker belebt, wird auch die all­gemei­ne Inflation nicht schneller nach oben gehen. Daher werden auch die langfristigen Zinsen nach dem Schub der letzten Wochen zunächst nicht so stark weiter anziehen. Erst wenn sich die allgemeine Wirtschaftslage – etwa durch mehr Wachstum und mehr Inflation in den USA – verändert, wird sich die Geldentwertung erhöhen. Ich rechne damit aber erst für den Verlauf des kommenden Jahres. Erst dann wer­den auch die Zinsen weiter nach oben gehen.

Martin Hüfner ist Chefvolkswirt des Vermögensverwalters Assenagon.

 

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Maximilian Stratz studierte Betriebswirtschaftslehre an der Universität Bayreuth. Seit 2016 ist Maximilian Stratz im Redaktionsteam des EXtra-Magazins beschäftigt.